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Bilck in eine andere Welt: Ulla von Brandenburgs Installation in der Neuen Tretjakow-Galerie. Foto: Julia Zaharova / Tretyakov gallery
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Bilck in eine andere Welt: Ulla von Brandenburgs Installation in der Neuen Tretjakow-Galerie.

„Diversity United“ in Moskau

„Russland ist Europa. Und Europa Russland“: „Diversity United“ in der Neuen Tretjakow-Galerie

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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„Diversity United“ in der Moskauer Neuen Tretjakow-Galerie ist mehr als nur eine Kunstausstellung.

Moskau - Es beginnt monumental langsam. Schlafwagen kriechen auf einer Kinoleinwand im Schritttempo heran, Stahllafetten schweben durch die Nachtluft, Arbeiter bugsieren sie auf Gleise, mit gelassenen, müden Gesichtern. Die Videoinstallation des Moldawiers Pavel Braila steht am Eingang der Ausstellung und heißt „Schuhe für Europa“. 26 Minuten lang zeigt sie, wie auf einem Bahnhof an der früheren sowjetischen Grenze ein Passagierzug von der 1,52 Meter breiten Bahnspurbreite Russlands auf die 8,5 Zentimeter schmalere Spur des europäischen Schienennetzes gesetzt wird. Jahrhundertealte technische Routine gerät zum Zeremoniell, das West- und Osteuropa füreinander öffnet.

Die Ausstellung in der Neuen Tretjakow-Galerie heißt „Diversity United“, vereinte Vielfältigkeit. Es ist eine auch für Moskauer Verhältnisse gewaltige Ansammlung moderner europäischer Kunst. Und zugleich der kühne Versuch, mit künstlerischen Mitteln die politisch immer weiter auseinanderklaffenden Spurbreiten zwischen Russland und Westeuropa wieder zusammenzubringen.

„Diversity United“: Aus Berlin nach Moskau

Etwa 300 Werke von 90 zum Teil weltbekannten Künstlern aus 34 Staaten sind hier versammelt. Oder 15 Lkw und 15 Anhänger voller künstlerischer Hightech, Lichtraum- oder Vierbandvideoinstallationen, auch die Logistik ist monumental. „Drei Wochen haben wir aufgebaut, wir haben im Museum gewohnt“, sagt Sergei Fofanow, einer der Kuratoren der Neuen Tretjakow-Galerie. Vorher warf Covid-19 den Zeitplan über den Haufen. Eigentlich hätte „Diversity United“ zuerst in Moskau gezeigt werden sollen, so aber kam die Sammlung aus Berlin, wo sie im Sommer in früheren Hangars des Tempelhofer Flughafen zu sehen war, auf 8000 Quadratmetern. Die Tretjakow-Galerie hat dieselbe Welt auf etwa 4500 Quadratmetern platziert. Erfolgreich. Man kann sich in dem Labyrinth noch immer verlaufen, ohne sich beengt zu fühlen.

Ein Gewimmel von Lichtern, Farben und Lauten, überhöhter, verfremdeter, politisierter Wirklichkeiten. „Wie seht ihr die aktuelle Lage mit ihren Topics Demokratie, Freiheit, Toleranz, Angst, Angst vor Fremden und Respekt, Würde im Umgang mit anderen?“, fragte einer der Väter der Ausstellungsidee, Walter Smerling von der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur, im Frühjahr 2019. Die Antworten der Künstler und Künstlerinnen sind divers, aber zugänglich. „Ein Eurovisions-Schlagerwettbewerb der modernen Kunst“, kommentiert RIA Nowosti etwas zu salopp. Aber die Avantgarde des Kontinents präsentiert sich und ihre Werte sehr sinnlich, emotional, oft plakativ.

Ironie bricht Weltuntergangschmerz

Es gibt Brailas verlangsamtes mechanisches Ritual, es gibt die auf dem Weg in die postpostmoderne Gegenwart zur Klassik erstarrte Spätromantik von Anselm Kiefer. Seine Installation „Winterreise“ feiert auch die russische Kritik als Herzstück der Schau. Ein verfallenes, verschneites Haus im Wald, das Bühnenbild eines Tschechow- oder Ibsen-Dramas, dessen Personal schon im vorletzten Jahrhundert erfroren ist.

Wald ist die alltäglichste gemeinsame Naturerfahrung und ein thematisches Zentrum der Ausstellung. Der Winterwald des deutschen Altmeisters wirkt verzaubert, zugleich angeschlagen, wenn nicht dem Tod geweiht – wie die Nadelbauminvaliden, die Kiefers Landsfrau Mariele Neudecker einige Säle weiter in ein Aquarium gerettet hat: „What, if we all just stopped?“. Oder wie der lodernde Märchenwald der Londoner Polin Goshka Macuga, in der ein Eisbär mit einem Plakat mahnt: „Es ist heiß hier drin.“

Ironie bricht Weltuntergangschmerz, Infrarotkameras studieren Flüchtlingslager. Und dunkles Brillenglas verbirgt die Spuren männlicher Gewalt. Die Gesichter der weiblichen Opfer sind jung und schön und scheinen für Sonnenbrillen zu werben, Frauenhausporträts der Zagreber Fotokünstlerin Sanja Ivekovic.

