1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Die Fotografinnen Nini & Carry Hess: Aus einer neuen, verlorenen Welt

Erstellt:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Nini & Carry Hess: Frauenporträt („Ärztin“), 1920-1930. Foto: Felix Jork/Berlinische Galerie
Nini & Carry Hess: Frauenporträt („Ärztin“), 1920-1930. © Felix Jork/Berlinische Galerie

Eine Ausstellung in Frankfurt rekonstruiert das wichtige fotografische Werk von Nini und Carry Hess.

Es gab zunächst noch viele, die sich erinnerten. Zitiert wird in der Ausstellung (und im blendenden Katalog) etwa der 1900 in Frankfurt geborene Theatermann Friedrich Schramm. Anfang der 70er erzählte er in einem Vortrag vom künstlerischen und intellektuellen Salon der Schwestern Hess, „bei denen sich, was in Frankfurt etwas auf sich hielt, photographieren ließ. Nini (...), sentimental, immer eine Spur von Trauer um sich verbreitend, unglücklich verliebt in Carl Ebert, den ersten Helden des Schauspielhauses. Die jüngere Carry dagegen lebensfroh und aktiv.“

An der Ausstellungswand dazu zwei schemenhafte Abbildungen. Carry auf einer Porträtmedaille von 1921, Nini auf einem Gruppenfoto aus dem Karneval, unterm tiefen Dada-Blechtopfhut ein Profil, aus dem sich wenig schließen lässt. Denn das ist der Stand der Dinge: Zwei Frankfurter Fotografinnen, die von 1913 bis 1933 lang ein überregional frequentiertes, künstlerisch anspruchsvolles, wirtschaftlich lukratives Atelier betrieben – unter dem Kunst und Handwerk modern verbindenden Namen „Werkstätte für Lichtbildkunst“ –, von denen nun nicht ein einziges Porträtbild erhalten ist. Vielleicht kann man daraus auf ihr Selbstverständnis als Künstlerinnen schließen, und dabei muss es kein Zeichen von Bescheidenheit sein. Jedenfalls ist es in diesem krassen Ausmaß vor allem die Folge der konsequenten Auslöschung, der die Frauen und ihr Werk anheimgefallen sind.

Die jüngere Schwester, Carry, Cornelia, Jahrgang 1889, flieht schon 1933 nach Paris. Die Versuche, die ältere Schwester, Nini, Stefanie, geboren 1884, und die früh verwitwete Mutter nachzuholen, misslingen aber. Ninis Spur verliert sich 1942/43 in Auschwitz, die Mutter wird in Theresienstadt ermordet. Carry, nach Kriegsausbruch lange im berüchtigten Lager Gurs interniert, stirbt krank und mittellos 1957 (dem Jahr, in dem ihr endlich eine „Wiedergutmachung“ zugesprochen wird). Das Atelier im chicen neuen Sigmund-Strauss-Haus am Rathenauplatz ist in der Reichspogromnacht völlig zerstört worden, kein Archiv mehr und auch kein Nachlass.

In der FR vom 9. März konnten Sie schon einiges darüber lesen, aber nur, weil sich Jahrzehnte später doch noch Menschen dahinterklemmten. Der Fotohistoriker Eckhardt Köhn war das, der gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Susanne Wartenberg für das Museum Giersch der Goethe-Universität Ausstellung und Katalog zusammengestellt hat. 120 Fotografien – aus kleinen Konvoluten und Einzelleihstücken nach und nach zusammengetragen (kein einziges Originalnegativ liegt Köhn vor) – können gezeigt und eingeordnet werden. Im anderthalb Jahre lang (vor allem hintergrundtechnisch) sanierten Haus, das jetzt mit der griffigen Abkürzung MUUG auftritt, tut sich eine Welt auf. Ihre Schöpferinnen vernichtet, die Bilder brillant, keck, lebendig.

Nini & Carry Hess, immer als gemeinsame Marke (wie Karl + Monika Forster heute), waren äußerst erfolgreiche Theaterfotografinnen in einer seinerzeit weithin berühmten Theaterstadt. Der Frankfurter Expressionismus fand in den Bildern der Schwestern seinen perfekten Ausdruck. Das zeigt sich in der frühen, noch tastend wirkenden Szenenfotografie, in den vorzüglichen Tanzbildern, vor allem aber in den Rollenporträts. Unter den Hess’schen Händen entwickeln sie sich (wie das Theater selbst ja auch) vom händeringenden Pathos des 19. Jahrhunderts hin zu einer heruntergekühlten, aber da umso wirkungsvoller glühenden Intensität. Der schon erwähnte Frankfurter Starschauspieler Carl Ebert, ein tatsächlich hübscher Mensch, schlägt als Leicester (aus Schillers „Maria Stuart“) die Augen nieder. Sein dezenter Schurkenblick folgt wie von ungefähr (aber eben zielgerichtet) einem Stab, der das Bild diagonal in zwei Teile sägt. Leicesters intrigantem Kalkül entspricht das künstlerische der Schwestern.

Das wie beiläufig, aber perfekt Durchkomponierte zeigt sich mehr noch in der großen Gruppe der Porträts: Die Prominenz – wirklich reihenweise, darunter ein hocheleganter Thomas Mann, eine grüblerische Tilla Durieux, ein unheimlich gescheiter Döblin, ein elefantenfütternder Zuckmayer – wie die privaten Bilder gleichermaßen leger und doch kunstvoll. Kinder sind nicht artig, sondern intelligent. Die Hess-Schwestern setzen die Neue Frau maßgeblich in Szene, sie hat kurze Haare, einen Beruf und einen eigenwilligen Blick, dem das Entgegenkommende nicht wichtig ist. Lachend versucht sich die Neue Frau im Modeballspiel Tim Tam. Stoisch versammelt sie sich 1929 in Frankfurt zur Tagung der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (es herrscht Rauchverbot!).

Denn auch in den Fotojournalismus steigen die Schwestern kompetent ein – dermaßen zahlreich werden ihre Bilder bestellt und gedruckt, dass ihr Verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis noch einmal besonders entsetzlich erscheint. Der zweite Stock der Ausstellung ist solchen Aufträgen gewidmet, zugleich eine hinreißende Presseschau, die daran erinnert, wie Zeitungen schon in den 20er Jahren erkannten, dass es noch zahllose Leserinnen anzulocken galt.

Verpassen Sie nicht das späte, ernste Albert-Schweitzer-Porträt, das Carry Hess 1952 in Paris machte. Die beiden kannten sich aus guten Zeiten, gewiss wollte er sie unterstützen. Und natürlich versuchte sie, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

MGGU, Frankfurt: bis 22. Mai. Der Katalog (Hirmer) kostet im Museum 29 Euro. www.mggu.de

Nini & Carry Hess: Mary Wigman in „Die sieben Tänze des Lebens“, 1921. Foto: Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln
Nini & Carry Hess: Mary Wigman in „Die sieben Tänze des Lebens“, 1921. © Theaterwissenschaftliche Sammlung, Universität zu Köln
Nini & Carry Hess: Carl Zuckmayer im Frankfurter Zoo, 1928. Foto: Hist. Museum Frankfurt
Nini & Carry Hess: Carl Zuckmayer im Frankfurter Zoo, 1928. © Hist. Museum Frankfurt

Auch interessant

Kommentare