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Neue Werkzeugkästen stehen den Büros zur Verfügung: You + Pea, „London Developers Toolkit“, 2020.

Zukunft der Architektur

Die Weltenmaschine

  • vonOliver Herwig
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Architekturbüros verlassen sich immer mehr auf ihren Rechner. Wie konnte es dazu kommen? Wohin kann das führen?

Der Computer hat uns den Blob geschenkt und die Dominanz des rechten Winkels beendet. Er hat uns die verrücktesten Bauten der letzten Jahre beschert, die tanzen und wirbeln, als wäre die Schwerkraft abgeschaltet. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Natürlich saßen Architektinnen und Architekten hinter den Rechnern und ließen diese für sich werkeln. Wer gestaltete, war schon immer verliebt in Technologien, die prompt auch die Art veränderten, wie gebaut wurde: Sonst wären weder die Kristallpaläste des 19. Jahrhunderts (Eisen und Glas) entstanden noch besonders effiziente Bauteile für Brücken – mit Carbonfasern im Beton. Das aber waren bloße Material-Innovationen. Der Computer zählt zu einer ganz anderen Kategorie, als besonders mächtiges, da flexibles Werkzeug, das womöglich sogar die Art verändert, wie wir denken.

In den letzten sechzig Jahren hat sich der Rechner aus bescheidenen Anfängen nach oben gearbeitet zu einem unersetzlichen Helfer, der Termine verwaltet, Menschen zusammenbringt, Rechnungen schreibt und Bilder rendert, die so real sind, dass man die eigentlichen Häuser fast schon nicht mehr bauen müsste. Mit jedem Update, jedem erweiterten Betriebssystem und jedem neuen Chip wurde der Computer leistungsfähiger. Heute ist er in manchem Architekturbüro so etwas wie ein informeller Partner. Einer, der freilich nie auf dem Briefkopf steht. Und das nicht, weil er zu bescheiden wäre, sondern weil er gar nicht weiß, dass er existiert.

Der Rechner ist im Architekturbüro zum Universalwerkzeug geworden, der Welten baut und über den Zugang zu diesen gleich mitbestimmt. Nun geht es sogar hin zu einem vernetzten Arbeiten. Alles, was bislang war – Zeichen- und Modellierprogramme, Visualisierungshilfen oder parametrisches Entwerfen – verlief evolutionär. Nun steht ein Sprung an.

BIM ist für die deutsche Architekturlandschaft so etwas wie der Katalysator für die Automobilindustrie in den Achtzigern – oder Elektro heute: Ein Technologiewandel, der Widerstand hervorruft, trotz oder gerade weil viel Vertrauen in das eigene Können vorherrscht. Building Information Modeling bezeichnet den nächsten Schritt auf dem Weg zur digitalen Planung. Statt wie bisher dreidimensionale Modelle zu erstellen und Pläne auszudrucken, die auf der Baustelle spontan geändert werden, zwingt ein digitaler Zwilling des jeweiligen Bauwerks alle an einen Tisch: Die Beteiligten aus dem Architektur- und dem Ingenieursbüro sowie den ausführende Firmen. Sie arbeiten an einem Modell, das sämtliche Leitungen, Kabel und Rohre verzeichnet und so Konflikte ausschließt.

Bislang erinnern manche Baustellen nämlich an E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Rat Krespel“, bei der erst Wände gemauert wurden, aus denen nachträglich Fenster und Türen herausgeschlagen werden müssen – zur Freude der Nachbarn: „Hunderte von Menschen ... jubelten, wenn die Steine herausflogen und wieder ein neues Fenster entstand, da, wo man es gar nicht vermutet hatte.“

Wie in anderen Bereichen der Digitalisierung hinkt Deutschland hinterher. Was in China Pflicht ist und selbst hinter dem Ural bereits erprobte Praxis, findet zwischen Elbe und Isar erst langsam Eingang in die Bauwelt. Andres Lepik, Direktor des Münchener Architekturmuseums, kommentiert das so: Architektur sei eine konservative Disziplin. Erst 1998 war es Studierenden der Technischen Universität München erlaubt, Abschlussarbeiten einzureichen, die mithilfe des Computers gezeichnet wurden. Da hatten die einstigen Elektronengehirne schon einen weiten Weg hinter sich, von Rechenknechten für Eingeweihte zu Personal Computern und Laptops für alle.

Wie aber soll es weitergehen, wenn Fachleute eine KI anwerfen, die mit guten Grundrissen gefüttert wurde und nun ihrerseits Hunderte funktionierender Varianten ausspuckt? Sie würden wie beim Dirigieren nur noch die Richtung vorgeben, in der die Künstliche Intelligenz weiterarbeitet. Eine weitaus düsterere Version: KI produziert Variationen von bewährten Grundrissen für den Massenwohnungsbau – gestalterische Arbeit bliebe außen vor. Das wäre eine Kapitulation der Frauen und Männer am Drücker.

Das Szenario scheint gar nicht so unwahrscheinlich. Es zeigt, dass selbst Kreativität Gesetze kennt, die man einer Maschine einhämmern kann. In der Frühindustrialisierung kam es immer wieder zu Aufständen: Maschinenstürmer zerstörten jene Anlagen, die ihnen das Brot wegzunehmen drohten. Offenbar geht die Automatisierung in eine neue Runde: einfacher Denksport gehört nun dazu. Das Programm GPT-3 etwa schreibt Texte im Stil eingegebener Fragmente, und Menschen können kaum mehr sagen, wer das nun verfasst hat.

Schlimmer als Texte sind vielleicht generierte Städte. Kann man von Algorithmen überhaupt so etwas humane Entwürfe erwarten? Teresa Fankhänel, Kuratorin der Münchner Ausstellung „Die Architekturmaschine“, ist eher optimistisch: „Es bleibt immer noch die Person, die diese Programme schreibt und die entscheidet, was das Programm kann – und hier liegt viel Raum für Kreativität und Humanismus, wenn man die Auswirkungen der Computerprogramme nicht aus den Augen verliert.“

Wir leben in einer Zeit, die viele Versprechen der sechziger Jahre einlöst. Der dienende Rechner gehört dazu. Es ist vielleicht kein Wunder, dass Science-Fiction und Computerprogramme eine gemeinsame Entwicklungsgeschichte aufweisen. Als „Star Trek“ 1966 bis 1969 über die Bildschirme flimmerte, gab es bereits vernünftige Zeichen- und Modellierprogramme für die Arbeit im Architekturbüro. Auf den fortschrittlichen Computer aber, der Teil der Enterprise war, mit Sprachsteuerung und Dutzenden Sensoren, warten wir noch heute. Er war schon damals mehr als nur ein bloßer Befehlsempfänger.

Logiker Spock brachte seine ambivalente Position zwischen Kollege und Konkurrent auf den Punkt: „Computer sind ausgezeichnete und effiziente Diener, aber ich möchte nicht unter ihnen dienen.“ Daran hat sich wenig geändert. Mag sein, dass fortschrittliche Algorithmen bald unser Leben mitbestimmen und an unseren Städten mitbauen. Das ist solange keine Katastrophe, wie wir nicht vergessen, dass Computer „nur“ mächtige Werkzeuge sind. Je fortgeschrittener die KI aber wird und je ununterscheidbarer mögliche Computer-Häuser, Straßenzüge und Siedlungen von den Entwürfen echter Architekten und Architektinnen, desto eher drängt eine alte Frage in den Mittelpunkt auch des Bauens: Was ist der Mensch?

Architekturmuseum der TUM, München: bis 6. Juni 2021.

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