Der Brexit wird hier mit fröhlichen Sarkasmus gespiegelt, die Deutsche Ulla von Brandenburg drehte mit Schülern in London nach, wie englische Kinder 1973 zur Feier des EU-Beitritts eine Ausstellung mit Naschwerk der Mitgliedstaaten stürmten. „Es begann mit Süßigkeiten und endete im Brexit.“ Der abschließende Chorgesang der multikulturellen Kinderschar hat viel von früher Benetton-Werbung.

„Diversity United“: Für keinen ist die Vergangenheit vorbei

Generationen, Genres und Epochen vermischen sich, auch auf den „sowjetischen Kollektivfotos“ des Ukrainers Boris Michailow, der Charkower Zeitgenossen als typische Sowjetmenschen in Szene setzt. Und in Henrike Naumanns „Ostalgie“. Die Zwickauerin hat Filzpantoffel hingestellt, damit das Publikum in einem bei der Wiedervereinigung umgekippten Ossi-Wohnzimmer Selfies knipsen kann. Die Wende hat den Teppichboden nebst Ikea-Möbeln ins Vertikale gehoben, während die rudimentäre Bibliothek mit Erich-Honecker-Biografie und „Sozialismus in der DDR 2000“ an der Raufasertapete in die Horizontale geraten ist, auch die zwei Holzkeulen über einem Banner: „Hüte dich vor Sturm und Wind und Ossis, die in Rage sind!“

Für keinen ist die Vergangenheit vorbei: Kunst aus dem Kosovo, Bosnien oder Russland beschäftige sich mit dem Thema Ruine, „mit etwas, das zerstört wurde, an dem man arbeiten muss“, sagt die Russin Irina Korina. Die gelernte Bühnenkünstlerin amüsiert sich mit einem bajuwarischen Berghüttenkiosk voll alpinem Nippes, die aus einer zur Sahnehaube mutierenden Schneewehe wächst, über den Konsumtouristenblick, mit dem viele ihrer Landsleute Europa wahrnehmen.

Aber auch in der Tretjakow-Galerie kann man auf jedem Smartphone die neuesten Videos von Zügen mit Panzern betrachten, die über russische Breitspurgleise rollen, die Richtung Ukraine deuten, „Krieg“ ist das Wort des Monats in Moskaus Medien.

„Diversity United“ in Moskau: Man äußert sich begeistert

Auch innenpolitisch wird es ungemütlich. Die Ausstellung wird von Westfirmen gesponsert und zeigt politische Kunst. Das reichte längst, damit die Staatsorgane die russischen Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf die schwarze Liste der „ausländischen Agenten“ setzten. Ein Glück, dass „Diversity United“ unter der Schirmherrschaft der Präsidenten Macron, Wladimir Putin und Steinmeier steht, die vaterländische Justiz hält sich zurück. Hier dürfen auch sieben lebensgroße Aquarelle der Serie „Mahnwache“ hängen. Jekaterina Muromzewa widmet sie den letzten Russen, die es riskieren, als Einzeldemonstranten auf die Straße zu gehen ...

„Die Kultur und ihre Menschen leben in einer Luftblase, in die die Stereotypen beider Seiten bisher nicht eingedrungen sind“, sagt Irina Korina. „Diversity United“ ist mehr als nur eine Ausstellung, es ist die größte öffentliche Insel russisch-europäischer Neugierde, Zuneigung und Toleranz in Moskau, wo der Winter auch politisch eisig zu werden droht.

Wer die Insel besucht, viele Jüngere darunter, fühlt sich hier sichtlich wohl. Man äußert sich begeistert, streitet sich gleichzeitig, ob die Stars aus Westeuropa weniger Humor besitzen, ihre Themen oberflächlicher oder umfassender sind. Junge Frauen können offen Händchen halten.

Die Ausstellung

Tretjakow-Galerie, Moskau: bis 13. März 2022.

Die Ausstellung wäre schon ein Erfolg, wenn sie die Gedankenwelt von 50 jungen Menschen in Bewegung brächte, sagt Kurator Fofanow. Er hat sieben Jahre in Berlin gelebt, reiste danach durch ganz Russland, von Kaliningrad bis Wladiwostok. Überall habe er Europa gesehen, sagt er. „Es gibt kein Russland ohne Europa und kein Europa ohne Russland.“

Der Spanier Fernando Sanchez Castillo hat 5000 graue Plastikmännchen mit trotzig über der Brust verschränkten Armen aufgestellt. Auch das sieht monumental aus. Darüber hängt eine berühmte Fotografie von 1936, auf der eine deutsche Menschenmasse den rechten Arm zum Hitlergruß hochreißt, nur ein Mann mitten unter ihnen verschränkt trotzig die Arme über der Brust.

Wer will, kann eines der trotzigen Plastikmännchen mitnehmen. Und vorher aufschreiben, was er oder sie unter Demokratie versteht. „Freiheit ist, wenn man auf die Straße gehen kann“, steht auf einem Zettel, „wann und wofür man will.“

5000 Neinsager in der Tretjakow-Galerie sind Kunst, draußen, auf Russlands Straßen wären es eine Menge Ordnungswidrigkeiten und Strafverfahren. (Stefan Scholl)

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