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Donatello-Ausstellung in Berlin: Als der Gedanke es wagte abzuschweifen

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Von: Ingeborg Ruthe

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Pferdekopf (Protome Carafa), 1456. Foto: Museo archeologico nazionale di Napoli/mit Genehmigung des Ministeriums für Kultur/Giorgio Albano
Pferdekopf (Protome Carafa), 1456. Foto: Museo archeologico nazionale di Napoli/mit Genehmigung des Ministeriums für Kultur/Giorgio Albano © Museo archeologico nazionale di Napoli

Jenseits der Frömmigkeit: Eine großartige Ausstellung in der Gemäldegalerie am Kulturforum Berlin versammelt Werke des florentinischen Humanisten Donatello.

Da sage einer, am Berliner Kulturforum sei es öde. Gleich nach der Eröffnung der Donatello-Schau in der Gemäldegalerie war eintrittsfreier Museumssonntag. Da stand man einander in der Wandelhalle dauernd im Wege, um den Madonnen des Meisters aus Florenz (um 1386 bis 1466) in ihre Jungfrauengesichter zu schauen. Auch um zu sehen, dass die Jesusknäblein sich wenig biblisch brav, sondern quengelig und auch bisweilen trotzköpfig gebärden, wie im echten Leben eben. Von den duldsamen jungen Marien-Müttern werden sie sanft beschwichtigt.

Und schmunzeln muss man über die frechen „Spiritelli“, diese heidnisch und hinterhältig grinsenden geflügelten Amoretten, nackt tanzende „kleine Geister“ aus der Antike, die, laut Mythos, schamlos und raffiniert den Gefühlshaushalt der Götter wie der Irdischen durcheinanderzubringen vermögen.

90 Arbeiten, darunter zahlreiche Hauptwerke Donatellos, sind dank einer Kooperation der Staatlichen Museen Berlin mit der Fondazione Palazzo Strozzi, dem Museo del Bargello in Florenz und dem Londoner Victoria and Albert Museum in der feierlich abgedunkelten Wandelhalle arrangiert. Etliche Werke durften dafür erstmals ihre Standorte in italienischen Kirchen verlassen, um in den Norden zu reisen.

Kurator Neville Rowley von der Gemäldegalerie inszeniert mit wirkungssteigernder Lichtregie Donatellos Figuren und Reliefs auf Augenhöhe. So kann man die Gesichtszüge der Madonnen, der Heiligen, der Kinder deutlich sehen. Und so sind auch die Schattenwürfe in den Arbeiten zu entdecken, also die moderne Art und Weise, wie Donatello damals die Menschen in seiner Umgebung betrachtete.

Donatello hatte zusammen mit Bildhauerkollegen in Rom bei Arbeiten am Petersdom mitgewirkt und in der Ewigen Stadt die Bildwerke aus der Antike studiert. Die Menschen und die Welt, nicht das Heilige und das Jenseits, wurden fortan sein Thema. Er fing an, über Perspektive, Proportionen und die seelische Gemengelage der menschlichen Spezies nachzudenken. Mariendarstellungen im Mittelalter hatten der religiösen Versenkung zu dienen, nicht dem freien Gedanken, der Fantasie, womöglich dem Zweifel derer, die davor niederknieten, aber Marias Jungfräulichkeit infrage zu stellen gewagt hätten.

Die aus der Washingtoner Nationalgalerie als kostbare Leihgabe über den Großen Teich gereiste „Mellon-Madonna“ Donatellos von 1422 entspricht keineswegs mehr dem klerikalen Kanon. Wer an dieses Hauptwerk aus Terrakotta dicht herantritt, entdeckt die sinnliche Lebensnähe der Figuren von Mutter und Kind, die Bewegtheit der Körper, die dynamische Drehung der Madonna in der Hüfte und den körperbetont schmückenden Faltenwurf. Man glaubt, die junge Frau atmen und das Baby plärren zu hören. Donatello war Mitte 30, als er diese wunderschöne, farbige Madonna formte. Ebenso die sogenannte Pazzi-Madonna, das weiße Marmorrelief einer innigen Mutter-Baby-Szene, eine innovative Arbeit mit linearer Perspektive. Sie gehört zur Skulpturenkollektion der Staatlichen Museen in Berlin und war lange Zeit im Bode-Museum zu sehen.

