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Tal im Gebirge, Öl auf Leinwand. Angesichts der äußerst prekären Lebensverhältnisse des Malers war Leinwand nicht selbstverständlich.
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Tal im Gebirge, Öl auf Leinwand. Angesichts der äußerst prekären Lebensverhältnisse des Malers war Leinwand nicht selbstverständlich.

Rijksmuseum Amsterdam

Diese leichte Übelkeit der Seele

  • VonIngeborg Ruthe
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Das Rijksmuseum Amsterdam zeigt erstmals die Bildwelt des visionären Künstlers Hercules Seghers.

Das Mysterium durchzieht zehn Säle. Die Wände im Philips-Flügel des Amsterdamer Rijksmuseums tragen sanftes Grau und Anthrazit. Auf diesem alle Unwesentliche schluckenden Hintergrund reiht sich, was den Kosmos des niederländischen Zeichners und Malers Hercules Seghers, geboren 1589 oder 1590 in Haarlem, gestorben vermutlich 1639 nach einem Treppensturz im betrunkenen Zustand, ausmacht: gespenstische Idyllen, Einsamkeit, Fremdheit, reizbeladene Innenschau, Abenteuer im Abgründigen.

Auf den teils winzigen, bisweilen auch wie unvollendet kolorierten Radierungen sieht man – und fast sollte man eine Lupe benutzen – Ruinen, krude Gebirge, Wüsteneien. Da ragen abgestorbene Baumstämme und Äste ins Bild, schroffe, karstige, wie zerbröselnde Felsen. Da quellen Laubbäume und Gräser auf wie zu einer wabernden, dann lavaähnlich erstarrten Masse. Unvermittelt dringt die Takelage eines Schiffs durchs Himmelsblaugrau über einer Landschaft am Amstelfluss.

Bizarre Orte, Un-Orte sind das eigentlich. Anblicke, die den Berliner Museumsmann Wilhelm von Bode zu Beginn des 20. Jahrhunderts fesselten und etliche Radierungen fürs Kupferstichkabinett ankaufen ließen. „Erdlebenkunst“ nannte der Seghers-Forscher Wilhelm Fraenger 1922 in seinem „physiognomischen Versuch“ die in ihrer Poesie und kühnen Farbdruck-Technik wegweisenden Radierungen des Amsterdamers.

Nun ist er ausgebreitet – der gesamte Nachlass des enigmatischen Künstlers, nach dem sich übrigens die deutsch-jüdische Schriftstellerin Anna Seghers (Netty Radványi) bekenntnishaft benannte. Von ihm ist kein Konterfei überliefert; nur bruchstückhaft sind die biografischen Angaben in Kirchenarchiven. Gut 40 Seghers-Blätter aus der Privatsammlung Michiel Hinloopen – ein Zeitgenosse des Künstlers – gelangten schon vor langer Zeit ins Rijksmuseum. Vermutlich stammte dieses Konvolut ursprünglich aus dem Ateliernachlass selbst. Dazu kommen Leihgaben des verstreuten ?uvres aus London, Edinburgh, den USA, aus den Kunstsammlungen Dresden, Berlin, Köln, Wien, St. Petersburg.

Man schaut auf das rätselvolle, zugleich experimentelle Lebenswerk eines Mannes, den nicht von ungefähr der unkonventionelle Rembrandt schätzte. Der hatte acht der zehn Gemälde des Einzelgängers, der wohl keinerlei Geschäftssinn besaß, gekauft – aus Begeisterung für dessen eigentümliche, aus dem Rahmen der barocken Stilepoche fallende Bildwelt. Auch, um dessen trotz aller Produktivität eigenbrötlerisch-prekäres Dasein ein wenig zu lindern. Rembrandt hatte auch eine Radierplatte aus Seghers’ Nachlass erworben. Dessen Figuren ersetzte er durch eigene, beließ jedoch die magische Landschaft und fertigte Abdrucke von der überarbeiteten Platte.

Während der Vorbereitung dieser sensationellen Ausstellung entdeckte das Forschungsteam des Rijksmuseums sechs neue Gemälde, die Seghers zugeschrieben werden konnten, drei davon aus Privatbesitz: „Der Waldweg“, „Panorama-Landschaft mit einer Stadt am Fluss“ und „Panorama-Landschaft mit zwei Türmen“. Bis vor kurzem waren lediglich zwölf Seghers-Gemälde bekannt. Diese kleinformatigen Ölbilder dunstiger Fluss- und melancholischer Gebirgslandschaften hängen nun in Korrespondenz mit 110 Abzügen von 54 Grafiken, gespenstischen, requiemartigen Motiven.

Da tun sich in Bildchen, meist kaum mehr als schulheftgroß, Panoramen einer entgrenzten Fantasie auf, die aus der realen Welt völlig hinausgegangen war. Diese Blätter auf Japanpapier – Seghers war der erste, der damals Bildgründe aus Fernost benutzte –, auf Karton, Holz oder Fetzen von Bettwäsche, weil Leinen zu teuer war, sind kaum nach der Natur entstanden. Gleichwohl suchten sie – in „gedruckten Gemälden“, wie Zeitgenosse Samuel van Hoogstraten schrieb – das Wesen der Natur und der Welt zu ergründen und wiederzugeben.

Seghers’ Motive, von denen er oft zwei Versionen anfertigte, die kaum zu unterscheiden sind, oder die Kupferplattenränder beschnitt, so dass er neuartige Perspektiven erzielte, erzählen unterschwellig von Gefahr, Bedrohung, von einem surrealen Apokalypse-Gefühl. In dem mit Kratzern, Flecken, Dellen überzogenen Hell-Dunkel offenbart sich eine leichte Übelkeit der Seele. Angstvoll-trotziges Unbehagen an der Welt, wie es mehr als drei Jahrhunderte später der thüringische Zeichner Gerhard Altenbourg, belastet vom Zweiten Weltkrieg, ins Papier grub. Seine unglaublichen Landschaften jedenfalls hat Hercules Seghers so nie gesehen, denn nichts in den spärlichen Überlieferungen deutet darauf hin, dass er gereist wäre, schon gar nicht durch die Alpen. So übertrug er den Blick aus seinem Haus an der Amsterdamer Lindengracht in ein dramatisches Gebirge. Dieser Künstler, wenngleich in die Lukasgilde aufgenommen, war keiner, der im Mainstream des Goldenen Zeitalters schwamm. Seghers war ein Zu-früh-Gekommener in der Kunst einer glorreichen, opulenten, repräsentativen Epoche. Einer, der nicht einzuordnen ist mit seinen Seelenspiegel-Kopfgeburten.

Es drängt sich der Vergleich mit einem Künstler aus dem belgischen Ostende auf: mit James Ensor, der um 1890, zur Hoch-Zeit des Symbolismus, schon eine Art surrealistischer Expressionist war.

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