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Dresdner Bilderwechsel

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Von: Ingeborg Ruthe

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Austausch der Mitteltafeln: Links Hans Grundigs lange im Depot bewahrtes „Tausendjähriges Reich“, rechts Dix’ berühmter „Krieg“.
Austausch der Mitteltafeln: Links Hans Grundigs lange im Depot bewahrtes „Tausendjähriges Reich“, rechts Dix’ berühmter „Krieg“. © dpa

Das altarhafte Triptychon „Der Krieg“ von Otto Dix wird nun zum Forschungsobjekt. Mit Röntgen- und CT-Diagnostik soll das 1923 fertiggestellte Werk untersucht werden - Historiker und Restauratoren hoffen auf Aufschlüsse über den Entstehungsprozess. An seiner Stelle hängt Hans Grundigs „Tausendjähriges Reich“.

Dem Fischgrätenparkett im Dresdner Albertinum an der Brühlschen Terrasse dürfte es egal sein, was da auf Transportwägelchen vorsichtig hin und her gerollt wird. Nicht aber den Museumsleuten und dem Publikum der Galerie Neue Meister. Otto Dix’ 1932 in Dresden beendetes Triptychon „Der Krieg“, dieser monumentale Tafelaltar mit Predella, wird für einige Zeit Forschungsobjekt: Geplant sind als erstes Röntgen- und CT-Diagnostik, ganz wie bei einem Lebewesen. Historiker und Restauratoren der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wollen endlich wissen, wie Dix (1891-1969) vorging, von der Grundierung über die Vorzeichnung bis zum letzten Pinselstrich. „Wir erhoffen uns Aufschluss über den Entstehungsprozess“, erklärt Kustodin Birgit Dalbajewa. Der Maler habe seinerzeit außergewöhnlich lange und vehement um die Komposition und damit die Aussage des altarhaften Werkes gerungen. Und man wisse von Dix, der ab 1927 eine Professur an der Kunstakademie Dresden ausübte, bis ihn die Nazis 1933 schassten, dass er beim Übertragen von der Zeichnungsvorlage auf die Tafeln noch dauernd veränderte. So hatte 1930 die Hollywood-Verfilmung von Remarques „Im Westen nichts Neues“ ihren Anteil. Dieser starke Roman beschreibt die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Soldaten – welche Parallele zu des Malers eigenen, nie verwundenen Kriegserlebnissen bei der Feldartillerie an Ost- und Westfront. Hinzu kamen altmeisterliche Zitate. Dix schlug einen expressiven Bogen zu Matthias Grünewalds „Isenheimer Altar“ in Colmar: gleicher Aufbau, verwandte metaphorische Wirkmacht. Nur, dass Dix’ „Gekreuzigtem“ die Gedärme herausquellen und tote Soldaten in der Predella liegen, während Grünewalds Jesu still ergeben in der Untertafel des Altars liegt. Anstelle des berühmten Dix-Gemäldes hängt im Albertinum nun eine Zeit lang Hans Grundigs Triptychon „Das Tausendjährige Reich“ von 1935/38 – eine Vision von Dresdens Untergang im Zweiten Weltkrieg. Neusachlich, veristisch im Stil, sind die Altäre vom großen sinnlosen Sterben 1914 bis 1918 und die des Zivilisationsbruchs der Nazis von 1933 bis 1945 wahlverwandt. Die Empathie wie Ausdruckskraft des ostthüringischen Weltbürgers Dix und des sächsischen Kommunisten Grundig (1901-1958) schaffen Assoziations-Parallelen über menschliche Verbrechen, die den Atem stocken lassen. Die Dinge so zu zeigen, wie sie wirklich sind, war beiden Malern offenkundig am Wichtigsten. „Künstler sollen nicht bessern und bekehren. Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie“, so Dix. Den Ersten Weltkrieg hatte er an vorderster Front erlebt.

Gräuel bleibt Gräuel

Geprägt von diesen Eindrücken, holte er das Hässliche in die Kunst. An Drastik hat er dabei nicht gespart, ja, den Schrecken, den Schock, den Ekel für bildwürdig erklärt: Gasangriff, sich im Tod windende, aufgequollene, würmerdurchfressene Leiber, abgerissene Gliedmaßen, Kriegskrüppel, Vergewaltigung. Lebensgier und Todesnähe, Komik und Grauen, das scheinbar Unvereinbare gehörte bei ihm zusammen. Nun mag es sein, dass diese Dix’sche Drastik, auch die tief verzweifelte, ja irrsinnige Trauer in Grundigs Werk der verbrannten Erde und der bizarren, von Totengeistern durchzogenen Großstadt-Ruinen, inzwischen eher abgemildert, weil historisch wahrgenommen wird. Auch möglich, dass diese Endzeit-Motive in der medialen Bilderflut heutiger Katastrophen, Terroranschläge, Bürgerkriege im Nahen Osten, in Afrika geradezu paralysiert werden. Doch ist, was einst schreckliche Realität war, zu Kunstgeschichte geronnen. Ganz ähnlich dem Initialschock, den Picassos Guernica auslöste, der mittlerweile aber besänftigt zu sein scheint. Das passiert eben durch die Gewohnheit des Wiedersehens, durch die Akzeptanz seitens der Kunstkritik und die Bewunderung des Publikums. Und so wurden „Der Krieg“ und auch das „Tausendjährige Reich“ – das hoffentlich nie mehr ins Depot zurück muss, wie so viele Jahre nach der Wiedervereinigung – zu herausragenden Werken deutscher Malerei im 20. Jahrhundert. Zu Maßstäben auch, wie Kunst wirken kann in ihrer Zeit, in der Ratlosigkeit und Ohnmacht herrschen. Und da wäre noch die Frage: Wie viel gemalte Grausamkeit erträgt der Mensch, wann ist Grausamkeit in der Kunst Selbstzweck oder Effektsuche? Es gibt dafür kein Rezept. Bewundert wird bis heute jedenfalls von Malern anderer europäischer Länder und in den USA die Fähigkeit deutscher Künstler, gerade dieser beiden, Dix und Grundig, im Ersten und Zweiten Weltkrieg, die größten Gräuel festzuhalten. Eines zumindest wird deutlich, vor Dix’ Altarbild, das nun in die Computertomographie kommt, und dem platzhaltenden Grundig-Werk: Die menschengemachten Katastrophen des 20. Jahrhunderts, des Zeitalters der Moderne, taugen nicht für repräsentative Staats-Malerei. Was da in Wunden, Schmerzen, Narben, Trümmer und Trauer gefasst wurde, ist die Wirklichkeit des Krieges. Es ist das Unaussprechliche und Unübersehbare – im direkten wie im übertragenen Sinne. Die historische Rückschau als Verherrlichung großer Ereignisse und hehrer Momente, zu der sich Malerei als Medium einst so gut eignete und von allen Herrschenden auch kräftig in Dienst genommen wurde, ist unmöglich geworden. Das besagen diese Tafeln des bürgerlichen, kapitalismuskritischen bohème-affinen Veristen Dix und des linken, sozialkritischen Realisten Grundig. Das heldische Abbild des Menschen hat unter dem Eindruck des sinnlos Verheerenden restlos ausgedient.

Galerie Neue Meister, Dresden: In einer Sonderschau von April bis Juli 2014 wird „Der Krieg“ samt wissenschaftlicher Ergebnisse zu sehen sein.

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