Ausstellung

Draußen und daheim

Fotografien der Sammlung Goetz werden in der Münchner Villa Stuck gezeigt. Eine faszinierende Schau leuchtet die großen Bühnen der Selbstdarstellung aus.

Von K. Erik Franzen

Ingvild Goetz hatte ein Bild vor Augen. Die Münchner Kunstsammlerin träumte davon, einen Teil der von ihr erworbenen Fotos der Amerikanerin Cindy Sherman in ein neues Licht zu setzen: Sie stellte sich vor, welch ungeheure Wirkung die großformatigen, inszenierten Selbstporträts der längst zur einer Ikone der Fotografie gewordenen Künstlerin in den historischen Räumen der Münchner Villa Stuck entfalten könnten.

Und da Ingvild Goetz ihre Vorstellungen konsequent verfolgt, wundert es nicht, dass es ihr gelungen ist, den Direktor des Museums Villa Stuck, Michael Buhrs, davon zu überzeugen, das Experiment zu wagen. So wird nun das von Franz von Stuck mit einer Art schwülstig-profaner Altäre ausgestattete „Alte Atelier“ des Hauses zur kontastreich-passenden Bühne für einen Clash of Civilizations: Auf drei Fotos ist jeweils eine Frau zu sehen. Die zwei jüngeren Arbeiten aus 2008 zeigen zwei stilvoll gekleidete Damen in einem herrschaftlichen Ambiente. Ihre Gesichter, maskenhaft stark überzeichnet, blicken halb entsetzt, halb herablassend. Worauf? Sie können es nicht fassen, dass es einer vulgär daherkommenden Frau im Pyjama mit ungepflegtem Haar und einer aus dem Oberteil hängenden Theater-Brust gelungen ist, Einlass zu finden in ihre Welt. Oder sprechen sie mit ihrer dunklen Seite des Ich?

„Ich finde, diese Kunst sollte auch in Bewegung sein“, sagt die ehemalige Galeristin, die in mehr als vierzig Jahren zu einer der wichtigsten Sammler/Sammlerinnen für zeitgenössische Medienkunst weltweit geworden ist, im Gespräch. Und macht dieses Prinzip zu einer ihrer Leitlinien: Sie stellt die von ihr erworbenen Werke nicht selbstgenügsam ins lichtgeschützte Lager der „Sammlung Goetz“, sondern konfiguriert sie von Zeit zu Zeit neu, macht sie sichtbar, gibt ihnen eine neue Sprache – gerade auch jenseits des eigenen, mittlerweile selbst schon fast legendären Ausstellungshauses in München-Oberföhring. Nun also in einer Ausstellungskooperation mit dem Titel „Street Life and Home Stories“, für die die Villa Stuck das ganze Haus zur Verfügung gestellt hat. Aus dem ungeheuren Reservoir von 1300 Fotoarbeiten von mehr als 70 Künstlern wurden 24 Positionen ausgewählt – 24 Künstler, die zumeist mit mehreren Objekten vertreten sind.

Zwei klassische Felder der Fotografie bilden das Leitkonzept der Schau und werden auf faszinierende Weise zum Leuchten gebracht: das Zuhause und die Straße – beides große Bühnen der Selbstdarstellung. Intimste Einblicke in ein schwules Leben zeigen etwa Elmgreeen & Dragset in ihrer Installation „The Incidental Self“: Mit Dutzenden von kleinformatigen Fotos, die in weißen Kunstlederrahmen akkurat auf weißen Sideboards stehen, ironisieren sie sowohl den „White Cube“ als dominanten Ausstellungsmodus als auch das immer noch verbreitete bürgerliche Wohnzimmer mit den Bildern der Liebsten.

Es sind Lebensgeschichten, die im Mittelpunkt all der Wohnzimmergeschichten und Straßenerzählungen stehen. Auch vor der Präsentation von großen, manchmal unerträglich schmerzhaft scheinenden Gefühlen, beispielsweise in der Arbeit des japanischen Künstlers Nobuyoshi Araki, scheut man sich nicht. Araki hat mit der Kamera das Sterben seiner Frau Yoko an Krebs bis hin zum Sarg begleitet: Die schwarz-weißen Abzüge in „Winter Journey“ von 1989/90 tun einfach weh.

Mit vielen der Künstler, deren Werke sie erworben hat, ist Ingvild Goetz befreundet. Dass der Mensch hinter dem Künstler eine Rolle für ihre Sammlungstätigkeit spielt, erzählt sie mit klarer Haltung. „Es muss auch menschlich funktionieren. Wenn ich merke, dass es energetisch nicht harmoniert oder Ansichten zu unterschiedlich sind, dann möchte ich den Künstler nicht in meiner Sammlung haben.“ Vielleicht ist es dieses Vertrauen auf die handlungsleitende innere Stimme, die ihre Sammlung so unverwechselbar macht. Sich an der Person zu orientieren scheint eine gute Strategie zu sein, denn viele der heute berühmten Künstler ihrer Sammlung hat Goetz schon gekauft, als sie noch unbekannt waren.

Walker Evans, William Eggleston, Diane Arbus: auch Überväter und -mütter des Mediums werden hier in einen großen Kommunikationszusammenhang gestellt. Denn in „Street Life and Home Stories“ ist noch ein weiteres Thema angelegt, das alle angeht: das der Generationen. Es geht darum, wie sich Themen zwar wiederholen, Blickwinkel darauf aber verändern können – ohne dass der Zugang der Altvorderen dadurch abgewertet würde.

Nahezu idealtypisch wird der Besucher mit diesem Aspekt im letzten Raum konfrontiert. Zum einen sind dort Porträts von August Sander zu sehen, geboren 1876. Die Ablichtungen der Bauernfamilien und Bergmannskinder lesen sich als kritische Dokumente des sozialen Lebens einer untergegangenen Epoche – ähnlich wie die Fotografien, die Sven Johne, geboren 1976, ausgestellt hat. Johne hat in „Winterarchiv 1945-1990“ überwiegend Bilder aus öffentlich zugänglichen Archiven zusammengetragen und akribisch auf Formblättern entsprechende Bildbeschreibungen aufgelistet und zwar von Fotos, die öffentliches und privates Leben in der DDR dokumentieren. Während Sander versuchte, Wirklichkeit abzubilden, spielt Johne mit der Wirklichkeit als kulturgeschichtlichem Material.

Ingvild Goetz lebt mit ihren Werken, denen sie wünscht, dass sie gesehen werden. Aber das ist kein Bling-Bling, kein Geklapper mit Kunstklunkern. Goetz schafft Angebote – einen idealen Betrachter hat sie nicht vor Augen. Dass nun erstmals in so großem Umfang Fotografien ihrer Sammlung in einer Schau zu sehen sind, ist auch immer ihrer unbedingten Treue zu sich selbst zu verdanken: „Das ist etwas, das ich machen muss, selbst wenn ich damit keinen Erfolg hätte. Wie viele Besucher kommen, ist mir egal. Wenn ich weiß, dass es gut ist, muss ich es zeigen.“

Villa Stuck, München: bis 11. September. Der Katalog (Hatje Cantz) kostet im Museum 35 Euro, im Handel 39,80 Euro. www.villastuck.de

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