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Die Austellung im Museum für Moderne Kunst Frankfurt.

Fotografie

Die Dunkelheit und manchmal das Leuchten

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Fotografien, die Menschen und Stille abbilden: Die Finalisten des Deutsche Börse Photography Prize im MMK3.

Die Niederländerin Dana Lixenberg (geb. 1964), die für ihr mehr als zwanzig Jahre umfassendes Projekt „Imperial Courts“ in diesem Jahr den Deutsche Börse Photography Prize erhalten hat, kann von einigen der von ihr Porträtierten Schlimmes erzählen – eingesperrt, erschossen, zum Mörder geworden –, aber ihre Bilder zeigen still präsente, gelassene, vielleicht ein wenig trotzig blickende Menschen. Sie habe, sagt Lixenberg in Frankfurt vor der Eröffnung der Ausstellung im MMK3, möglichst „undramatische“ Aufnahmen machen wollen, es gebe doch genug Drama im Leben dieser Leute. Denn was so albern „Kaiserliche Höfe“ getauft wurde, ist ein Ghetto in Los Angeles, in dem weit überwiegend Afroamerikaner leben. 1993 war Lixenberg erstmals da. Langsam gewann sie das Vertrauen. Von manchen Familien hat sie drei Generationen porträtiert.

Sie sind gereist und haben das Undramatische gesucht

Obwohl Fotografien ja keine Geräusche von sich geben, gibt es laute und leise, bewegte und in sich ruhende. Um wild Bewegtes zu sehen, muss man derzeit ins nur wenige Schritte entfernte Fotografie Forum gehen, in die Konzertbilder-Ausstellung „Rock. Funk. Punk.“. Dagegen hat sich die Jury des Photography Prize in diesem Jahr für fünf Finalisten entschieden – sie werden in der zugehörigen Ausstellung gezeigt –, die sich nicht dem Druck des Auslösens in Zehntelsekunden unterworfen haben. Im Gegenteil konnten alle Projekte reifen, sich in der Zeit ausdehnen.

Im übertragenen Sinn die Lautstärke ganz weggedreht hat Awoiska van der Molen (geb. 1972), ebenfalls eine niederländische Fotokünstlerin. Sie setzt sich Orten aus, wartet, übernachtet oft in ihrem Auto, wartet wieder. Auf den menschenleeren Schwarz-Weiß-Bildern, die sie selbst von Hand abzieht, die sie dunkel hält, fast als wären es Nachtaufnahmen, ist dann ein Stück staubige Erde mit Steinen zu sehen, eine Wasserfläche mit einem Häkelmuster aus Gräsern, eine Felswand, im linken oberen Eck hängen ein paar Palmblätter ins Bild, ein Berg, von dessen Gipfel ein Wasserlauf leuchtet. Erhellend ist ihre Bemerkung (auch sie ist angereist), sie habe die weißen Blätter auf einem ihrer Bilder „zu hübsch“ gefunden, es dann so groß abgezogen (und als Diptychon), dass „Dunkelheit in der Mitte“ entstanden sei.

Von anderer Art sind die Dunkelheiten der Französin Sophie Calle (geb. 1963). In dem in Frankfurt vorgestellten Projekt „My mother, my cat, my father, in that order“ geht es in Text, Bild, Installation um den Tod von Calles Mutter, Katze, Vater. Im Text beschreibt sie zum Beispiel die letzten Tage ihrer Eltern, ihre letzten Worte. Im Bild ist ein Grabengel zu sehen, ist die in einem Körbchen aufgebahrte Katze zu sehen oder die präparierte Giraffe, die Sophie Calle nach ihrer Mutter Monique nennt. Monique hängt an der Wand und wacht. Von Calles Vater gibt es ein winziges Bild in einem Schrein. Selbst wenn man ihre Art zu trauern etwas seltsam findet, so lässt sie doch nicht kalt.

Von den Schweizern Taiyo Onorato und Nico Krebs (beide geb. 1979, sie arbeiten stets zusammen) schließlich gibt es zwar neben Dias auch Bewegtbilder zu sehen, aber diese schnurren in Schwarz-Weiß von einem kleinen Projektionsgerät ab. Die eine Filmchenfolge blickt osteuropäischen Menschen ruhig ins Gesicht: Onorato und Krebs waren von der Schweiz aus 17 000 Kilometer durch Russland, die Ukraine, Georgien usw. bis in die Mongolei unterwegs. Andere kurze, leicht flackernde Filme zeigen eine Schlangenfrau bei ihrem Training oder (dies in Farbe) Ringer.

Wie Dana Lixenberg sind Onorato/Krebs auch Ethnologen. Die nicht das Spektakuläre abbilden, nicht auf den Effekt zielen, die in der immer noch steigenden Flut der milliardenfach und hastig produzierten Bilder die Kunst des genauen Hinsehens pflegen. Junge und Alte, Verlegene und Forsche, Verhuschte und Leuchtende, Menschen mit Pfirsichhaut und solche mit Ackerfurchen im Gesicht blicken einen an, Schöne (eine erinnert an Sophia Loren) und auf etwas andere Art Hübsche. Danach ist es eine Notwendigkeit, einmal wieder ein paar Mitmenschen tatsächlich anzusehen.

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