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Der Maler Heinrich Vogeler in der Neuen Nationalgalerie in Berlin: Glücklos im gelobten Land

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Von: Ingeborg Ruthe

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Heinrich Vogelers Werk „Kulturarbeit der Studenten im Sommer“ aus dem Jahr 1924. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie/ Volker H. Schneider
Heinrich Vogelers Werk „Kulturarbeit der Studenten im Sommer“ aus dem Jahr 1924. © bpk / Nationalgalerie, SMB / Volker-H. Schneider

Heinrich Vogelers Traum vom Kollektiv starb in der kasachischen Verbannung. Seine sozialutopischen „Komplexbilder“ sind nun in der Neuen Nationalgalerie zu sehen.

Ein halbes Jahrhundert ist zu besichtigen in der gewaltigen Bilderschau zur „Kunst der Gesellschaft 1900 bis 1945“. Man kann sich in deutscher und europäischer Kunstgeschichte verlaufen, verlieren, vertiefen in der Berliner Neuen Nationalgalerie, die seit dem Spätsommer 2021 nach ihrer Rekonstruktion wieder offen ist. Darum fallen die kleinen Bilder im Sockelgeschoss des Mies-van-der-Rohe-Tempels nicht gleich auf. Und doch sind sie ganz anders als die benachbarten Motive von Dix, von Grosz und ihren Zeitgenossen, die Krieg und Gewalt zum Thema machten. Es sind Heinrich Vogelers „Komplexbilder“, 15 Visionen einer klassenlosen Gesellschaft malte der gebürtige Bremer (1872-1942), entstanden sind sie in der Sowjetunion.

Es sind expressive, kubo-futuristische Simultan-Kompositionen, die verschiedene Szenen innerhalb eines Bildes vereinigen. Die Bildflächen sind in prismatische Einzelfelder aufgesprengt. Darin ist – teilweise sich überschneidend – der Alltag zwar realistisch dargestellt, jedoch in variierter Perspektive. Das hier abgebildete Motiv heißt „Kulturarbeit der Studenten im Sommer“.

Die wie zu einem Patchwork zusammengefassten Szenen archaischer Landarbeit auf russischen Äckern hat der Maler gemischt mit der Utopie des technischen wie gesellschaftlichen Fortschritts. Den pathetischen Höhepunkt bildet eine Sonne, in deren Rund das Hammer-und-Sichel-Symbol einen Kolchos-Bauern golden überstrahlt. Der Bauer pflügt mit seinem kollektivierten Gaul und krummem Rücken die Erde des Ackers. Schwerstarbeit.

Dazu das Kollektive darzustellen, war Vogeler wichtig. Das besagen die Studentengruppen, unter den Augen der staunenden russischen Bäuerlein. Lernend, beratend, tüftelnd, gemeinsam mit Hacken und Schaufeln schuftend, das rote Banner schwenkend. Oder – romantisierend – in der Freizeit nackt am See. Unten im Bild sieht man derbe Stiefel und die klobigen Gerätschaften für die Feldarbeit. Ein modernes Attribut ist lediglich der auf Panzerketten rollende Traktor. Dazwischen die kyrillischen Buchstaben der Losung „Zusammenarbeit“.

Vogeler brachte den kräftezehrenden Einsatz für den Kommunismus in eine szenisch zusammengesetzte Erzählung. Fast so wie in jenen mittelalterlichen Volks-Bilderbögen für Leute, die nicht lesen konnten. Nach der Revolution 1917 hatte die russische Avantgarde um Majakowski und Malewitsch diese aufklärerische Methode wiederaufgenommen – in den propagandistischen Rosta-Fenstern sowie in den plakativen Lubok-Drucken. Vogeler, der 1923 erstmals die Sowjetunion bereiste, setzte das mit Inbrunst fort.

Durch Leben und Werk des am 12. Dezember vor 150 Jahren an der Weser geborenen und am 14. Juni vor 80 Jahren in der kasachischen Verbannung gestorbenen Heinrich Vogeler geht ein Riss. Deutschlands einst gefeierter Jugendstilmaler, um 1900 Zentralgestirn der Worpsweder Künstlerkolonie, Rilke-Vertrauter und enger Freund Paula Modersohn-Beckers, war als Pazifist aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt. Die innigen Freundschaften waren zerbrochen, Modersohn-Becker im Kindbett gestorben. Vogelers Ehe wie seine Malerei steckten in der Sackgasse.

