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Documenta: Claudia Roth über den Weggang von Sabine Schormann – „Es ist richtig und notwendig“

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Von: Lisa Berins

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Mitte Juni in Kassel: Oberbürgermeister Christian Geselle, Kunstministerin Angela Dorn, Generaldirektorin Sabine Schormann (v.l.).
Mitte Juni in Kassel: Oberbürgermeister Christian Geselle, Kunstministerin Angela Dorn, Generaldirektorin Sabine Schormann (v.l.). © epd

Kulturstaatsministerin Roth begrüßt den Weggang von Sabine Schormann. Der Aufsichtsrat der Documenta bemüht sich um Schadensbegrenzung im laufenden Betrieb und kündigt Expertengremium an.

Bis spät in die Nacht hatte der Aufsichtsrat am Freitag beraten. Dann kam am Samstagnachmittag die Nachricht, auf die in den vergangenen Tagen spekuliert wurde: Sabine Schormann, die Generaldirektorin der documenta fifteen, hat ihr Amt niedergelegt. Die Entscheidung sei einvernehmlich getroffen worden, hieß es in einer Erklärung des Aufsichtsrats. In den vergangenen Wochen waren immer wieder Rücktrittsforderungen laut geworden. Nun soll die Kunstausstellung in Kassel, die international zu den wichtigsten für Gegenwartskunst zählt, zunächst interimsmäßig geleitet werden. Von wem – dazu gab es noch keine Informationen.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) zeigte sich am Samstag erfreut über diesen Schritt: „Es ist richtig und notwendig, dass nun die Aufarbeitung erfolgen kann, wie es zur Ausstellung antisemitischer Bildsprache kommen konnte, sowie die nötigen Konsequenzen für die Kunstausstellung zu ziehen“, sagte die Politikerin der FR.

Noch einmal hatte sich zuvor der Aufsichtsrat von der Präsentation des Werks „People’s Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi deutlich distanziert, das kurz nach der Eröffnung der Documenta wegen seiner antisemitischen Bildsprache erst verhüllt und dann abgebaut worden war. Es sei eine „klare Grenzüberschreitung“ gewesen. Der Vorfall müsse nun „zeitnah aufgeklärt“ werden, um weiteren Schaden von der Documenta abzuwenden, hieß es in der Erklärung. „Durch die Aufhängung des Banners und auch im Zuge der Krisenbewältigung in den vergangenen Wochen ist leider viel Vertrauen verloren gegangen“, so der Aufsichtsrat. Dieses müsse nun zurückgewonnen werden. Dass dies nur mit dem Weggang Schormanns möglich sein würde, war im Endeffekt ein klarer Fall.

Die Generaldirektorin war zuletzt immer stärker in die Kritik geraten, ihr waren schwere Versäumnisse bei der Aufklärung des Skandals vorgeworfen worden. Nach dem Abbau des Banners hätten eigentlich längst weitere Werke auf mögliche Hassmotive geprüft werden sollen, was bisher aber scheiterte. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, hatte als Berater hingeworfen und erklärt, eine Aufarbeitung sei aufgrund der Untätigkeit der Documenta-Chefin nicht möglich.

Daraufhin hatte die Künstlerin Hito Steyerl ihre Arbeit in Kassel abbauen lassen. In einer Stellungnahme hatte Schormann versucht, die Anschuldigungen auszuräumen, was ihr aber nicht gelang. Im Gegenteil: Ihre Erklärungen riefen weitere Kritik hervor; unter anderem wurde die Richtigkeit ihrer Darstellungen infrage gestellt.

Der Schritt, sich von der Generaldirektorin zu trennen, war längst überfällig – doch wird er alleine wohl kaum ausreichen, um die Schau zu retten. Womöglich ist auch das bei den Verantwortlichen angekommen; die Pläne des Aufsichtsrats lesen sich jedenfalls ambitioniert: Den Hinweisen auf mögliche antisemitische Bildsprache und die Beförderung von israel-bezogenem Antisemitismus müsse nun nachgegangen werden, hieß es. Auch stehe eine fachwissenschaftliche Begleitung bei der Aufarbeitung und Prüfung auf mögliche weitere antisemitische Inhalte an; dabei soll ein Gremium mit Expertise in den Bereichen Antisemitismus, Postkolonialismus und Kunst helfen. Die Künstlerische Leitung der Documenta, das Kuratorenkollektiv Ruangrupa, soll in diese Arbeit einbezogen werden.

Wer zu dem Expertengremium gehören wird, wurde am Wochenende noch nicht mitgeteilt; allerdings solle die Findungskommission der Documenta mitwirken, wie es weiter hieß. Außerdem sei geplant, ebenfalls mit externer Hilfe Zuständigkeiten und Abläufe in der Organisationsstruktur zu prüfen, um „schnellstmöglich“ Vorschläge für die Weiterentwicklung der Documenta gGmbH zu entwickeln.

„Es wird aber keine leichte Aufgabe sein, den entstandenen Schaden zu beheben“, sagte Mendel am Wochenende der dpa. „Jetzt passiert hoffentlich, was schon längst überfällig war: Alle Beteiligte an einem Tisch zu bringen und konstruktiv die Geschehnisse aufzuarbeiten und Umgang mit den Kunstwerken in der Kritik zu finden. Das ist vielleicht die letzte Chance, die nicht verspielt werden darf.“ Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, betonte der dpa zufolge, das „Problem mit dieser Documenta“ sei „nicht ausgestanden. Es sind noch viele, sehr viele Schritte zu gehen“.

Für eine „ehrliche Aufarbeitung“ der Verfehlungen, den Einsatz eines Expertengremiums und eine Diskussion über eine neue Organisationsstruktur für die Documenta hatte Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) schon vor der Aufsichtsratssitzung geworben. Allerdings war bis zuletzt nicht klar, ob auch der Aufsichtsratsvorsitzende, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), den Plänen zustimmen würde. Nun scheint es ein gemeinsames Ziel des Landes und der Stadt Kassel zu geben: die Documenta mit vereinten Kräften zu „schützen“ und ihren „weltweit einzigartigen Rang“ zu sichern. Von einer stärkeren Einbindung des Bundes in die Prozesse der Documenta war dabei nicht die Rede.

Kulturstaatsministerin Roth, die zunächst den Ausgang der Sitzung abwartete, begrüßte es am Samstag, dass sich die Gesellschafter – die Stadt Kassel und das Land Hessen – bei der Aufarbeitung fachwissenschaftlich beraten lassen wollen, wie sie der FR sagte: „Das sind erste wichtige Schritte in Richtung einer notwendigen Neuaufstellung dieses so wichtigen Fixpunktes für die zeitgenössische Kunst weltweit.“ Sie stehe bereit, diesen Prozess zu unterstützen.

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