Domenico Ghirlandaio, „Judith mit ihrer Magd“, 1489.
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Domenico Ghirlandaio, „Judith mit ihrer Magd“, 1489.

Kunstgeschichte

Die Grammatik unserer Gefühle

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der Kunsthistoriker Aby Warburg und sein Bilderatlas über die Körpersprache des Menschen – eine Schau der Werke, die ihn inspirierten.

Sandro Botticelli, Andrea Mantegna, Rembrandt, Rubens, Jan van Eyck und noch ein paar andere Berühmtheiten der europäischen Kunstgeschichte zeigt die Gemäldegalerie im Kulturforum in Berlin jetzt in zwei Räumen in einer Sonderausstellung.

Wer sich auf die glanzvollen Bilder freut, hat völlig recht. Aber darum geht es in der Ausstellung nicht. Die hat ein ganz anderes Ziel. Der Kultur- und Kunsthistoriker Aby Warburg (1866-1929) beschäftigte sich die letzten Jahre seines Lebens mit der Herstellung seines „Bilderatlas Mnemosyne“. Der Hamburger Gelehrte wollte darin zeigen, wie antike Themen und Motive immer wieder aufgegriffen wurden. Er sprach, wenn es sich um gewissermaßen festliegende Darstellungen menschlicher Empfindungen handelte, von „Pathosformeln“.

Der Atlas sollte so etwas wie ein Katalog menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten sein. Mimik und Gestik wurden von Warburg gerade nicht als spontane Äußerungen interpretiert, sondern als eine über Generationen hinweg immer wieder neu bestätigte Körpersprache. Freude und Trauer, Melancholie und Leidenschaft werden nicht nur immer wieder ähnlich dargestellt. Auch wir selbst drücken uns aus, wie wir es gelernt haben. „Zwischen Kosmos und Pathos“ heißt die kleine Ausstellung. Sie war als Begleitung gedacht für die große Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, die sämtliche 62 Tafeln des Warburg-Atlas zeigt. Die wird aber erst am 4. September eröffnet. Die Ausstellung in der Gemäldegalerie zeigt Originale aus den Berliner Sammlungen, die Warburg für seinen Atlas nutzte.

Anders als in der großen Ausstellung, in der man den Versuch der Erstellung einer Universalgrammatik unserer Gefühle wird begutachten können, werden wir hier in den dunklen Räumen der Gemäldegalerie aufgefordert, den Abstraktionsprozess Aby Warburgs nachzuvollziehen. Man darf sich nicht blenden lassen von der Schönheit, vom Glanz der Werke. Man muss sie analysieren, aufschneiden, Details herausreißen, diese Details mit anderswo herausgerissenen Bruchstücken vergleichen. Es ist wie immer: Wer etwas Neues konstruieren möchte, der muss erst einmal das Alte zerstören. Auch wer im Alten noch Älteres aufspüren möchte, muss zerstören. Es ist ein notwendiger Vorgang, nichts, das man bedauern müsste. Zumal jetzt, da man nicht mehr die Originale aufschneiden muss, sondern sich an den Abbildungen austoben kann.

Wer bei der „Auferstehung Christi“ aus der Werkstatt des Domenico Ghirlandaio sich auf Christus konzentriert, hat das Thema verfehlt. Von Interesse sind die Grabwächter. Für die hatten die Florentiner Künstler des ausgehenden 15. Jahrhunderts nämlich antike Darstellungen konsultiert. Sie waren sehr darauf bedacht, dass alles akkurat stimmen musste.

Eine Zutat an den Zeitgeschmack scheinen mir die Beinkleider zu sein, die den Grabwächtern unter dem römischen Waffenrock angelegt wurden. Auf der Trajanssäule sieht man so etwas nicht. Die Tradition ist immer auch die Veränderung der Tradition. Und immer auch der Versuch, hinter die Veränderungen wieder zu einem „Original“ zurückzukommen, das es natürlich nicht gibt. Der Atlas wäre ein Werk gewesen, das einem beim Gang durch die Labyrinthe der Weltgeschichte hätte helfen können.

Manchmal aber steht man vor einem Bild und glaubt, man habe es mit der Gegenwart zu tun. Da ist das 1485 bis 1490 entstandene Porträt des Agnolo di Donnino del Mazziere aus Florenz. Kein Meisterwerk. Hätte mich einer der Kuratoren der Ausstellung nicht darauf hingewiesen, ich wäre daran vorbeigegangen. Eine junge Frau, die den Betrachter ein wenig von oben herab anschaut. Die sorgfältig hergestellten langen blonden Locken erinnern mich an eine meiner entfernten Cousinen und ihre Arbeit mit der Brennschere. Aber das ist es nicht. Der Kurator zeigt auf eine schmale Schrift am unteren Rande des Bildes: „Noli me tangere“ („Fass mich nicht an“). Die Intensität des Blickkontaktes soll alles gewesen sein. Hinschauen ja. Anfassen nein. MeToo fällt uns ein. Erst jetzt denke ich an Magritte und sein „Das ist keine Pfeife“.

Aby Warburgs Kunst, die Dinge aus ihrem Zusammenhang zu reißen und in einen anderen zu stellen, wirkt sehr animierend. Vielleicht sogar ein wenig zu sehr. Man traut sich, Sachen zu sehen, die gar nicht da sind. Zum Beispiel einen Heiligen, der einen Drachen steigen lässt. In Wahrheit aber sieht man auf Jacopo del Sellaios Gemälde „Landschaft mit biblischen Szenen und Szenen aus Heiligenlegenden“ den Heiligen Franz von Assisi, wie er auf dem Berg Alverna bei Arezzo von einem Seraphim die Stigmata Christi empfängt.

Einen Schritt weiter gibt es ein Reklameplakat aus dem Jahre 1930, ein junges Mädchen, das an der Hand seiner Mutter Fisch kaufen geht, während es an der anderen Hand einen Luftballon hält. Warburg hat Mutter und Tochter voller Freude in seine Sammlung aufgenommen, weil er darin so etwas wie eine Wiedergeburt des antiken Niobe-Motivs sah. Aber: Wem einmal die Augen geöffnet wurden, der sieht nicht mehr nur das, was er sehen soll.

Kulturforum Berlin am Matthäikirchplatz: bis zum 1. November. www.smb.museum

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