Gerhard Marcks: Absage. Holzschnitt, 1925/26. Foto: Gerhard-Marcks-Stiftung, Bremen, VG Bild-Kunst, Bonn 2017
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Gerhard Marcks: Absage. Holzschnitt, 1925/26. Foto: Gerhard-Marcks-Stiftung, Bremen, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Bauhaus

Der Dissident Gerhard Marcks

  • vonChristian Eger
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Der Bildhauer Gerhard Marcks gehörte zu den Pionieren am Bauhaus. Dann kam es zum Bruch. Eine Ausstellung in Weimar ehrt den Künstler und seine Freunde.

Er hatte keine Wahl. Spätestens als Walter Gropius 1923 die Bauhaus-Direktive „Kunst und Technik eine neue Einheit“ ausgab, wusste Gerhard Marcks (1889-1981), was die Stunde geschlagen hatte: den Abschied vom Bauhaus. Denn „Kunst und Technik eine neue Einheit“, das klang in den Ohren des Bildhauers wie: Künstler in die Produktion.

Das hatte mit dem Slogan, unter dem der in Berlin geborene Künstler-Autodidakt ans Bauhaus gezogen worden war, nichts mehr zu tun. „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!“ Das war die Parole, unter der 1919 das Bauhaus in Weimar gestartet war als eine Fusion von lokaler Kunst- und Kunsthandwerkschule. Die neue Kunst sollte ein neues Handwerk sein. Keine Fließband-Fertigung.

Als Bauhaus-Formmeister, der von 1920 bis 1924 die Keramikwerkstatt in Dornburg leitete, tat Marcks sein bestes. Hoch über der Saale betrieb dort der Töpfer Max Krehan seine Werkstatt, in die er die Bauhäusler hineinließ. Von hier aus bildete Marcks seinen Kreis. Die Keramikerin Marguerite Friedlaender, der Silberschmied Wolfgang Tümpel, der Maler Johannes Driesch: Sie alle suchten gemeinsam mit Marcks die Synthese der Kunstgenres.

Der weltanschaulich konservative, künstlerisch einem sinnfälligen Realismus verpflichtete Bildhauer fand seine Freunde unter den Künstler-Meistern. Oskar Schlemmer und Lyonel Feininger allen voran. Nicht Gropius, den Marcks als Manager begriff. Nicht der Fotograf und Maler Moholy-Nagy, den er als Bauhaus-Totengräber fürchtete. Nicht Kandinsky, über dessen abstrakte Malerei und Theorie er nur lachen konnte. Aber es bestand dazu immer weniger Anlass. Die Keramikwerkstatt wurde als „Töppchendreherei“ belächelt.

Den Bauhaus-Umzug von Weimar nach Dessau nutzte Marcks, um sich 1925 nach Halle abzusetzen, wo er die Bildhauerklasse der Kunsthochschule Burg Giebichenstein übernahm. Die führte der neben Barlach, Kolbe und Lehmbruck bedeutendste figürlich arbeitende Bildhauer Deutschlands bis zu seinem Rausschmiss 1933. Er hatte gegen die Entlassung der Jüdin Marguerite Friedlaender protestiert. Bis 1945 hielt sich Marcks, dessen Kunst als „entartet“ diffamiert wurde, mit kleinen Aufträgen über Wasser. Marguerite Friedlaender zog über Holland nach Amerika.

„Wege aus dem Bauhaus“ heißt die Ausstellung im Neuen Museum Weimar, die sich Marcks und seinem Kreis widmet. Der Titel ist klug gewählt: Er meint den tatsächlichen Abgang aus der tatsächlichen Schule, aber auch die Loslösung von einem gestalterisch-weltanschaulichen Stereotyp. Und „Wege aus“ lässt sich auch als Wege in die geistige Freiheit lesen, als Verteidigung der künstlerischen Autonomie. „Es war manches Gute dran, es wurde Sport getrieben, getanzt, musiziert etc.“, blickte Marcks 1963 auf das Bauhaus zurück. „Aber ein gewisser totalitärer Wahn verdarb viel, manches mutet an wie Hitler vor Hitler.“

Nicht der politischen Reklame, sondern dem artistischen Eigensinn widmet sich die Schau. Die zeigt mit Marcks und seinem Freundeskreis die Dissidenten des heute tonangebenden Bauhaus-Diskurses. Künstler, die auf ein traditionelles handwerkliches Ethos und das Suchen von kunst- und geistesgeschichtlichen Referenzen setzen. Antike, Christentum und Mittelalter: Vieles klingt an und nach in denArbeiten von Bogler, Burri, Driesch, Gilles, Lindig, Marcks, Muche oder Tümpel. Über 200 Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde präsentiert die Ausstellung insgesamt.

Es ist erstaunlich: Während die politischen Extreme, in deren linkes Lager das späte Bauhaus gehörte, die Gesellschaft in den 20er und 30er Jahren auch kulturell auf Trab hielten, zeigt sich hier eine wirklich soziale und mitfühlende Kunst. Die Menschen- und Tiergestalten von Marcks bezeugen ein Künstlertum, das einer reflektiert naiven, antikisch einfachen, immer menschengemäßen Formensprache verpflichtet ist. Die Weimarer und die hallesche Werkstatt sind zu erleben, die wiederum ohne Marguerite Friedlaender nicht zu denken sind. So wie die Stadt Halle nicht ohne Marcks: 1928 wurden nach seinen Entwürfen die monumentalen Figuren von Kuh (Land) und Pferd (Stadt) an der Kröllwitzer Brücke errichtet.

Es ist eine überraschende, anregende, sorgfältig kuratierte Schau, die sich gegen den bauhäuslerischen Rezeptions-Mainstream behauptet. So nah ist man diesem verschütteten Strang der mitteldeutschen Kunstgeschichte selten gekommen. Unbedingt sollte man sich die im Foyer gezeigten Filmaufnahmen ansehen, die Marcks im Gespräch über seine Kunst und das Bauhaus zeigen. Pointiert, witzig, rücksichtslos.

Die „Wege aus dem Bauhaus“ führten alle in den Westen. Keiner der Dissidenten blieb am Ende in der DDR oder im Ostblock hängen. Das Bauhaus neben dem Bauhaus: Das ist eine echte Entdeckung.

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