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Günther Uecker

Das Drama des Angespültseins

Ein Streifzug durch das Werk Günther Ueckers sowie den Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern legt die Gegenwart der Vergangenheit offen.

Von Claus Leggewie

1 Der Nagel, besser: Tätigkeit und Resultat des Nageleinschlagens sind zum Markenzeichen des heute 85jährigen Künstlers Günther Uecker geworden, dessen Werke zu den teuersten auf dem internationalen Kunstmarkt zählen. Was auf Uneingeweihte banal wirken mag, hat seinen Ursprung in einer traumatischen Kindheitserfahrung: Mit Nägeln verbarrikadierte der 15jährige die Türen der Wohnung, in der er mit Mutter und Schwester zum Kriegsende 1945 auf der Halbinsel Wustrow wohnte, um sie vor Attacken der sowjetischen Soldaten zu schützen.

Eine andere starke Kindheitserinnerung präsentierte Uecker 2016 zur Eröffnung des seinem Werk gewidmeten Anbaus im Museum von Schwerin: die Wustrower Tücher genannten, mit weißer Farbe bemalten Leinendecken, die nichts anderes sind als postume Leichentücher. Symbolisch bedecken sie die an die Küste geschwemmten Opfer des Luftangriffs auf die „Kap Arkona“ am 3. Mai 1945, als britische Bomber das Luxusschiff unter heftigen Beschuss nahmen – nicht wissend, dass die SS den ehemaligen Luxusdampfer in ein schwimmendes KZ verwandelt hatte, auf dem Häftlinge zusammengepfercht waren, die die Todesmärsche überstanden hatten.

Die sterblichen Überreste wurden am Strand von Wustrow angespült, und die Soldaten zwangen den jungen Uecker und einige Kameraden, sie notdürftig im Sand zu verscharren. An ungefähr diesem Strandabschnitt fertigte Uecker, der 2002 auf der Insel eine nicht-genehmigte Eremitage bezogen hatte, die Tücher an. Er befestigte sie mit Nägeln im Sand und übermalte sie mit weißer Farbe, nun hängen sie an der Museumswand oder liegen zusammengefaltet vor einer Video-Installation von Michael Kluth, die die beeindruckende Kunst-Aktion dokumentiert.

Ein treibendes Motiv dieser Erinnerung waren die Bilder der nunmehr an der Küste des Mittelmeeres angespülten Leichen von Flüchtlingen aus dem Mittleren Osten und Afrika – über 20 000 Menschen sollen dort seit 2011 umgekommen sein. Für viele Deutsche hat sich in dieser großen Fluchtbewegung ein biografischer Kreis geschlossen. Die im europäischen Vergleich hohe Bereitschaft, Flüchtlinge aus Bürgerkriegszonen und Armutsregionen aufzunehmen, hat vermutlich auch damit zu tun, dass sich Flucht und Vertreibung tief in das Gedächtnis der Deutschen eingepflanzt haben – auch die Leichen der Frauen und Kinder aus der von einer russischen Rakete getroffenen „Wilhelm Gustloff“ waren an der Ostsee-Küste angeschwemmt. Bis 2002, als Günter Grass in seiner Novelle „Im Krebsgang“ die aufgestauten Traumata ansprach, war das Flüchtlingsschicksal eher ein Tabu. Die humane Reaktion, die Uecker mit seiner Schweriner Installation unterstreichen will und die sein gesamtes Werk durchzieht, fragt nicht länger nach Herkunft der Geflohenen und Gründen ihrer Flucht.

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Kritiker der „Willkommenskultur“ wollen das nicht wahrhaben und bestreiten entschieden die historische Spur von den Flüchtlingen heute zu den Heimatvertriebenen der 1940er und 1950er Jahre. Für sie zählt nicht das Humanum, sondern der Ethnos – die Vertriebenen seien schließlich Deutsche gewesen und hätten eine Solidarität selbstverständlich verdient, die Fremden nur im Ausnahme- und Einzelfall zustehe. Und da es sich bei den meisten Flüchtlingen um Muslime handelt, sagen diese Kritiker die prinzipielle Unvereinbarkeit dieses Glaubens mit der je nachdem säkularen oder christlichen Tradition des Abendlandes voraus. Aktuelle Vorfälle wie die Belästigung von Frauen durch arabische Flüchtlinge oder die Herkunft von Attentätern aus Flüchtlingsheimen nehmen sie dafür als willkommene Bestätigung.

