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Hanno Rauch: Ohne Titel (Selbstbildnis), 1958.
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Hanno Rauch: Ohne Titel (Selbstbildnis), 1958.

Hanno und Neo Rauch

Dialog mit einem Unvollendeten

  • VonIngeborg Ruthe
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Die Arbeiten von Hanno und Neo Rauch zeigt eine Ausstellung in Aschersleben. Es ist eine der intimsten Schauen des Jahres.

Es ist eine Ausstellung am offenen Herzen.“ Das sagt der Maler Neo Rauch, 56, wie mit einem Kloß im Hals. Der Leipziger steht in der Grafikstiftung in Aschersleben, Stadt seiner Kindheit, dem väterlichen Selbstbildnis gegenüber. Ein expressiver Holzschnitt: Der 19-jährige Hanno Rauch, den Blick nach oben gerichtet, die Lippen trotzig-selbstbewusst zusammengepresst. Die hartkantige Grafik trägt die Handschrift der Brücke-Künstler, lässt an Kirchner, Heckel, aber auch Felixmüller denken. Deren kontraststarke Stilistik hatte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Nachkriegszeit große Wirkmacht. Freilich nur, bis die idealistisches, realistisches Pathos einfordernden Stalinisten das zu verhindern suchten.

„So viel Selbstbewusstsein zeigte mein Vater mit 19“, sagt der Sohn. „Ich hatte davon im gleichen Alter vielleicht die Hälfte. Und heute nicht mal mehr ein Viertel.“ Aus dem Mund dieses weltweit erfolgreichen, nachdenklichen, verschlossenen Malers klingt das keineswegs kokett. Der freie, schnelllebige, launische Kunstbetrieb von heute ist nicht vergleichbar mit dem um 1960. Damals bestimmten im Osten, aber auch im Westen, eher die Dogmen und Ideologien.

Blätter wie dieses Selbstbildnis des Vaters, Holzschnitte und Zeichnungen von ruppigen Tagebaulandschaften, von Zügen, die in dynamischen Bögen durch graue Kohle-Gegenden fahren, Porträts von schwer malochenden Arbeitern in Braunkohlekokereien, beim Gleisbau, von Wartenden in der Mitropa, das Bildnis eines fast Blinden, der, Suppe löffelnd, die Sätze in einem Buch zu entziffern sucht. Alles trägt die stilischen Züge zwischen Expressivität und dem gestochenen Realismus der Neuen Sachlichkeit.

Die Blätter lagen bis vor Kurzem in einer Mappe in Neo Rauchs Atelier in der einstigen Leipziger Baumwollspinnerei. Nun, nach langem Überlegen, hat er sie für diese Ausstellung „Vater und Sohn“ in seiner 2012 gegründeten Ascherslebener Grafikstiftung geleert. Er musste die Scheu überwinden, einen derart intimen Dialog mit einem Toten zu wagen, diese „Suche nach dem eigenen Wurzelgrund“. Nach dem, was blieb, was hätte noch werden können. Nach Verwandtem.

Das erst kurze Zeit verheiratete Kunststudentenpaar Hanno (21, gebürtiger Geraer) und Helga (19) Rauch hatte am 18. April 1960 sein vier Wochen altes Baby Neo (den für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Vornamen hatten sie beim Standesamt durchsetzen können) bei den Großeltern mütterlicherseits in Aschersleben gelassen. Nach dem Termin an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wollten die jungen Eltern rasch zurück, sprangen noch in letzter Minute auf den Zug auf. Kurz nach Ausfahrt stieß dieser mit einer entgegenfahrenden Bahn zusammen – eine falsch gestellte Weiche, ein falsches Signal – beide waren sofort tot. Die 39-jährige Oma wurde zur Mutter, Aschersleben im Vorharz zum Heimatort für einen Jungen, der schon mit sechs wusste: Er würde Maler werden und genauso wie die Eltern in Leipzig studieren. „So war ich ihnen nahe.“

Von der Mutter, die Buchgestaltung studiert hatte, blieb kein einziges Blatt, keine Studie. Aber vom Vater. Dessen Zeichnung mit dem Motiv eines Affen im Zoo hing in Neo Rauchs Kinderzimmer. Daneben die Gouache einer ernst blickenden Kindfrau auf einem Stuhl. Das von Hanno Rauch für eine Studentenarbeit beachtlich souverän gemeisterte Porträt seiner Liebsten füllt jetzt, zusammen mit weiteren – unpathetischen – Bildnissen der blutjungen Schönen, eine ganze Wand in der Grafikstiftung. Neo Rauch hat sie, zusammen mit der Stadt Aschersleben, seiner Galerie Eigen+Art und einem engagierten Freundeskreis für die Förderung der grafischen und zeichnerischen Kunst initiiert.

Die Eltern: Phantome

200 Holzschnitte, Radierungen, Zeichnungen sind vom Vater geblieben, und der Sohn ist überzeugt, „er wäre ein bedeutender Maler geworden, hätte das Schicksal diesen Weg nicht so brutal abgerissen. Malen war erst im dritten Studienjahr dran – so sah es die Ausbildung in Leipzig vor. Aber auch so entdecke ich einen Kollegen von Rang, ein starkes Talent. Das sollte an die Öffentlichkeit. Und für mich als Annäherung.“ Diese Nähe ist frappierend, nicht etwa im ausgeprägt ähnlichen Stil, aber in der atmosphärischen Verdichtung, in der melancholischen Stimmung der Landschaften und Porträts.

Der Entschluss, die Bilder des Vaters neben den eigenen zu zeigen, reifte, als Neo Rauchs Sohn 21 Jahre alt wurde, so alt also, wie Hanno Rauch war, als sein Leben jäh endete. „Ich öffnete die Mappe und da rückte mir mein Vater plötzlich sehr nahe“, sagt Neo Rauch, der in der Schau nur verhalten in Dialog mit den väterlichen Bildern tritt, mit 25 kleinen Zeichnungen und vier großen Arbeiten: Ölfarbe auf Papier.

Im „Stellwerk II“ – der Titel ist Metapher für jenen Ort, an dem das Zugunglück ausgelöst wurde – liegt er selbst als kindgroßer Erwachsener in den Armen des Vaters, fast eine Pietà unter Männern. Aber der Vater, wie die junge Mutter links davon, sind nur Phantome. Für Neo Rauch sind die elterlichen Figuren, in Ermangelung eigenen Erlebens, „Stellvertreter“, „Ersatz-Darsteller“.

Oder Wiedergänger. Jedes Detail, wie stets in seinen an Max Beckmann erinnernden, dann ins Halluzinatorische, wie Schlafwandlerische getriebenen unsynchronen Szenen voller Rätsel, hat seine eigene Metaphorik. Selbst die Vase am Boden des Geschehens, die seit Jahren wieder und wieder in Rauchs Motiven auftaucht: Das dekorative Gefäß hatte seiner Mutter gehört.

Grafikstiftung Neo Rauch, Aschersleben: bis 30. April 2017.

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