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Eduardo Chillida: Ohne Titel, 1970.

Museum Wiesbaden

In dieser Schwere, so leicht!

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Die große Eduardo-Chillida-Ausstellung im Museum Wiesbaden.

Es liegt ein Charme darin, dass Eduardo Chillida vom Motiv und den filigranen Möglichkeiten einer Hand besessen war, während er Skulpturen herstellte, denen gegenüber menschliche Knöchelchen erbarmungswürdig empfindlich erscheinen, nein, sind: zerschmetterbar, zu nichts zu gebrauchen. In der außerordentlichen Fülle der Objekte, die sich im Museum Wiesbaden in den sieben Sälen der Ausstellung „Architekt der Leere“ ausbreiten – mindestens in Deutschland der größten seit dem Tod des Künstlers 2002, sagt Museumsdirektor Alexander Klar –, wirken die sehr unterschiedlichen Größen, Gewichte, Härtegrade allerdings auch bald zweitrangig. Das gehört zu der bezaubernden Unlogik, die über dem Werk Chillidas liegt. 

Als sollte es uns eingetrichtert werden, zeigen sich gleiche, ähnliche, variierte Bewegungen, Verschlingungen, Durchdringungen in fast siebzig Objekten von handtellergroßen Modellen bis zu Mehrtonnern (die Ausstellung sei „nicht einfach zu stemmen“ gewesen, so Klar) und ebenso vielen Papierarbeiten. Klar macht zwar auf den seriellen Charakter vieler Werke aufmerksam, mehr noch aber auf Chillidas ausdrückliches Desinteresse an Serien. Man darf sich das aber nicht langweilig vorstellen, im Gegenteil. Nicht nur wird man die Kraftakte bewundern müssen. Es ist vor allem die scheinbare Aufhebung der Materialeigenschaften, an der man sich in den nicht vollgestopften Räumen in Ruhe sattsehen kann. Einer Ruhe, die im Missverhältnis dazu stehen dürfte, wie lärmig der bildhauerische Umgang mit Stahl und Stein sein muss und wie der Boden beben mag, wenn ein solches Objekt eintrifft (2,8 Tonnen wiegt das schwerste, „Hommage an Juan Gris“, 1987). 

Nun stehen und liegen sie aber da, und es braucht keine esoterische Veranlagung und keine esoterischen Absichten seitens des Schöpfers – die Chillida auch nicht hatte, wie sein Sohn Ignacio in Wiesbaden versichert –, um über Schwingungen und Ausstrahlungen nachzudenken, die um Schwergewichte dieser Dichte und Größenordnung in der Luft liegen. Während die Objekte selbst unkompliziert und geradezu luftig wirken. 

Ein dicht gefülltes Blatt Papier kann in Wiesbaden opulenter aussehen als ein Alabasterstein, in den Rechtecke eingearbeitet wurden wie Fenster. Eine grandios unnütze Tat übrigens. Das Unnützliche – den Fenstern entsprechen an anderer Stelle unbrauchbare verborgene Räume – springt hier immer wieder ins Auge und hat vielleicht damit zu tun, dass Stahl und Stein, wenn sie bearbeitet, aber doch so unpoliert daherkommen, durchaus an Bautätigkeiten denken lassen. Auch in dieser Hinsicht hat der Titel „Architekt der Leere“ seinen Reiz.

Die Ausstellung, kuratiert von Klar, Lea Schäfer und Ignacio Chillida, ist chronologisch sortiert. Auch wenn der Bruch deutlich sichtbar ist, den das Werk Chillidas, 1924 in San Sebastián geboren, erlebte, als der Künstler 1951 ins Baskenland zurückkehrte, sind die Kontinuitäten offensichtlicher. Akte des jungen Mannes mit abgebrochenem Architekturstudium, wie sie in den 40er Jahren entstehen, werden bereits Anfang der 50er immer mehr von kubischen Formen abgelöst. Diese werden zu weichen (schon noch körperlichen) Blöcken, wie sie später in den Skulpturen in der dreidimensionalen Variante praktisch wieder auftauchen. Von der „Tektonik des Körpers“ sprechen Klar und Schäfer. Auch die frühen Skulpturen zeigen noch ihren figürlichen Ursprung in den griechischen Kunstwerken, die Chillida in seinen Pariser Jahren im Louvre studiert. 

Zurück in Spanien entdeckt Chillida das relativ fügsame Eisen für seine Kunst. Großprojekte, zumal die „Windkämme“ (1977) an der Küste seiner Heimatstadt, sind durch Fotografien, aber vor allem durch zahllose Modelle und Vorarbeiten vertreten, dazu kommen eigenständige Arbeiten rund ums Thema: immer wieder neue Varianten handartiger, dabei harter, aber knochenloser Teile, die Nähe zueinander suchen. Und wenn es keine Skulptur ist, dann ist es eine Zeichnung, und wenn es keine Zeichnung ist, dann hat Chillida auf schamottierten Ton gemalt. Der Begriff Besessenheit klingt nicht übertrieben in diesem Zusammenhang. 

Auch als „Hommageur“ wird Chillida sichtbar, wenn beispielsweise ein „Haus für Bach“ die musikalische Polyphonie in komplizierte Wellenbewegungen überführt (und, selbstverständlich: was sich hier so gut wie bewegt, sind 1980 weiterhin die Finger der Windkämme). Auch als vieldiskutierter Künstler wird Chillida sichtbar, wenn sein Altarprojekt für Sankt Peter in Köln vorgestellt wird, „Gurutz Aldare“ (2000), das der Vatikan aber schließlich nicht anerkannte. Gegen beträchtlichen Widerstand aus der Gemeinde wurde der Gebrauch in liturgischem Zusammenhang untersagt – die Steinblöcke sind jetzt erstmals in einer Ausstellung zu sehen, und es ist sicher nicht nur die allerdings geschickte Präsentation, die ihre sakrale Aura unzweifelhaft erscheinen lässt (gleichwohl kennt der Vatikan, lernt man, strenge Regularien zu Form und Wesen eines Altars). 

Der Erfolg von „Gurutz Aldare“ bei den Kölnern ist vielleicht auch ein schönes Beispiel für die Unmittelbarkeit, mit der Chillidas Werke beim Betrachter funktionieren. In ihrer ganzen entspannten Funktionslosigkeit.

Schließlich geht die Ausstellung auf Chillida-Werke im öffentlichen Raum in Deutschland ein, vor dem Bundeskanzleramt in Berlin, im Innenhof des Rathauses in Münster – Arbeiten, die man leicht politisch verstehen kann, was der Künstler nach eigenem Bekunden aber nicht beabsichtigte – oder das (dachlose) „Haus für Goethe“ an der Frankfurter Taunusanlage. Markant und für die Wiesbadener Schau charakteristisch, dass man die Größe der Originale nicht vermisst. Man bekommt wirklich alles geboten, was man benötigt.

Museum Wiesbaden: bis 10. März. Katalog (Walther König) für 34 Euro. www.museum-wiesbaden.de

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