So reagierte die Mehrheit der Einheimischen auch auf eine exemplarische Fotoausstellung von Solveig Witt und Christian Lehsten, die östlich von Schwerin wohnen und nach der Eröffnung einer Übergangsunterkunft in Dabel (Bezirk Ludwigslust-Parchim) jeweils vier Porträts von Vertriebenen der 1940er Jahre und von Flüchtlingen der Gegenwart gegenüberstellten. Die aus Schlesien und Ostpreußen vertriebenen Rentnerinnen und Rentner berichten von den immensen Schwierigkeiten und der Ablehnung, die sie als Kinder in Mecklenburg erfahren haben – als „Zigeuner“, die verdächtigt wurden, kriminell zu sein und sich nicht anpassen zu wollen. Die Ausstellungsmacher sind „fest davon überzeugt, dass die Fluchtgeschichten vergleichbar sind, auch wenn die konkreten Ursachen unterschiedlich sein mögen.

Für die Betroffenen ist Flucht, d.h. Verlust der Heimat, des Besitzes, der Arbeit usw. eine große Beschwernis. Die Erfahrung, als Fremder nicht willkommen zu sein, als Mensch zweiter Klasse abgelehnt zu werden, ist entwürdigend.“

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Sieht man sich in Dabel und Umgebung um, wo in diesen Tagen die riesigen Felder abgeerntet sind, zieren die Straßen dort außer einem Porträt des SPD-Kandidaten nur besonders hoch an den Laternen befestigte Wahlplakate der NPD und der AfD. Die Nationaldemokraten, die die rechte Konkurrenz um ihre Sitze im Schweriner Landtag bringen könnte, präsentieren mit ihrem Landesvorsitzenden Udo Pastörs einen Tiefbraunen, und wer davor dann doch zurückschreckt, hört auf den Marktplätzen im Wahlbezirk Ludwigslust-Parchim dem AfD-Kandidaten mit dem klingenden, aber keinen Migrationshintergrund verbergenden Namen Thomas de Jesus Fernandes zu.

Der 41jährige gelernte Maurer, der eine Firma für Gerüstbau betrieben (und Schwierigkeiten mit dem Finanzamt bekommen) hat, plakatiert „Politik für das eigene Volk!“ und polemisiert gegen den „Gender-Wahn“ und „Frühsexualisierung“ in den Schulen.

Einige ältere Herren nicken wütend, aber wissen sie, dass der Kandidat „seit 8 Jahren glücklich verpartnert“ ist, wie er auf seiner Webseite bekennt? Das Schweriner Schwulen- und Lesben-Kommunikationszentrum erteilte dem Homosexuellen dennoch Hausverbot, weil er einen „Anti-Gender-Antrag“ in der AfD mitbetreibt, in dem Sexualkundeunterricht als „sittenwidriger Eingriff in die Kinderseelen“ bezeichnet und „die politisch-bürokratische und rechtliche Förderung bzw. die aktive massenmediale Werbung für Empfängnisverhütung, Abtreibung und homosexuelles Verhalten für unvereinbar mit den vitalen Interessen der Deutschen“ erklärt wird. Auch einem ausdrücklich „bürgerlichen“ Homosexuellen dürfte es bisweilen in einem dezidiert schwulenfeindlichen Milieu nicht ganz geheuer sein.

