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Die Welt auf vielsagender Linie

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Von: Ingeborg Ruthe

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Inge Morath, „Marilyn Monroe am Set der ,Misfits’“, Reno, Nevada. 1960. IInge Morath/Magnum Photos
Inge Morath, „Marilyn Monroe am Set der ,Misfits’“, Reno, Nevada. 1960. IInge Morath/Magnum Photos © ©Inge Morath / Magnum Photos

Zwei Ausstellungen in Berlin setzen die Arbeit der legendären Fotoagentur Magnum in Szene.

Es kann nicht bloß an der Auswahl liegen, dass die prägnanten Schwarz-Weiß-Fotos der Fotoagentur Magnum, 1947 in New York von den vormaligen Kriegsberichterstattern Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour sowie George Rodger als unabhängige Genossenschaft gegründet, noch immer faszinieren. Die Klassiker haben diesen Geist, der bestimmt nicht daher rührt, dass die Freunde vor 75 Jahren zum Start mit Magnum-Champagner anstießen und die leere Flasche zum Namensgeber ihrer Agentur machten.

Damals machten technische Entwicklungen kleinerer und handlicherer Kameras wie die Leica sowie besseres Filmmaterial das Fotografieren flexibler. Reportagen aus aller Welt, über Krisenherde waren ebenso gefragt wie Fotostrecken über Land und Leute, seien es indigene Völker am Amazonas oder Schafzüchter in Neuseeland. Die Redaktionen rissen sich um Magnum-Bilder.

Magnum-Fotografie, wie die des Altmeisters Cartier-Bresson, ist gerade aus Anlass der Berlin Photo Week in der Newton-Stiftung zu sehen. Es sind gar nicht die weltbekannten Nachkriegsikonen der Magnum-Väter, sondern spätere Bilder der Dazugekommenen wie Dennis Stock, Elliott Erwitt, Bruce Davidson, Cornell Capa, Ernst Haas, Erich Hartmann, Inge Morath, Eve Arnold. Etliche Motive entstanden 1961 bei den Dreharbeiten zum Hollywoodfilm „The Misfits“. Marilyn Monroe ist das Starmodell. Die Magnum-Leute bleiben weitgehend unsichtbar. Und so diskret hielt es auch Steve Schapiro ein Jahrzehnt später bei den Aufnahmen zu Roman Polanskis Film „Chinatown“.

Aber bei allen Fotos schimmert das von Cartier-Bresson geprägte Magnum-Credo durch: Verstand, Auge und Gefühl mit Strenge auf eine Linie bringen! Magnum, das bedeutet Prinzipien und setzt so Qualitätsmaßstäbe. Das heißt Zeitzeugenschaft, also authentische Wirklichkeitsausschnitte, spröde Poesie, eigenwillige Fantasie. Und Empathie. Die Conditio Humana als Manifest.

Fotos sollen Geschichten erzählen. Gute wie böse. Sie sollen Emotionen wecken. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und vielleicht beeinflusst es mitunter das Weltgewissen, prägt sich ins kollektive Gedächtnis, so wie Nick Úts „Napalm Girl“ aus dem Vietnamkrieg. Zweifellos hat Magnum-Fotografie den Blick auf die Welt verändert und neue ästhetische Standards gesetzt. Magnum vereinte, oft auch nur auf Zeit, die besten Fotografen und Fotografinnen der Welt. Die Agentur ist ein großes Vorbild. Die Berliner Fotoagentur Ostkreuz, 1990 nach dem Mauerfall im Osten der Stadt gegründet, arbeitet nach gleicher Maxime und unterhält seit Jahren sogar eine Schule für Fotografie.

Magnum bedeutet neben den ästhetischen Standards von Anfang an auch, nicht dem Diktat und den aktuellen Sachzwängen der Medienhäuser folgen zu müssen, sondern über Bilder mitzubestimmen, die Erlöse gemeinsam zu verwalten. Und nicht zuletzt eigene Themen zu wählen, selbst bei Auftragsarbeiten. Die Fotos dürfen laut Magnum-Statut nicht beschnitten werden, und die Rechte am Bild sowie die Negative bleiben beim Fotografen. Er kann seine Arbeiten so mehrfach vermarkten. „Ein Journalist ist nichts, wenn er nicht die Rechte an seinen Negativen besitzt“, so Robert Capa. Freilich, keiner der alten Magnum-Barden ist reich geworden.

Heute ist die Medienwelt eine völlig andere, Fotografie ist digital omnipräsent, Negative sind nicht mehr gebräuchlich. Bis in die 80er Jahre war die analoge Zusammenarbeit von Fotograf oder Fotografin und Bildredaktion eine Vertrauenssache. Inzwischen herrscht Druck, im Netz wie im Print. Verfügbarkeit ist häufig wichtiger als das einzigartige Bild. Darunter leiden auch die heutigen Magnum-Mitglieder. Wer in die Agentur aufgenommen worden ist, kann seine Bilder zwei Jahre lang unter dem Label vertreiben, nach zwei weiteren Jahren assoziiert werden und noch einmal zwei Jahre später sogar die Mitgliedschaft erlangen. Doch viele lieben offensichtlich die Freiheit. Seit 1947 bis jetzt hat es in den Magnum-Niederlassungen New York und Paris lediglich 99 „feste Mitglieder“ gegeben.

Wie es sich bei den 17 internationalen Fotografinnen und Fotografen der jetzigen Magnum-Generation verhält, die in der Stiftung Reinbeckhallen zu einer Bestandsaufnahme zusammengekommen sind, ist nicht extra erwähnt. Der Blickwinkel, die Ästhetik, die oft fragmentarischen Bildschnitte haben sich, schon allein durch die Farbfotografie, stark verändert. Nicht jedoch die soziale Haltung, der Respekt vor den Fotografierten, die Empathie.

Rafal Milach aus Polen nimmt uns mit auf einen „Strike“: Große Papptafeln mit lapidar aufgeklebten Bildern. Seit Jahren sind die schwierigen, dramatischen Transformationsprozesse im ehemaligen Ostblock sein Thema. Der Protest der Jugend in Belarus gegen die neue Diktatur und die von der orthodoxen Kirche abgesegnete Unfreiheit sowie die staatliche Gewalt des auch im Krieg gegen die Ukraine mit Putin verbündeten Machthabers Lukaschenko.

Emin Özmen aus Istanbul macht in seiner hochemotionalen Serie „Olay“ (Zwischenfall) den dramatischen Putsch von 2016 und ganz aktuell Erdogans despotische Machtpolitik, die Proteste und die trügerische Normalität im krisengeschüttelten Alltag seiner Heimat zum Thema. Und der Südafrikaner Lindokuhle Sobewka begleitete am Ostkap schwarze Landsleute – Farmer und Landarbeiterfamilien – bei ihrem harten, von Existenznöten und viel Aberglaube begleiteten Alltag.

Tief berührt Sabiha Çimens ebenso liebevolle wie psychologisierende Serie „Hafiz“. Die in New York lebende türkische Fotografin kehrt nach Jahren zurück in ihre alte Mädchen-Koranschule in Fathi. Ihre Fotos erzählen die Geschichte der Kindheit mit ihrer Zwillingsschwester Rabiya, die sich für den streng traditionellen Weg einer Muslima entschieden hat, während sie, Sabiha, Hidschab und Kopftuch ablehnt und in die Emanzipation, in die USA auswandert. Und Magnum-Fotografin geworden ist.

Die beiden Berliner Ausstellungen laufen bis 20. November: Newton- Stiftung, Museum für Fotografie, und Stiftung Reinbeckhallen.

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