Cy Twombly: Untitled, 2003.
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Cy Twombly: Untitled, 2003.

Zeichnungen

Zu Ehren von Cy Twombly

  • Arno Widmann
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Verlegerischer Kraftakt für einen der wirklich bedeutendsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Der letzte Band von Cy Twomblys Zeichnungen liegt vor.

Lothar Schirmer ist der Chef des Verlages Schirmer/Mosel. Er ist 72 Jahre alt. Er hat mir mit dem letzten Band seiner Cy-Twombly-Zeichnungsedition einen Brief geschickt, aus dem ich hier, die Gesetze der Höflichkeit verletzend, zitiere: „Was Besseres dürfte mir zu Lebzeiten nicht mehr gelingen. Dazu ist die Welt – mich eingeschlossen – ein wenig zu kurzatmig geworden. Aber besprechen oder einfach weiterempfehlen kann natürlich nicht schaden!“

Ich rezensiere wahrscheinlich seit 35 Jahren Bücher seines Verlages. Ich habe noch nie einen so traurigen Brief von ihm bekommen. Der von Nicola Del Roscio herausgegebene „Catalogue Raisonné“ der Zeichnungen des amerikanischen Malers Cy Twombly (1928-2011) umfasst acht Bände mit insgesamt mehr als 2670 Farbtafeln. Die Bände kosten alle zusammen in zwei Schubern 1300 Euro. Ich habe mich nie getraut, eine so teure Fracht – oder auch nur einen Band daraus – zur Rezension zu bestellen. Dabei gehört Cy Twombly zu denen, die ich, seit ich ihn sehr spät auf der Biennale von 1988 entdeckte, verehre wie nur wenige andere. Er ist hell, wach, verspielt und präzise wie nur Träume es sind. 

Aber bevor ich jetzt mir endlich ein Herz fasse und über Cy Twombly schreibe, muss ich erst einmal sagen, dass ich gerührt bin von Schirmers Zeilen. Von der Resignation, die aus ihnen spricht. Sie klingen wie ein Abschied. Vielleicht hat er Recht, vielleicht gelingt ihm nichts mehr ähnlich Monumentales wie diese acht Bände von einem der wirklich bedeutendsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sicher hat er auch damit Recht, dass die Zeiten kurzatmig geworden sind. Aber das sind sie schon lange. Die großen Projekte müssen fast immer von den wenigen, die den langen Atem haben, durchgesetzt werden gegen die eilige, von Ereignis zu Ereignis japsende Gegenwart. 

Schirmer hat sich die Zeit genommen und immer wieder gewartet darauf, dass seine großartigen Bücher ihre Käufer finden. Der Kurzatmigkeit der Welt hat er seinen Verlag entgegengestellt. Er hat sich freilich auch tragen lassen von ihr. Das macht seine Kunst aus: Madonna und die Bechers oder Elvis Presley und Michael Frieds Essay „Warum Fotografie als Kunst so bedeutend ist ...“. Es gibt nicht wenige Schirmer/Mosel-Leser, die im Laufe der mehr als vierzig Jahre, die es den Verlag nun gibt, dieses „und“ ihm abgeschaut und für sich entdeckt haben. Sie haben Wolfgang Kemps und Hubertus von Amelunxens vier Bände „Theorie der Fotografie“ ebenso aufmerksam durchstöbert wie die Werkübersichten von Gerhard Richter, Cy Twombly, die Bände über Beuys, Kiefer und Kahlo.

Aber zurück zu Cy Twombly. Er war eng befreundet mit Robert Rauschenberg und Jasper Johns, verabschiedete sich dann aber und ging nach Europa. Dort malte er riesige Bilder, die, sah man sie auf Abbildungen, nichts schienen als Kleckse und Striche. Stand man vor ihnen, trat man einige Schritte zurück und sah riesige Landschaften, in denen das Weiß der Leinwand eine gewichtige Rolle spielte, und dann mal mitten drin, lieber aber unten oder oben in einer Ecke, eine Zeile aus einem Gedicht, aus längst vergessenen Texten, die den Betrachter weit wegschickten. Oft über Jahrtausende zurück. Da gibt es von 1978 ein Bild, 190 mal 170 Zentimeter: ein kreisendes Etwas auf weißer Leinwand. Der Rand dunkelblau und schwarz, in der Mitte glühendes Rot. Ein Stern aus den Tiefen des Kosmos, denkt man. Dann entdeckt man darüber den Schriftzug „Achilles Shield“. 

