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Foto: Pablo Picasso um 1915. ©Georges de Zayas. Photo © RMN-Grand-Palais (musée national Picasso-Paris) / Adrien Didierjean. ©Succession Picasso 2021
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Pablo Picasso um 1915.

Ausstellung

Ein Ausländer namens Picasso

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Pablo Picasso wurde in Frankreich sehr schlecht aufgenommen, auch wenn er dort Zeit seines Lebens arbeitete. Jetzt erst kommt das Polizeidossier des genialen Malers ans Licht.

Paris - Man glaubte, alles zu wissen über den berühmtesten Maler, Zeichner und Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Doch über einen Aspekt sprach Picasso selbst sehr ungern: über den höchst unangenehmen, ja ablehnenden Empfang, den ihm die französischen Behörden bereiteten, gefolgt von 40 Jahren voller Verdächtigungen und Anfeindungen, die auch sein Werk beeinflussten.

Für Frankreich, das sich gerade für Künstler als „terre d’accueil“ (Hort der Aufnahme) empfindet, ist die Enthüllung von Picassos Polizeidossier kein Ruhmesblatt. Das macht ein mehr als 700-seitiges Buch namens „Un étranger nommé Picasso“ (Ein Ausländer namens Picasso) klar, verfasst von Anne Cohen-Solal und erschienen bei Fayard in Paris. Mit dem entdeckten Material hat die französische Historikerin zudem eine ganze Ausstellung geschaffen. Sie ist in Paris bis 13. Februar zu sehen – und nicht etwa in einem der großen Kunsttempel, sondern folgerichtig im „Nationalen Museum für die Geschichte der Immigration“.

Pablo Picasso: Ein von der Polizei „überwachter Anarchist“

Picasso, 1881 in Málaga geboren, kam im Alter von 18 Jahren erstmals nach Frankreich, als er die Weltausstellung besuchte. Laut der offiziellen Biografie war er so eingenommen von Frankreich, dass er bis zu seinem Tod dort lebte und über die kommenden Jahrzehnte rund ein Dutzend Wohnsitze zwischen Paris und der Côte d’Azur hatte. Mit den „Demoiselles d’Avignon“ wurde er 1907 zu einer Ikone des Kubismus, ja der Moderne; dank der Blauen und Rosa Periode etablierte er sich nach dem Ersten Weltkrieg als einer der führenden Maler Frankreichs, um 1932 seine erste große Ausstellung zu erhalten.

Das alles ist nicht falsch. Was Picasso aber selber verschwieg, vielleicht bewusst abtat: Schon 1901 hatte ihn die französische Polizei als „überwachten Anarchisten“ registriert. Richtig daran war nur die Überwachung. Dass er im Pariser Arbeiterviertel Montmartre lebte und Kontakt zu „subversiven“ Künstlern pflegte, machte ihn zusätzlich verdächtig. In seinem Dossier mit der Nummer 74664 raunte zum Beispiel seine Concierge (Hauswartin), der junge Maler spreche „sehr schlecht Französisch“. Er habe einen Vertrag mit einem „Gemäldehändler namens Rosenberg“, liest man. Deutlicher wurde der Louvre-Konservator René Huyghe, der Picasso andeutungsweise als „ewigen Juden“ präsentierte.

Picassos Kunst wurde in Paris als „entartet“ bezeichnet

Während der nichtjüdische Spanier 1932 im Kunsthaus Zürich seine erste große Ausstellung erhielt, hingen in Pariser Museum gerade mal zwei seiner Werke. 1939, zwei Jahre nach seinem epochalen Kriegsgemälde „Guernica“, setzte er sich vor der Nazi-Gefahr in den westfranzösischen Atlantikort Royan ab. Die französische Polizei saß ihm aber auch dort im Nacken, lud ihn verschiedentlich vor. Als Picasso ein Einbürgerungsgesuch einreichte, um seine prekäre Situation abzusichern, war es zu spät: Das an die Macht gekommene, mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime verweigerte sein Gesuch mit den Worten: „Dieser Ausländer hat keinen Grund für seine Naturalisierung und muss nach nationalen Gesichtspunkten als verdächtig gelten.“ Fast gleichzeitig wurde Picassos Kunst in Paris als „entartet“ bezeichnet; ab November 1940 waren seine Werke in Frankreich verboten.

Eine interessante Frage ist, ob Picasso 1944 wegen der Rückweisung durch Frankreich in die Kommunistische Partei Frankreichs eintrat. Seine Begründung dafür lautete jedenfalls laut Cohen-Solal: „Ich wollte so schnell wie möglich eine Heimat finden.“ Picassos Werk wurde zweifellos von seiner ständig bedrohten Lage zwischen 1901 und 1944 – also über das 60. Lebensjahr hinaus – beeinflusst. Das legt die berühmte Plastik „Mann mit Schaf“ (1943) nahe. Picasso verkehrte dabei den „guten Hirten“ in eine Figur, die das Lamm eher opfert als beschützt. Picasso präzisierte selbst, er habe kein religiöses, sondern ein „menschliches Gefühl“ ausdrücken wollen – ein Gefühl des mangelnden Schutzes durch Frankreich, des Ausgeliefertseins während der deutschen Besatzung?

Man könnte Picasso als Migranten bezeichnen

Tatsache ist, dass Picasso nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich nie mehr um die Einbürgerung ersuchte. Als der nachmalige Staatspräsident Georges Pompidou dem neuen Weltstar 1958 ein entsprechendes Angebot machte, antwortete der 76-jährige Spanier mit einem Affront – nämlich gar nicht. Das war allerdings auch nicht nötig, genoss doch Picasso nun bereits ein „privilegiertes“ Aufenthaltsrecht.

Es beinhaltete auch die Erbschaftssteuer, die Picassos zahlreiche Nachfahren nach seinem Tod 1973 in Form mannigfacher Kunstwerke abführen mussten. Sie haben es Frankreich erlaubt, 1985 das grandiose Picasso-Museum in Paris zu eröffnen.

Bleibt eine Frage: Warum wird Picassos bedrohtes Statut der Zwischenkriegszeit erst ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod bis in die Details bekannt? Hatte bis heute niemand die Idee und die Energie, in den Polizei- und Staatsarchiven Picassos Akten zu durchforschen? Jedenfalls brauchte Cohen-Solal dafür Jahre.

Heute passt es zudem, Picasso als „Migranten“ zu bezeichnen, wie es der Generaldirektor des Immigrationsmuseums, Pap Ndiaye, tut. Cohen-Solal widerspricht zwar: „Picasso war kein Immigrant, eher ein Expatriierter und ein Paria, der aus beruflichen Gründen nach Paris kam.“ Der Ort der „Picasso-Ausstellung“ spricht aber für sich.

Dass der Spanier dort gerade jetzt zu Ehren kommt, da das Thema Immigration die anlaufenden Präsidentschaftswahlen überschattet, kann aber in Frankreich, wo alles irgendwie politisch ist, keine Koinzidenz sein. (Stefan Brändle)

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