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Blick auf die Arbeiten Michael Pfrommers.
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Blick auf die Arbeiten Michael Pfrommers.

Malerei

Die Schönheit der Latexhandschuhe

  • vonSandra Danicke
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Michael Pfrommers rätselhafte, oft Versatzstücke des Alltags zeigende Bilder bei Pflug Contemporary in Frankfurt.

Links wird man von einer riesigen Null begrüßt, die gleichzeitig ein Kreis und vier Vierecke ist oder nichts davon. Das kommt auf den Betrachter an. An der rechten Wand nimmt man zunächst die große Anzahl an Bildern wahr, bevor man Motive ausmacht: eine gelbe Kiste, Haare auf entzündeter Kopfhaut, ein zerschnittenes, klaffendes Meer, Parkettboden, durch dessen Bretter sich amorphe rosafarbene Formen schlängeln, eine Mauer, die sich zum Bauch einer Schwangeren wölbt, eine grüne Kiste – um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die Frankfurter Galerie Philip Pflug Contemporary hängt voller Bilder, es ist ein Drunter und Drüber. Wie ein Netzwerk verbinden und ergänzen sich kleine Geschichten, die vielleicht nichts, vielleicht auch sehr viel miteinander zu tun haben. Da liegt ein halber Mann auf gelbem Grund, sein Oberkörper ist nur noch ein Schatten. Zehen ragen aus einer lila-blau gestreiften Bettdecke. Geometrische Knicke in einem Arm, der mit seinem Hintergrund verwachsen zu sein scheint. Immer wieder tauchen Holzlatten auf, die den Blick auf eine seltsame Landschaft zugleich versperren und ermöglichen – und das ist noch lange nicht alles. Etwa 70 Bilder zeigt die Galerie auf verhältnismäßig engem Raum, sie alle stammen von Michael Pfrommer, Jahrgang 1972.

Skurrile Momente blitzen

Das ist reizvoll, die Fantasie der Betrachterin kann auf diese Weise Kapriolen schlagen, dabei haben auch die einzelnen Werke das Potenzial, das Gehirn zu beschäftigen, denn vieles in diesen Bildern ist rätselhaft. Pfrommer, der an der Frankfurter Städelschule studiert hat und nach wie vor in der Stadt lebt, verwendet bewusst keine Bildtitel, um die Deutungsmöglichkeiten nicht einzuschränken. Skurrile Momente blitzen im Allerlei auf. Da hat ein Mann lauter Daumen in seinem grünen Gesicht stecken, zwei Okapis stehen hinter einem halb transparenten, seltsam gerafften Vorhang, Schläuche hängen, Linien schlängeln sich, Abstraktes hängt neben, unter, über Figurativem.

Vieles bezieht sich auf Gesehenes und Erinnertes. Ein Pullover, der auf eine bestimmte Weise auf einer Kiste liegt, die Struktur von Holz, Hautausschlag. Manches wurde vom Künstler wieder und wieder erinnert; es gibt Motive, die ziehen sich seit Jahren durch sein Werk. Fragt man Pfrommer, warum er eine Frau gezeichnet hat, der ein Smartphone im Mund steckt, erzählt er, dass er im Zug einmal Würgegeräusche vernommen habe. Beim Blick durch die Sitzreihen habe er eine Frau gesehen, die offenbar die Zähne ihres Oberkiefers von unten fotografieren wollte. Womöglich hatte sie Zahnschmerzen. Zugleich lässt sich in dieses Motiv allerhand hineininterpretieren, und so verhält es sich mit den meisten dieser Bilder.

Die Szenen sind oft vielschichtig, und das ist unter anderem wörtlich gemeint: Öl auf Jute, Gouache und Tusche auf Packpapier, das auf Baumwolle geklebt wurde, Aquarell und Gouache auf Zeitungsseiten, Leimfarbe auf Baumwolle, Bleistift auf Papier, Gouache auf Packpapier, das auf Leinen geklebt wurde – die Materialien sind zahlreich und vielfältig, was damit zu tun hat, dass der Künstler oft einfach das verwendet, was gerade zur Hand ist, etwa eine Papiertüte von Alnatura. „Ich mag es, wenn das Material eine Selbstverständlichkeit hat“, erklärt Pfrommer, „wenn es günstig ist“. Dadurch entstehe eine gewisse Ruhe. Es falle ihm leichter, Dinge auszuprobieren.

Tatsächlich wirken viele Bilder so, als handele es sich um spontane Eindrücke, Eingebungen, die es festzuhalten gilt. Gesehenes, Gefühltes, Erahntes – Versatzstücke des Alltags. Darum, jene Schönheit und Poesie zu markieren, die in den Details liegt – und sei es ein Paar weggeworfener Latexhandschuhe, die Pfrommer als das zeigt, was sie eben auch sind: eine ästhetische Sensation aus Falten und Farbschattierungen.

Das Wunderbare an den Bildern von Michael Pfrommer ist, dass sie zutiefst menschlich erscheinen. Sie handeln von dem, was uns ausmacht: unseren Ängsten, unseren Sehnsüchten, dem stillen Glück, das man empfinden kann, wenn Herbstlaub auf dem Boden liegt.

Philip Pflug Contemporary, Frankfurt: bis 23. Dezember. www.ppcontemporary.com

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