Er brach mit seinen idealen Allegorien des Frühlings und des Sommers zwischen Birken und Blumen. Sein neues Ideal war eine Gesellschaft ohne Herren und Diener, mit „Neuen Menschen“. Vogeler schrieb zu Kriegsende 1918 einen „Friedensappell“ an den Kaiser, formuliert als „Märchen vom lieben Gott“. Dafür steckte die Bremer Polizei ihn 63 Tage lang in eine Irrenanstalt.

Ein Jahr später, ermutigt von der Gründung der Weimarer Republik, machte er seinen Worpsweder Barkenhoff zur Kommune und Arbeitsschule. Er wollte beweisen, dass der Aufbau einer neuen Gesellschaft möglich sei. Die Aufhebung des Kapitalismus, so glaubte er, habe auch die Befreiung der Kunst zur Folge. In Worpswede sollte eine gewaltfreie „kommunistische Insel in einem kapitalistischen Staat“ entstehen, Selbstversorgung durch intensiven Gartenbau erreicht werden.

Dafür mussten die kunstvollen Jugendstil-Anlagen robusten Gemüsefeldern weichen. Stolz war Vogeler auf seine Tomatenfelder, die er in Gemälden verewigte. Und auf die Holz- und Metallwerkstatt. Auf der Basis seiner pädagogischen Arbeit sollte eine Schule im Sinne des Gemeinschaftsmodells entstehen. Doch dafür gab es keine staatliche Anerkennung. Nach 1922 kehrte Vogeler Worpswede den Rücken. Die Trennung von seiner Frau und den drei Töchtern war endgültig, und das Kunst-und-Leben-Projekt ohne öffentliche Mittel nicht finanzierbar. Der Maler schenkte das Anwesen der Roten Hilfe als Kinderheim.

Seit er sich auf seiner ersten Sowjetunion-Reise in Sonja Marchlewska, Tochter des Lenin- und Luxemburg-Vertrauten Julian Marchlewski, verliebt hatte, war sein Entschluss, in die UdSSR zu gehen, unwiderruflich. Kaum war die Scheidung von Martha Vogeler durch, heiratete er Marchlewska, lebte zunächst mit ihr und dem gemeinsamen Söhnchen Jan in Berlin, später in Moskau. Auf den „Komplexbildern“ träumte er abermals von der „Geburt des neuen Menschen“, obwohl man ihn in Berlin 1929 aus der KPD ausgeschlossen hatte. Vogeler hatte die Partei-Dogmatik kritisiert.

Mit der Technik der „Komplexbilder“ glaubte er, ein formales Prinzip gefunden zu haben, das sich aus den neuen sozialen Strukturen und Prozessen in der Sowjetunion ergebe und diese zugleich zum Ausdruck bringe – den „synthetischen Charakter“ der Sowjetkultur. Diese ziele nicht nach kapitalistischer Manier auf Konkurrenz, sondern auf ein organisches Zusammenwirken der „Triebkräfte“. Vogeler hoffte, diese Bilder würden Vorlagen für Wandgemälde-Aufträge.

Aber auch im gelobten Land eckte der Enthusiast an. Stalin missfielen seine Bilder, das Verdikt lautete „Formalismus“. Das Pathos nutzte nichts. Es war wohl allzu deutlich gemalt, unter welch primitiven Bedingungen der Kommunismus unterm Roten Stern siegen sollte. Der Generalissimo ließ Vogeler, der keinen Sowjet-Pass besaß und nicht nach Hitlerdeutschland zurück konnte, nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion 1941 nach Kasachstan deportieren. Sonja Marchlewska ließ sich aus Angst scheiden.

Schwerkrank und in bitterer Not starb der Maler 1942, im Hospital des Staudamm-Arbeitslagers in Kornejewka. Dort wurde 1986 im Beisein seines Sohnes Jan Vogeler, in der Sowjetunion nach dem Krieg ein anerkannter Wissenschaftler, ein allerdings leeres Ehrengrab geweiht. Im Sprichwort heißt es, Irrtümer seien Tore zu neuen Erkenntnissen. Der Maler Vogeler hat seine Sozialutopien nie widerrufen.

Seine „Komplexbilder“ lesen sich wie sein Glaubensbekenntnis. Nur sieben blieben erhalten, der Rest ist verschollen. Vielleicht hat er sie ja in einem Anfall von Glaubenskrise zerschnitten. Sie haben ihm kein Glück gebracht.

Neue Nationalgalerie, Berlin: Die Präsentation „Kunst der Gesellschaft 1900 bis 1945“ soll bis zum 2. Juli 2023 bleiben. smb.museum/

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