Max Klingers „Beethoven“, 1902.
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Max Klingers „Beethoven“, 1902.

Max Klinger

Der deutsche Rodin

  • vonIngeborg Ruthe
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Vor 100 Jahren starb der Leipziger Symbolist Max Klinger. Seine Heimatstadt und auch Bonn zeigen das Lebenswerk.

Um 1900 war Max Klinger das, was man heute einen „Superstar“ nennt. Der 1857 in Leipzig geborene Symbolist war eine Zentralgestalt der europäischen Kunstszene und wurde der „deutsche Rodin“ genannt. Euphorische gaben noch eins drauf. Für sie war er gar der „deutsche Michelangelo“. Aber als Klinger am 4. Juli 1920 in Großjena bei Naumburg starb, wurde er bald vergessen. Andere Kunststile waren in Mode, errangen die Gunst des Publikums und der Sammler. Der atmosphärische Impressionismus, diese sinnliche Lichtmalerei, bald darauf der existenzialistische Expressionismus setzten sich durch, trafen wohl den Zeitgeist besser.

Das Museum der Bildenden Künste der Stadt Leipzig hat einen imposanten Klingersaal. In dessen Mitte, flankiert von der „Kreuzigung Christi“ und dem Monumentalbild „Christus im Olymp“, steht das Bildhauerspektakel von 1902: der marmorne, farbig gefasste Ludwig van Beethoven, überlebensgroß und fünf Tonnen schwer. 17 Jahre lang hatte Klinger daran gearbeitet, die erlesenen Materialien dazu selbst besorgt. Den Marmor holte er per Schiff aus Griechenland, die farbigen Gesteine für die Kleidung aus Tirol. Dazu entwarf er Beiwerk aus Bronze, Glas, Elfenbein – und Edelsteineinlagen. Der Sockel und der schwarze Stein für den Adler kamen aus den Pyrenäen. Für die Formung des Kopfes studierte Klinger die Totenmaske Beethovens, abgenommen vom Wiener Bildhauer Franz Klein.

Jetzt, im Beethovenjahr, zum 250. Geburtstag des Komponisten der „Ode an die Freude“, der „Eroica“ und der „Schicksalssinfonie“, ist Klingers bombastische Interpretation des Genies von besonderer Bedeutung. Die tiefsinnige Dramatik, die perfektionistische Dramaturgie der Werke des Bonners kamen dem Leipziger Bildhauer und Maler, der übrigens zudem auch ein erklärter Wagnerianer war, geradezu ideal entgegen. Links vom Beethovenmonument gibt es dann eine kaum kleinere Kreuzigung. Das Bildwerk hatte einst das Publikum des Fin de Siècle durch Christi Nacktheit verstört. Ganz hinten lockt im Rahmen die sinnliche „Blaue Stunde“ – die Symbolik für die romantische Abenddämmerung. Deren Ankauf noch zu Klingers Lebzeiten hatte den Etat des Museums gleich für mehrere Jahre erschöpft. Und dazwischen stehen die farbigen, so der Antike nachempfundenen Skulpturen von Kassandra und Salome. Sie haben Glasaugen. Die scheinen einen anzuschauen, dass einem ganz eigenartig zumute wird.

Überhaupt hebt die exzellent kuratierte Schau in fünf Kapiteln den Bildhauer, Maler und Zeichner aufgewühlter Gefühle, fantastischer Visionen und verschlüsselter, unerklärlicher Motive auf eine neue Stufe und in den Kontext mit andren Großen von Klingers Zeit. Leihgaben, etwa von Gustav Klimt, korrespondieren sinnfällig mit Klingers Werken. Dessen Einfluss auf die Wiener Secession – Klimt malte damals zu Klingers Beethovenskulptur seinen berühmten Beethovenfries – wird deutlich. Und von Auguste Rodin aus Paris, den Klinger als Vorbild sah, steht Johannes der Täufer, eine der wichtigsten Bildhauerarbeiten der Moderne, da.

Den Ankauf dieses Gusses für Leipzig hatte Rodin-Bewunderer Klinger übrigens 1911 eingefädelt. Seitdem war der Leipziger einer der engagiertesten Vermittler des französischen Bildhauers in Deutschland. Und ein ganzer Raum ist der besonderen Bezüglichkeit Klingers zur Bildsprache der Käthe Kollwitz aus Berlin gewidmet.

Klinger, das ist nicht zu übersehen, war ein Verfechter des Gesamtkunstwerkes. Diese Idee hatte er von Richard Wagner aufgenommen und in seine Skulpturen, Plastiken und Bilder übertragen. Und er stellte den nackten Körper so dar, wie er naturgegeben ist. Da wurde kaum idealisiert, es gibt auch nichts Schwül-Schwülstiges wie in den Bildern anderer Symbolisten wie Böcklin, Franz von Stuck oder Gustave Moreau. Klinger bevorzugte das Authentische. Dennoch ist da reichlich Rätselhaftes, auch Abgründiges. Diese besondere Gemengelage rechnet die Kunstwissenschaft dem Leipziger inzwischen als wesentlichen Beitrag zur Kunstgeschichte an: die Idee nicht begrifflich zu fixieren oder direkt auszudrücken, eher sinnverborgen und intuitiv.

Das Unterbewusste dringt durch. Darin sehen manche Historiker den Symbolisten gar als Vorvater von Freud. Und gerade die Grafiken beschwören düstere Träume und bizarre Situationen, verweisen auf Heuchelei und Doppelmoral der deutschen Gründerzeit. Das in einem Extrasaal arrangierte „Zelt“ war Klingers letzter und größter Grafikzyklus über Liebe und Erotik. Er erzählt von Klingers sehr ambivalentem und für seine große Liebe tragisch ausgegangenem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht, zu seinen sinnlichen Modellen und vor allem zur – in Leipzig zu Unrecht vergessenen – expressionistischen Dichterin Elsa Asenijeff, der in der Nervenheilanstalt geendeten Mutter seiner unehelichen Tochter.

Museum der Bildenden Künste,Leipzig: bis 18. August. Vom 4. September bis 10. Januar 2021 in der Bundeskunsthalle Bonn. mdbk.de

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