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Diana Scherer, „Intervowen (close up)“, 2021. Foto: FKV, Courtesy: the artist
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Diana Scherer, „Intervowen (close up)“, 2021.

Frankfurter Kunstverein

„Die Intelligenz der Pflanzen“ im Frankfurter Kunstverein: Wo der Mensch zum Molekül wird

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Eine Ausstellung, die beachtliche Einsichten in das Innenleben von Gräsern und Pflanzen gewährt.

Am Ende steht man da, überwältigt von seinen Gefühlen. Zwei riesige Bäume sind gestorben, entwurzelt von einem Sturm. Passiert täglich, hunderttausendfach. Bloß nimmt es einen sonst nicht so mit. Die jahrhundertealten Eichen, die jetzt in gedimmtem Licht unter dem Titel „Embalmed Twins I und II“ in der Ausstellung „Die Intelligenz der Pflanzen“ im Frankfurter Kunstverein zu sehen sind, wirken kein bisschen wie totes Holz. Sie sind eindeutig Wesen, mit Schrunden und Kratern, glatt, schroff und vernarbt - zwei gelebte Leben.

So wie die belgische Künstlerin Berlinde De Buyckere sie präpariert hat, ähneln sie abgeschlachteten Elefanten. und auch wieder nicht. Sie scheinen Stümpfe zu haben, Rücken und Schultern, sogar Münder. Sie strahlen Tragik und Stärke aus. Die Riesenbäume sind der Höhepunkt einer bemerkenswerten Ausstellung, die sich mit unserer Lebensgrundlage auf mehreren Ebenen auseinandersetzt.

Es beginnt im Erdgeschoss mit einem wissenschaftlichen Versuchsaufbau des Forschungszentrums Jülich. Das dortige Institut für Bio-, Geo- und Pflanzenwissenschaften beschäftigt sich unter anderem mit dem Potenzial von Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe und Nahrungsmittel. Mithilfe bestimmter Apparaturen werden die Wurzeln ausgestellter (lebender!) Nutzpflanzen analysiert. Daraus lassen sich Schlüsse für Anbaumethoden ziehen - und damit zur Versorgung der Menschheit. Wurzeln sieht man in der Regel nicht, in dieser Anordnung aber schon – in echt und durch bildgebende Analyseverfahren. Darüber hinaus wird das Arrangement durch Präparate des österreichischen Pflanzensoziologischen Instituts ergänzt - präparierte Pflanzen, die man einst mitsamt ihres komplexen Wurzelwerks ausgegraben hat. Wer hätte gedacht, dass die Wurzel des Winterlöwenzahns über vier Meter in den Boden reicht?

Auch die Niederländerin Diana Scherer arbeitet mit Wurzelsystemen lebender Pflanzen. Mithilfe von Schablonen aus Biokunststoff leitet sie das Wachstum von Wurzeln des Hafers in bestimmte Richtungen. So entstehen ornamentale oder geometrische Muster, die wiederum auf der Geometrie der Natur basieren (etwa Wabenformen). Derzeit liegt eine frisch gewachsene Haferfläche im Kunstverein umgedreht auf dem Boden. Was man sieht, ist faszinierend. Aber ist es nicht auch brutal, die Pflanzen so zu vereinnahmen, sie zum Muster zu zwingen? Scherer selbst empfindet ihre Manipulationen als Grausamkeit gegenüber der Natur. Aber womöglich sind sie gerade dadurch ein überzeugendes Beispiel für eine machbare Koexistenz. In weiteren Beispielen hat Scherer die getrockneten Wurzeln bereits von der Erde getrennt, so dass textilienartige Flächen entstanden, Spitze nicht unähnlich.

Bei Thomas Feuerstein schlängeln sich Schläuche und gläserne Röhren. Darin sieht man eine giftgrüne Flüssigkeit in Bewegung. Der Österreicher ist für seine ökologisch motivierten Versuchsanordnungen bekannt. Seine neue Installation für den Kunstverein heißt „Hydra“, was in der griechischen Mythologie ein vielköpfiges Ungeheuer war. Bei Feuerstein handelt es sich um ein walförmiges Gerät, das als Fotobioreaktor dient und ein geschlossenes System antreibt. Die Flüssigkeit besteht aus Grünalgen in Wasser, die durch die transparenten Schläuche Photosynthese betreiben - ein Stoffwechselprozess, der für die Dauer der Schau am Leben gehalten wird.

Ein weiteres Gebilde, das einer gläsernen Qualle ähnelt, beinhaltet mikroskopische Quallen, die mit den Grünalgen in einer symbiotischen Gemeinschaft leben, ohne einander zu schaden. Ein Denk-Modell für uns Menschen. Weil der Mensch jedoch dazu neigt, weniger zu denken als zu fühlen, gibt es in dieser Ausstellung auch ein interaktives Werk, bei dem man, nachdem man einen Rucksack aufgeschnallt und eine VR-Brille aufgesetzt hat, direkt in die Natur eintauchen kann. Virtuell natürlich. „Treehugger: Warwona“ des Londoner Künstler:innenkollektivs Marshmallow Laser Feast beginnt mit Regen in einem dichten, grünen Wald. Sodann schlüpft die Besucherin ins Innere eines Mammutbaumes - und staunt. Ringsherum leuchten zahllose schlanke Röhren, durch die man - selbst zum Wassertropfen geworden - nach oben Richtung Baumkrone saust - bis man schließlich in Molekülform wieder entlassen wird.

Bei Nicola Toffolini steckt man ganz weit unten in der Erde - jedenfalls im übertragenen Sinn. Seine menschengroßen Bildtafeln sind überwiegend pechschwarz. Nur am oberen Rand sprießt ein dichter Gräser-Bewuchs, der mit Fineliner so detailliert zu Papier gebracht wurde, dass es an eine Computergrafik erinnert. Monatelang sitzt der Künstler an so einem Bild - und lenkt damit den Blick auf das, was noch alles ist, man aber häufig nicht mitdenkt. Auch das Schwarz wurde übrigens aufwendig - Schicht für Schicht - aufgetragen, als sei es dem Künstler darum gegangen, das langwierige Wachsen der Pflanzen körperlich nachzuempfinden.

Weniger präzise, dafür beseelt mutet der „Baum des Lebens und der Fülle“ von Abel Rodriguez an, der als ein Ältester den Nonuya, einer indigenen Gemeinschaft in Kolumbien, angehört. Seine Zeichnung beinhaltet das Wissen seiner Vorfahren über Pflanzen und Tiere, das andernfalls wohl in Vergessenheit geriete, denn Don Abels Familie wurde längst aus dem Dschungel vertrieben.

Frankfurter Kunstverein: Bis 30. Januar 2022. www.fkv.de

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