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Die Singularität Sempé

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Von: Arno Widmann

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An einem Zeichentisch die Weite der Welt: Sempé bei der Arbeit.
An einem Zeichentisch die Weite der Welt: Sempé bei der Arbeit. © dpa

Sempé ist tot: Nachruf auf einen der bedeutendsten Zeichner unserer Zeit.

Geboren wurde Jean-Jacques Sempé am 17. August 1932 bei Bordeaux. Er starb am Donnerstagabend umgeben von Familienangehörigen und Freunden kurz vor seinem 90. Geburtstag. 1959 veröffentlichte er zusammen mit Asterix-Koautor René Goscinny (1926–1977) die erste Folge von „Der kleine Nick“ in einer südfranzösischen Regionalzeitung. Innerhalb von sechs Jahren entstanden 200 Folgen. Es wurden Bücher daraus. In Dutzende Sprachen übersetzt, millionenfach verkauft. Ein Beleg dafür, dass die sich unentwegt bekriegende Gattung Mensch doch sehr ähnlich tickt. Eine Kindheit aus der südfranzösischen Provinz bewegt noch ein halbes Jahrhundert später Kinder und Erwachsene auf der ganzen Welt. Nicht zuletzt auch dank der die Geschichten begleitenden Zeichnungen von Sempé.

Aber wichtiger noch als der Verbreitungsgrad, der schließlich nicht an den der Kalaschnikow heranreicht, ist der Inhalt der Geschichten, ihre Gelassenheit, ihre heitere Humanität. Angesichts der Zeichnungen Sempés bin ich versucht zu sagen: zarte Menschlichkeit. Sie scheint mir ein Hoffnungszeichen, ein Beleg dafür, dass es durchaus Momente in der Geschichte der Menschheit gibt, da sie sich zu Recht sapiens nennt.

Sempé war der Autor tausender Zeichnungen. Es gab Ausgaben des „New Yorker“, die kaufte ich, weil eine Zeichnung Sempés auf dem Umschlag zu sehen war. Riesige Häuserschluchten mit ganz kleinen Menschen irgendwo unten. Sempé liebte Ansichten, die zeigten, dass der Mensch von seinen Produkten um ganze Dimensionen überragt wird. Er stand ihnen verständnislos gegenüber. Er erkannte sich nicht nur nicht darin. Er erkannte nicht einmal sie.

Meine Lieblingszeichnung von ihm zeigt eine Bibliothek, die fast an einen Dom erinnert. Bücher, Bücher, Bücher, Bücher, Tausende, Zehntausende, ach was unzählig viele Bücher. Unten stehen zwei Herren: „Warum willst Du ein Buch schreiben?“ „Ich möchte mich aus der Menge hervorheben“. Das macht Sempé aus: Der heiter-spöttische Blick auf die eigene Lage.

Der Autor, der sich hervorheben möchte, der aber auch weiß, wie lächerlich das ist. Der gegen diese Lächerlichkeit nicht etwa ankämpft, sondern anlächelt. Er weiß, er kann nicht anders als sich ihr auszusetzen. Es gibt Menschen, wir wissen es, so sehr wir es auch zu leugnen versuchen, die heben sich hervor. Die sind anders als die anderen. Sie haben eine Begabung und dazu noch die, ihr zu folgen. Wenn sie dann noch Glück haben – das gehört dazu – ist ihr Erfolg nicht nur nicht aufzuhalten, er ist ihnen – so scheint es – auch nicht zu nehmen.

So einer war Sempé. Er war eine Singularität.

Sempé liebte Bücherwände. Er zeichnete sie immer wieder. Eine von ihnen hat in der Abteilung „Romane“ ein Fenster. Man sieht hinaus aus den Büchern auf eine Straßenecke, an der in der nächsten Minute ein Mann und eine Frau aufeinander stoßen werden. Ich stelle mir vor, wie nach einer Weile dieses Fenster geschlossen werden wird und statt seiner neue Romane zum Thema „Das Abenteuer an der nächsten Ecke“ stehen werden.

Die Weite ist das eigentliche Thema Sempés. Einmal als Masse wie in den Bibliotheksbildern, in den Häuserschluchten New Yorks, aber auch in der Leere, die den kleinen Geiger umgibt, der zur Straße hinaus spielt. Sempé hat seine Zeichnungen immer wieder in thematischen Bänden gesammelt. Der kleine Geiger ist dem Band Musik entnommen, von dem es auch eine hübsche Ausgabe von 30 Postkarten gab.

Vergessen wir Patrick Süskind nicht. Er ist befreundet mit Sempé, der „Die Geschichte von Herrn Sommer“ von ihm illustrierte. Patrick Süskinds „Ein Kampf“ bringt zwar Zeichnungen von Sempé. Die wurden aber nicht eigens für Süskinds Erzählung geschaffen, sondern entstammten aus damals bereits erschienenen Bänden.

Ich weiß nicht, ab wann Sempé farbig zeichnete. Ich habe viele Schwarz-weiß-Bände von ihm. Die beiden Herren in der Bibliothek sind schwarz-weiß, aber Sempés ganze Liebe zur Welt, zum Dadraußen besingt er in hinreißendem Lindgrün oder in den beiden einsamen, gelb leuchtenden Fenstern eines nächtlich dunkelblauen New York.

„Rien n’est simple“ (Nichts ist einfach) heißt einer der Bände, in denen er seine Zeichnungen sammelte. Darin sieht man auf dem Grund von viel weißem Papier einen Briefträger seine Post austragen. Auf dem Hinweg kommt er an einem Haustor vorbei, vor dem eine Frau auf Post wartet. Sie bekommt keine. Als der Briefträger mit leerer Tasche wieder vorbeikommt, ist die Frau weg, das Tor ist zu.

Eine einfache Zeichnung, eine einfache Geschichte, einfache Menschen, aber nichts ist einfach. Selbst das Nichts ist es nicht. Die Straße, die nichts ist als das Papier, ist doch da. Dasselbe Papier ist ein andermal ein Himmel. Es kann, je nachdem wo und wie Sempé es einbettet, alles sein. „Nichts ist einfach“ war wohl nicht nur die Devise des Künstlers Sempé.

Ich muss Sie warnen, wenn Sie Sempé nicht kennen, greifen Sie bald zu einem Buch von ihm. „Er ist tot“, sagen Sie, „was soll die Eile?“ Es geht nicht um Sempé. Der kam und kommt bestens ohne uns aus. Es geht um Sie. Sempés Kunst ist zart. Sie ist von einer entzückenden Fragilität.

Wer Sinn dafür hat, der sollte zu Sempé finden, bevor ihm die Sinne dafür schwinden. Je schlechter Ihre Augen werden, desto weniger werden Sie von Sempé haben. Auf vielen seiner Zeichnungen heben sich seine Striche kaum ab vom weißen Papier, dem sie entsteigen wie eine langsam sich vom Nichts befreiende Schöpfung.

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