Seit Homers Beschreibung vom Schild des Achill ist dieser Passus berühmt, ein europäischer Topos, wenn es um die Frage nach der Verbindung von Bild und Text, Malerei und Dichtung geht. Der Betrachter kann sich entscheiden. Er gibt seinen ersten Eindruck auf und verabschiedet sich von der kosmologischen Assoziation beim Anblick des kreisenden Farbkleckses. Ich habe mich geirrt, sagt er sich, das ist das Schild des Achill. Er ordnet das Bild dem Text, den er als Erläuterung liest, unter. Oder aber der Betrachter ist nicht bereit, seine kosmologische Assoziation aufzugeben. Das Schild des Achill bewahrt uns vor dem Einbruch der Welt, sagt er. Jetzt erläutert er den Text durch das Bild: „Schild des Achill“ ist eine Metapher geworden, Twombly setzt der Kurzatmigkeit der Gegenwart nicht nur Zitate aus anderen Zeiten entgegen, sondern die Weiten des Universums.

Im Band 8 der Zeichnungen sind auch die einzelnen Seiten eines Heftes abgedruckt, das ein Dutzend Vierzeiler des persischen Dichters, Philosophen, Mathematikers, Astronomen Omar Khayyam (1048-1123) versammelt. Cy Twombly hat die Verse auf die Seiten des Heftes geschrieben und sie bemalt mit Kreisen und Strichen. Ganz wie die großen Leinwände so die 22 Seiten eines 54 mal 38 Zentimeter großen Heftes. Sie haben etwas Animierendes. Man möchte Wasserfarben kaufen und es ihm nachtun. Nicht weil es so einfach scheint. Nein, das nicht. Aber es scheint das Selbstverständlichste von der Welt, sich Verse zu nehmen, wenn man sie schon nicht selbst schreiben mag, und ein wenig um sie herum klecksen. Oder umgekehrt. Ein Heft bemalen und dann hier und da einen Text hinein oder darüber setzen.

Twombly nahm Texte wie diesen: „Der sucht nach Licht, der ist dem Zweifel nah’; / Der grübelt, forscht, was war, was nicht geschah. / Da plötzlich ruft der auf der Warte: ‚Narren! / O wisst, der Weg ist weder da, noch da!‘“ Bei Omar Khayyam geht es um Wein und Liebe – mit Mädchen und Männern -, um die Gewissheit der Ungewissheit. Es ist eine weltliche Philosophie, die bald bekämpft wurde von den Gralshütern des wahren Glaubens. Cy Twombly, so klärt uns sein Lebensgefährte Nicola Del Roscio auf, arbeitete an diesem Heft in den Jahren 1984 bis 2002. Es scheint darauf anzukommen, sich eine solche Arbeit zum Begleiter zu machen oder eher zu etwas, das man zwischendurch liegen lässt, auf das man aber immer wieder einmal zurückkommt. Oder erst der alt gewordene Twombly nahm es nach fast zwanzig Jahren wieder zur Hand, weil er fertig machen wollte, was er angefangen hatte. Omar Khayyams todesgewisse Verse riefen ihn also nicht nur zu Wein und Liebe, sondern vor allem zur Arbeit. Er sah sein Ende kommen und wollte darum beenden, was noch lose herumlag.

Vielleicht ging es dem Verleger ähnlich mit den mächtigen Bänden. Vielleicht hatte er Zweifel, alles noch fertigzubekommen. Man muss nur einmal stolpern, unglücklich hinfallen. Und noch etwas, das der Jugend nicht klar ist. Man kann nicht ewig zwölf Stunden am Tag siebenmal die Woche arbeiten. Aber Schirmer ist es gelungen. Der achte Band der Zeichnungen liegt vor. 

Und wir Twombly-Bewunderer blättern darin, vergessen ganz schnell den Verleger und bleiben zum Beispiel hängen an den Blättern, auf denen nur geschwungene Linien gezeichnet sind: blau, rot, grün, gelb. In Schreibwarengeschäften findet man manchmal solche Blätter, auf denen Kunden Farbstifte ausprobiert haben, und einmal nahm ich ein solches Blatt mit. Dass ich seine Schönheit erkannte, habe ich Twombly zu verdanken. Er hat mir das beigebracht. Wir unterschätzen gerne, dass uns die Augen geöffnet werden müssen. Gar nicht so sehr fürs Besondere, sondern fürs Gewöhnliche. Das ist uns zu bekannt. Wir übersehen es. Ein Gutteil der Anstrengungen der Kunst des 20. Jahrhunderts bestand darin, die Schönheit des Gewöhnlichen sichtbar zu machen. Duchamps Pissoirbecken von 1917 ist nur eine Etappe darin, wie Beuys’ Fettecke oder seine Badewanne. 

Cy Twomblys Kritzeleien sind absichtslos, frei. Ihrer Schönheit aber scheinen sie mir völlig bewusst. Und dieses Bewusstsein macht sie noch schöner. Das lässt sich alles natürlich nicht beweisen. Wie soll eine Zeichnung sich ihrer bewusst sein? Aber wir wissen inzwischen: wir denken auch mit der Hand. Und erst Cy Twombly! Ein Schwabe, den es nach Berlin verschlagen hatte, schrieb, als habe er Cy Twombly gekannt: „Das Wahre ist der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist, und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar auflöst, – ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe.“

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