Vollplastiken, Reliefs, Bronzeversionen von Maria mit dem Kinde waren seinerzeit Auftragswerke. Sie wurden oft benannt nach ihren kirchlichen wie weltlichen Mäzenen, so der republikanischen Prominenz von Florenz, der kunstbeflissenen Herrscherfamilie Medici oder begüterten Privatleuten der Stadt am Arno-Fluss. Dazu kamen auch die Patrizier von Padua, wo der fast 60-jährige Donatello zwei Jahre zubrachte und ein nun in der Berliner Schau erlebbares geniales Kruzifix schuf, als in Bronze gegossenes menschliches Leid.

Und im Italien des 15. Jahrhunderts fehlte in keinem der Schlafzimmer der Wohlhabenden ein kunstvolles Madonnenmotiv. Es sollte die Hausherrin vor den Gefahren bei der Geburt schützen und die Stammhalter vor Unbill. Eine Vielzahl solcher kleinen „Schlafzimmeraltäre“ belegt, dass sich Donatello vor derartigen Aufträgen kaum retten konnte. Dabei schien sein Erfindungsreichtum so unendlich zu sein wie sein gleichsam spielerischer Wechsel zwischen den Materialien Marmor, Terrakotta, Bronze, Holz, Glas und Wachs.

Donatello war sehr angesagt. Heute würde man sagen: Er war ein Star. Seine virtuosen Techniken und die mutige Lust am emotionalen Ausdruck trafen den Zeitgeist der frühen Renaissance, der „Wiedergeburt der Antike“, diesem Knospen eines sich emanzipierenden Bürgertums. Seine Madonnen- und David-Skulpturen sollten fast ein Jahrhundert später einen anderen großen Florentiner Bildhauer namens Michelangelo zu dessen weltberühmtem und weit muskulöserem David inspirieren.

Donatello hat viele Versionen des biblischen Helden, dieses Sinnbilds der Kraft der Schwächeren, geschaffen. Und die hoben sich von allen bisherigen Darstellungen des körperlich dem Goliath eigentlich völlig Unterlegenen ab: Bei Donatello ist der schmächtige Bezwinger des brutalen Riesen ein junger Hirte. Der hat den Unhold bereits besiegt und tritt demonstrativ und pathetisch auf den abgeschlagenen Kopf seines übermächtigen Feindes. Diese Szene war laut Kunstgeschichtsschreibung die erste frei stehende Aktstatue seit der Bildhauerkunst der Antike.

Donatellos ruhelose, kühne, freigeistige Suche nach neuen, lebensnahen, emotionalen Ausdrucksformen fasziniert wie eh. Das unverrückbar starre, himmelwärts oder dem Tode zugewandte Menschenbild der Gotik war durch ihn überwunden. Wirklichkeitsnähe herzustellen hieß bei ihm auch, seinen lebensgroßen Skulpturen eine psychologische Wirkung zu verleihen.

Der hochbegabte Schüler des Goldschmiedes Ghiberti, der alsbald in der Florentiner Dombauhütte das Marmorbildhauerhandwerk erlernte, suchte nach einer Perspektive, die über die Kunst hinausging, die das Denken und Sehen des Mittelalters überwinden wollte durch eine neue, wissensorientierte, von antiken Gedanken inspirierte Weltanschauung. In Florenz bemühte sich damals eine kleine Gruppe Gelehrter und Künstler um die „Wiedergeburt“ der Antike. Sie nannte sich die „Humanisten“.

Und Donatello, der Humanist, das wird uns Schritt für Schritt vor seinen Skulpturen bewusst, hatte ein neues Verständnis für die Welt, einen offenen Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und einen frischen Blick auf das Individuum. Im Alterswerk blieben seine Skulpturen und Bildwerke zunehmend unvollendet. Gerade auch das macht sie so frappierend modern.

Gemäldegalerie Berlin, Kulturforum am Matthäikirchplatz: bis. 8. Januar 2023. www.smb.museum

Amor-Attiis, um 1435–40. Foto: Museo Nazionale del Bargello, Firenze, mit Genehmigung des Ministeriums für Kultur/Bruno Bruchi
Amor-Attiis, um 1435–40. Foto: Museo Nazionale del Bargello, Firenze, mit Genehmigung des Ministeriums für Kultur/Bruno Bruchi © Museo Nazionale del Bargello

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