Meron Mendel
+
Meron Mendel, fotografiert Ende Juni.

documenta fifteen

Documenta-Skandal: Meron Mendel gibt auf – Gescheiterte Rettung

  • Lisa Berins
    VonLisa Berins
    schließen

Meron Mendel will bei der Aufarbeitung des Documenta-Skandals helfen. Doch er läuft gegen Wände. Protokoll eines Versagens.

Frankfurt – Meron Mendel ist derzeit stark nachgefragt. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt gibt seit Tagen ein Interview nach dem anderen. Alle wollen erfahren, was er zu sagen hat: Der Mann, der die Documenta retten wollte und der an offenbar unüberwindbaren Widerständen gescheitert ist. Der am vergangenen Freitag die Konsequenz gezogen und hingeschmissen hat. Er sei gegen Wände gelaufen, sagt er. Mittlerweile bezweifelt er, dass es überhaupt einen Willen gibt, den Antisemitismus-Skandal aufzuklären.

Seit Wochen reitet sich die documenta fifteen in eine immer vertracktere Situation hinein, in der Vorwürfe und divergierende Interessen von Documenta-Macherinnen und -Machern, Politik und dem Zentralrat der Juden gegeneinander arbeiten. Dringende Fragen müssten geklärt werden: Wie geht die Documenta mit Antisemitismus um? Wie konnte es dazu kommen, dass ein Bild mit antisemitischer Bildsprache auf der Kasseler Ausstellung aufgestellt wird? Welche Instanzen haben versagt? Wieso kam es nicht zum Dialog mit Kuratorenkollektiv und Künstlern und Künstlerinnen - schon im Voraus? Wieso wurden die Bedenken, die unter anderem vom Zentralrat der Juden geäußert wurden, offensichtlich nicht ernst genommen? Und wer ist für das Ganze verantwortlich?

Umgang mit den Antisemitismus-Vorwürfen in Kassel sei „verheerend“

Die Rufe nach Klärung werden lauter. Am Montag forderte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, die Documenta-Leitung auf, Konsequenzen aus dem Skandal zu ziehen. Der bisherige Umgang mit den Antisemitismus-Vorwürfen um Exponate in Kassel sei „verheerend“, sagte Klein. Er warf der Documenta-Leitung darüber hinaus eine mangelhafte Kooperation mit Meron Mendel vor.

Im Zentrum der Kritik: Sabine Schormann (l.), Generaldirektorin der Documenta. Hinten: Kunstministerin Angela Dorn.

Mendel selbst haben die vergangenen Wochen sehr ernüchtert. Für die Verfehlungen und Veräumnisse, die er erlebte, hat er eigentlich nur eine Erklärung: „Ich denke, dass Frau Schormann mit der Situation überfordert ist“, sagte er der FR. Sabine Schormann, Generaldirektorin der Documenta, hätte eigentlich, so würde man denken, längst die Zügel in die Hand nehmen müssen. „Aber in Wirklichkeit ist sie vom Bildschirm verschwunden“, sagt Mendel. Am Mittwoch vor zweieinhalb Wochen habe Mendel zunächst ein klares Bekenntnis von ihr gehört: Dass sie den antisemitischen Vorfall aufklären und dafür Mendels Hilfe in Anspruch nehmen wolle. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank war motiviert: „Ich dachte dann: Es geht darum, schnell zu handeln und den Dialog mit Ruangrupa und anderen Künstlern zu starten, die Kunstwerke zu sichten. Aber ich habe bis heute nicht einen Hauch eines Werks zur Sichtung bekommen.“

documenta fifteen: Kontakt wurde verweigert

Stattdessen habe er nichts mehr von der Generaldirektorin gehört. „Ich habe sie mehrfach angerufen, ich habe ihr Textnachrichten geschrieben, aber alles bleib unbeantwortet.“ Kontakt hatte Mendel in der Zeit mit dem Documenta-Archiv, das anscheinend die Arbeit für Schormann in dieser Sache erledigte. Doch auch an dieser Stelle kam Mendel nicht weiter. Bei der Vorbereitung der Podiumsdiskussion „Antisemitismus in der Kunst“, die die Bildungsstätte für den 29. Juni in Kassel plante, wurde der Kontakt zum indonesischen Kuratorenkollektiv Ruangrupa verweigert. „Es wurde alles getan, um Ruangrupa da rauszuhalten“, sagt Mendel. „Mit der Entschuldigung, sie seien schwer traumatisiert und es würde sie überfordern.“

