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Waffen, na und? Im Innenhof des Artbanka Museums in Prag schuf David Cerny 2011 eine Installation, auf die Besucher offensichtlich unbeschwert reagierten.

US-Museen

Dominanz der Sponsoren

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Kunst und Waffenhandel, Museen und Moral: Wie geht das zusammen? Ein amerikanischen Streitfall.

Manchmal liegen Ursache und Auswirkung weit auseinander. So im Fall der kritischen Fragen nach der Legitimation der Aufsichtsräte einiger nordamerikanischer Kunstinstitute, besonders des renommierten Whitney-Museums in New York, die seit Mitte des vergangenen Jahres die Öffentlichkeit der USA mit zunehmender Heftigkeit beschäftigen. Weil nämlich ruchbar wurde, dass an der amerikanischen Grenze zu Mexico Flüchtlinge aus Mittel- und Südamerika, darunter viele Kinder, von den Grenzposten mit Hilfe des Einsatzes von Tränengas zurückgedrängt worden waren, wurde der Eigentümer der Herstellerfirma, Warren B. Kanders, durch Demonstranten im Whitney aufgefordert, seine Führungsposition im Aufsichtsrat des Museums aufzugeben. Als Kanders den Rücktritt verweigerte, wurde er auch privat von protestierenden Aktivisten derart bedrohlich unter Druck gesetzt, dass er schließlich aufgab. Das Museum verlor damit einen Sponsor, der im Verlauf von dreizehn Jahren etwa zehn Millionen Dollar gespendet hatte.

Zehn bis zwölf Prozent der jährlichen Betriebskosten des Whitney in Höhe von 60 Millionen Dollar stammen von Mitgliedern des sogenannten „Boards“, einer Art von Aufsichtsrat des Museums, der wie in nahezu allen der großen Museen der USA in der Regel überwiegend von weißen Millionären und Milliardären besetzt ist. Diese Organisationsstruktur ist eine Folge der mangelhaften Förderung kultureller Einrichtungen, nicht nur der Museen, sondern auch der Theater, Opernhäuser und Konzertsäle im ganzen Land.

Nur durch philanthropische Zuwendungen ist deren Betrieb überhaupt gewährleistet. Für das Museum of Modern Art, das Moma in New York, belaufen sich die privaten Zuschüsse auf 20 Prozent, für das County Museum in Los Angeles sogar auf 30 Prozent des Gesamtetats. In der Praxis schließt das mindestens das Risiko einer Dominanz der privaten Sponsoren gegenüber der künstlerischen Leitung ein, unter Umständen häufig ein hoher Preis.

Nicht weniger wichtig als die (strukturell nur bedingt garantierte) Unabhängigkeit der künstlerisch für ein Museum Verantwortlichen ist allerdings die sittliche, nicht zu sagen: moralische Haltung der Board-Mitglieder. Auf diese Anforderung hat der erwähnte Fall Kanders jetzt die Aufmerksamkeit gelenkt. Darf jemand, dessen Vermögen aus dem Handel mit Waffen stammt, mit-zuständig sein für ein Museum?

Von den Board Members werden, nicht nur im Fall des Whitney, ein „Beitrittsgeld“ von mindestens einer Million und entsprechende Summen jährlich vorausgesetzt. Die Boards sind also ein exklusiver Club von Bürgern aus Lebensverhältnissen, die sie von der Mehrheit der Gesellschaft deutlich trennen. Es ist dabei keineswegs so, dass sie nur geben: Die Mitglieder profitieren durchaus auch von ihrer Sponsorenrolle, nicht allein durch politischen Einfluss etwa bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, sondern, wie Warren B. Kanders, auch durch jedenfalls erhoffte Nobilitierungseffekte von fragwürdig erworbenen Reichtümern.

Die Gesamtgesellschaft jedenfalls, in deren Auftrag und Interesse zu agieren die Museen doch vorgeben, repräsentieren die Boards nicht. Max Hollein, derzeit Direktor des Metropolitan Museums in New York, mit frühen Erfahrungen am Guggenheim, mit der Frankfurter Schirn und dem Städel, später an zwei Museen in San Francisco, hat Zuwendungen der Familie Sackler wegen deren Verbindungen zu Produktion und Vertrieb von Oxycontin, dem Opiat, das, als Schmerzmittel verabreicht, Tausende in Amerika zu Abhängigen gemacht und in den Tod getrieben hat, in der „New York Times“ eingeräumt: „Wir müssen klären, unter welchen Bedingungen wir Geschenke annehmen. Aber auch einsehen, dass das Museum, wie wir es kennen, nicht bestehen könnte ohne ein Board, das ihm immer wieder aufhilft.“

So sehen das die meisten der amerikanischen Museumsleiter. Sie plädieren, wie neuerdings auch New Yorks Bürgermeister De Blasio, für eine andere Zusammensetzung der Führungsgremien: Es sollten darin, neben Geldleuten, auch Männer und Frauen mit künstlerischem Sachverstand Sitz und Stimme haben. De Blasio macht von dieser Reform sogar die (freilich eher dürftige) Unterstützung der Stadt abhängig. Hinsichtlich der Mitgliedschaft ist von Kritikern auf noch einen anderen Missstand der Boards aufmerksam gemacht worden: Es gibt im Kreis der Erwählten fast nur Weiße. Und das in einem Moment, in dem immer mehr Museen den Blick über die Grenzen der Westkunst hinausrichten wollen.

Die Krise der Finanzierung und des Managements der Museen in den USA tangiert durchaus auch den Kunstbetrieb und die Künstler generell. Erkundigt sich denn ein Maler, wenn ihm ein Sammler für ein Bild ein großzügiges Angebot macht, etwa danach, woher das Geld stammt? Wir haben in für den Markt signifikanten Segmenten des Kunsthandels schon länger eine Entwicklung, die durch die Preisbildung und den begründeten Verdacht, es gehe hier wohl kaum mit rechten Dingen zu, die Entfernung zwischen der Kunst und der Gesellschaft, in der sie wirken will, ständig vergrößert.

Kunst und Waffenhandel – die Verbindung impliziert die Frage, ob der Wertekanon des Wahren, Schönen und Guten für die Kunst noch existiert. Was, wenn die mit fürchterlicher Männlichkeit kriegerisch protzenden Skulpturen des Bildhauers Arno Breker, in Nazi-Deutschland einst hoch geschätzt, in ähnlich skrupellosen Gebilden eines Tages unter bestimmten Präsidenten in West und Ost ihre Nachfahren fänden? Dann wäre der aktuelle Streit um Spenden für die Kunst aus Waffengeschäften womöglich nur ein Vorspiel gewesen.

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