Andere Minderheiten werden von Rechtsextremen aggressiver angegangen, nicht zufällig häufig in einem sexuellen Kontext. Als in Dabel im Herbst 2015 eine Aufnahmestation für rund 60 Flüchtlinge eingerichtet wurde, warnte NPD-Pastörs vor arabischen Vergewaltigern. Besorgte Eltern verlangten einen Zaun zwischen der Kita und dem Flüchtlingswohnheim, und der wurde auch gebaut, obwohl längst auch Flüchtlingskinder in der Kita aufgenommen waren. Zwanzig von fünfzig Eltern meldeten ihre Kinder ab, was für Kitas im kinderarmen Nordosten sofort ein existenzielles Problem darstellt. Die 1500-Seelen-Gemeinde war gespalten, denn die „Mahnwachen“ der Rechten und die Sturheit mancher Eltern förderte das bürgerschaftliche Engagement.

Beim Dorffest im Juli gab es Schwein am Spieß, Döner und Brathähnchen, aber die Freiwillige Feuerwehr wollte beim Maifeuer die Flüchtlinge dann doch nicht dabei haben, aus Sicherheitsgründen.

Im Wahlkampf teilten sich die Rechten die Arbeit: die NPD und ihre „Kameraden“ machen Stunk, wie zuletzt im Rostocker Stadtteil Groß Klein, wo ihretwegen eine Flüchtlingsunterkunft aus „Sicherheitsgründen“ aufgegeben wurde, und die AfD geriert sich als Anwalt der besorgten Bürger, die wie in Dabel Angst vor Fremden genauso wie vor dem brüllenden Mob auf der Straße haben. Umfragen zufolge liegt die Partei bei zwanzig Prozent und strebt ihren ersten Wahlsieg in Deutschland – die „Fischköppe“, jubelt Frauke Petry, sollen Geschichte schreiben.

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Was auch in Dabel kaum jemand hören mag, ist der Erinnerungsrekurs auf die Flüchtlinge von 1945, von denen hier viele abstammen. Das liegt auch daran, dass viele Eltern und Großeltern ihre traumatischen Erfahrungen nach 1945 kollektiv und individuell beschwiegen haben. Nur wenige sprechen heute, wie die damals sechsjährige Anneliese Wagner, die mit ihrer Familie in der Räucherkammer eines Gutshofes untergebracht war.

Sie erinnert sich, „wie speckig und dunkel die Wände der Räucherkammer waren. In diesem Raum sind auch heute noch die drei schmalen Fenster, vor denen ich Angst hatte, weil es da so tief runter ging. Wir kamen in diesen Raum über eine Leiter rein. Geschlafen haben wir auf Strohsäcken.“ Elli Zielke, heute 75 Jahre alt, hat auf der Flucht aus Schlesien erlebt, wie die vollgestopften Züge durch Flugzeuge beschossen wurden, sie auf der Flucht zu Fuß tote Soldaten oder Flüchtlinge am Wegesrand passierten und die kleine Schwester, die unterwegs geboren wurde, nach nur drei Wochen verhungerte und in einem Blumenbeet vergraben wurde. „Ein Problem war die Sprache. Das Platt in „Mecklenburg war dem Englischen so ähnlich, dass wir kaum etwas verstanden. Die Einheimischen sahen uns als Zigeuner an und sahen zum Teil auf uns herab.“

Die alten Leute berichten aber auch von Hilfsbereitschaft, Anerkennung und Aufnahme. Und das wäre es ja, was den viel kritisierten Merkel-Satz „Wir schaffen das“ unterstreichen würde: Dass auch den ethnischen Deutschen nichts geschenkt wurde, aber zwölf Millionen von ihnen sich im Lauf weniger Jahre in einer Zeit „integrierten“, als Deutschland bitterarm war und moralisch am Boden lag.

Günther Uecker, den das „Drama des Angespültseins“ ein Leben lang begleitet hat, konnte die Sprachlosigkeit durch die Nagelbilder und die Malerei überwinden. Für Mecklenburg könnten die derzeit laufenden Ausstellungen seiner Werke in Schwerin und Rostock sehr hilfreich sein, die verschüttete Erinnerung zum Sprechen zu bringen.

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