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Museum Ludwig Köln

Echtzeit kann anstrengend sein

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Das Kölner Museum Ludwig lockt unter dem Motto "Sesam, öffne dich!" in eine Ausstellung mit Werken Isa Genzkens. Dem Publikum ist sie seit der Biennale in Venedig 2007 ein Begriff.

Es ist noch gar nicht lange her, dass der Name Isa Genzken allenfalls Kunstkennern ein Begriff war. Jetzt hängen Plakate in Frankfurt, weil Genzken eine Ausstellung im Kölner Museum Ludwig hat. Grund dafür dürfte vor allem Genzkens erfolgreiche Bespielung des Deutschen Pavillons in Venedig vor zwei Jahren und eine Open-Air-Installation zur Skulptur Projekte Münster, ebenfalls 2007, sein, die die Außenseiter-Künstlerin ins Bewusstsein eines größeren Publikums katapultiert haben. Seither assoziiert man Genzken mit schrill-bunten Abfallmaterialien, die sie geschickt zu arrangieren weiß. Skulpturen, die von weitem verlockend und aus der Nähe schäbig aussehen, die zugleich anziehen und abstoßen und deren Zusammenstellung eine gewisse Faszination ausübt, selbst wenn man häufig nicht so genau weiß, warum.

In Köln nun ist das Werk von Isa Genzken in seiner gesamten Bandbreite zu sehen. "Sesam, öffne dich!" lautet der Titel für ihre bislang umfassendste Einzelausstellung, die das Museum Ludwig in Zusammenarbeit mit der Londoner Whitechapel Gallery entwickelt hat. Es beginnt indes ein wenig unglücklich mit aktuellen Arbeiten, bestehend aus Transportwagen, mit denen in Supermärkten die Waren zu den Regalen gefahren werden, und in denen sich nun wüst malträtierte Schaufensterpuppen befinden, die mit Farben besprüht, Blumenketten und grässlichen Klamotten behängt, denen die Perückenhaare unbeholfen geschnitten oder Brustattrappen und dergleichen mehr aufgesetzt wurden. Eine Parade der Lädierten, wenn man so will. Womöglich geht es um Konsumkritik oder die Folgen des Kapitalismus; das Ganze sieht aber allenfalls kreischbunt und albern aus. Der radikal provisorische Charakter, wie er in zahlreichen früheren Serien zum Ausdruck kommt - hier wirkt er überstrapaziert und entleert.

Umso mehr erstaunen die ganz frühen Arbeiten, in denen sich ein formaler Perfektionismus zeigt, der auf Fertigungsstrategien der Minimal Art und Prinzipien des Konstruktivismus gründet. Die so genannten Ellipsoide und Hyperboloide entstanden in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren, als Genzken an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Richter studierte, den sie 1982 schließlich heiratete. Extrem schlanke, bis zu zwölf Meter lange Holzskulpturen, in deren Öffnungen zuweilen komplexe Geometrien sichtbar werden. Zeitgleich entstanden Fotos von Hi-Fi-Gerätewerbung, die in ihrer Sachlichkeit und der Ready-Made-Anmutung reine Kunstgebilde sind.

Erst in den späten achtziger Jahren verabschiedete sich Isa Genzken von formaler Glätte und abstrakter Formensprache, um mit der Serie "Weltempfänger" (1987) ebenso rohe wie subtile Objekte zu erfinden. Man meint eine Versammlung stummer Wesen mit Fühlern vor sich zu haben. Metaphern wie Vergeblichkeit, Scheitern, Sprachlosigkeit blitzen auf, ohne sich in platter Eindeutigkeit aufzudrängen.

Ähnlich wie Richter, von dem sie sich 2003 scheiden ließ, verfolgte Genzken stets mehrere künstlerische Strategien gleichzeitig. 1992 drehte Isa Genzken etwa einen Film von ihren Großeltern im Bayrischen Wald. Eine Art Alltagsporträt, das Oma beim Kuchenbacken und Opa beim Kordelentwirren zeigt. Dazu tickt eine Uhr oder klappert ein Topfdeckel über kochendem Wasser. Auf der Fensterbank sieht man Nippes stehen. Oma beklagt den zerbrochenen Kuchenpinsel, Opa verlorene Güter in Schlesien. An einer Wand hängt ein Ozean-Bild, an einer anderen ist es ein Teppich. Oma räumt Geschirr in den Schrank, Opa schaut ARD-Morgenprogramm. Echtzeit kann anstrengend sein.

Eine große Rolle im Werk von Isa Genzken spielen Architekturmodelle, die die Wahlberlinerin bis heute in großer Zahl auf eine Weise anfertigt, die eine mögliche Umsetzbarkeit nicht berücksichtigt. Erinnern frühe abstrahierte Gips- und Betonmodelle, die Genzken auf hohen Stahlgestellen präsentiert, noch an Architekturabgüsse von Rachel Whiteread, so bricht sich in den folgenden Jahrzehnten eine starke Vorliebe für Abfall-, Deko-Materialien und spiegelnde oder holografische Klebefolien Bahn. Für eine Reihe von Hochhausmodellen ("New Buildings for Berlin", 2001"), die sie auf der Documenta 11 zeigte, verwendet sie unterschiedliche strukturierte und gefärbte Glasscheiben, in der Serie "Fuck the Bauhaus", 2000) kamen buntes Plexiglas und ein Haufen Krimskrams wie leere Pizzakartons oder Blumenfotos zum Einsatz.

Für die Serie "Urlaub", die bereits 2000 im Frankfurter Kunstverein zu sehen war, frickelte Isa Genzken aus Folie, Aluminium, Pressspan kleine Strandhaus-Modelle zum Umziehen, die aus dem schrägen Kontrast von liebloser Zusammenschusterei und liebevollem Muscheldekor eine merkwürdige Spannung beziehen. Die ästhetisch perfektionierte Normarchitektur ist der 1948 geborenen Künstlerin offenbar ein Graus. Ihr Entwurf "Memorial Tower (Ground Zero)" von 2008 allerdings - eine Trash-Assemblage aus Lichterketten, Zeitungsfotos, Geschenkbändern und Stoffblumen - wirkt so inadäquat und schäbig, dass man schon wieder den Hut ziehen möchte vor so viel trotziger Dreistigkeit.

Museum Ludwig, Köln, bis 15. November. www.museum-ludwig.de

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