Aber eine Diskussion über die Ausstellung, ohne dass sich das Kuratorenteam dazu äußern durfte – das widersprach Mendels Vorstellung: „Es ging nicht darum, dass Ruangrupa sich erklären sollten, aber sie hätten doch wenigstens eine Chance haben müssen, sich äußern zu dürfen!“

„Ich habe versucht, ihnen die Angst zu nehmen, habe gesagt, dass sie nicht auf der Anklagebank sitzen werden.“

Meron Mendel

Erst auf Mendels Drohung hin, dass er das Podium absagen würde, wenn Ruangrupa nicht eingeladen werde, sei das Zugeständnis gekommen, eine Einladung auszusprechen. Da Mendel trotz mehrfacher Nachfrage noch immer keinen persönlichen Kontakt mit Ruangrupa vermittelt wurde, bemühte er sich darum, selbst einen Kontakt herzustellen.

Über „Connections“ erreichte er ein Mitglied des Kollektivs am Telefon. Der Künstler hatte von der Diskussion aus der Zeitung erfahren. Mendel entschuldigte sich für dieses Vorgehen und lud Ruangrupa auf eigene Faust ein. „Ich habe versucht, ihnen die Angst zu nehmen, habe gesagt, dass sie nicht auf der Anklagebank sitzen werden.“ Mit Erfolg: Einige Mitglieder des Kollektivs kamen ins Publikum und ein Vertreter las ein Statement vor.

Im Saal saß an diesem Abend auch Sabine Schormann, in der ersten Reihe - im Publikum, nicht auf dem Podium wohlgemerkt. Während der Debatte verlor sie kein Wort zum Thema, es gab keine Stellungnahme, nichts dergleichen. Die Generaldirektorin, deren Rücktritt mittlerweile schon fast als unumgänglich erscheint, sei aber nicht die einzige, die in ihrer Funktion versagte. Auch der Kasseler Oberbürgermeister und Documenta-Aufsichtsratsvorsitzende Christian Geselle (SPD) sei bisher vor allem durch Nichtstun aufgefallen. Aus terminlichen Gründen sei er wichtigen Treffen fern geblieben – auch in der Sitzung des Kulturausschusses am Mittwoch ließ er sich entschuldigen. „Sein Verhalten wirft viele Fragen auf“, sagt Mendel. „Es entsteht der Eindruck, dass hier versucht wird, das Problem auszusitzen. Nach dem Motto: Jetzt sind es nur noch 75 Tage, bald ist es Herbst, dann wird das vorbei sein.“

Diese Taktik, dass auf Zeit gespielt werde, dass Nebelkerzen gezündet würden, sei aber natürlich keine langfristige Lösung des Problems. Auf eine Anfrage der FR hin, was Geselle zu dem Vorwurf sagt, ließ er gestern über seinen Pressesprecher mitteilen, dass er sich vor der Aufsichtsratssitzung, die sich gerade terminlich in Planung befände, nicht äußern möge.

documenta fifteen: Dominoeffekt unerwünscht

Um das Thema aufzuarbeiten, will Mendel jetzt selbst eine Diskussionsrunde starten – diesmal in Frankfurt. Unter dem Titel „Kunst & Kontext“ solle im September diskutiert werden, was man aus dem Skandal der Documenta für die Zukunft lernen kann. Hito Steyerl hat schon zugesagt. Die Künstlerin hatte vergangenen Freitag ihr Werk abbauen lassen, nachdem sie von Mendels Hinwurf gehört hatte.

„Mein Rückzug sollte keinen Domino-Effekt auslösen“, sagt Mendel dazu. Doch für ihn gibt es kein Zurück mehr. Das Vertrauen sei verspielt. „Das tut mir alles sehr leid für die 1500 Künstlerinnen und Künstler auf der Ausstellung. Ich hatte geglaubt, dass es sich lohnt, für die Documenta zu kämpfen.“ Was jetzt noch bleibe: Er unterstütze die hessische Kunstministerin Angela Dorn bei ihrem „Rettungsversuch“. (Lisa Berins)

Mehr zum Thema

Kommentare