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„Der große Schritt“ des Malers Klaus Killisch: Ein subversiver Gefühlsausbruch

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Von: Ingeborg Ruthe

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„Der große Schritt“ des Malers Klaus Killisch ist weit mehr als eine Vorwegnahme des Mauerfalls. Es ist eine universale Metapher für Veränderungen

Unverhofft war vor ein paar Tagen meine Begegnung mit einem Bild, das die – unvergessene – emotionale Gemengelage im kleinen Land DDR, insbesondere in Ost-Berlin, im Jahr vor dem Fall der Mauer wiedergibt. Zugleich las ich es, 35 Jahre nach seinem Entstehen, als universelle Metapher für gravierende Veränderung schlechthin.

Ich hatte das Bild, das Klaus Killisch damals nicht offiziell zeigen konnte, ohne Gefahr zu laufen, von den DDR-Behörden „kassiert“ zu werden, keineswegs an einem grauen Januartag 2023 in der Berliner Pop-up-Galerie Lage Egal erwartet – inmitten von Malerei und Objekten der jüngsten Zeit, allesamt Arbeiten, die sich auf Musik beziehen: auf Rock, Jazz, Punk, Pop. Und auf Großstadterfahrung. Killischs „Großer Schritt“ von 1988 wühlt beim Wiedersehen auf wie damals, im Jahr vor dem Ende der DDR, als der junge Maler sich genau überlegen musste, wem überhaupt außer den engsten Freunden er solch ein Bild zeigen konnte.

Das Motiv war kein Rückzug mehr in die Nische, es war ein Gefühlsausbruch. „Der große Schritt“ des damals 29 Jahre alten Künstlers aus Ost-Berlin, geboren in der sächsischen Domstadt Wurzen, ausgebildet an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, ist unübersehbar subversive, spontan-subjektive Befindlichkeit. Diese Kopffüßler-Figur mit schreiendem Mund steht auf blutrotem Boden über Hochhäusern unter einer bunten Rollwolke und reckt das rechte, schwarz-rot-golden bemalte Bein wie einen Rammbock in einem gewaltigen Ausfallschritt nach vorn. Ein surrealer Anblick.

Vier Jahre zuvor hatte der Leipziger Wolfgang Mattheuer seinen symbolstarken „Jahrhundertschritt“ in Bronze gießen lassen, ein Schlüsselwerk für das von zwei Weltkriegen, Nazidiktatur, Stalinismus, deutscher Teilung und neuer Militanz geprägte Jahrhundert der Moderne. Der junge Killisch indes wollte keine politisch wohlüberlegte Mahnmalskunst schaffen. Auf seinen sinnlichen, ketzerischen Leinwänden rockt und groovt es. Die unübersehbar selbstporträthaften Figuren erscheinen wie aus Science-Fiction-Filmen.

Er mixte schon damals Acrylfarben, Öl, Collagen, Literatur, (Zigaretten-)Werbung und Langspielplatten seiner westlichen Lieblingsrockbands und Punkmusiker auf großen Leinwänden. Auch im Osten, so schildert er es heute, war Musik ein lärmender Protest gegen die Erstarrung, tobte die Szene sich bei Punk aus. Mit dem Gefühl des „Andersseins“.

So entwickelte Killisch seinen impulsiven, rhythmischen Stil. Bis heute übersetzt er Bild in Musikalität – und umgekehrt. Er verschaffte seinen Sehnsüchten und denen seiner Generation unbändig Luft. Das Gefühl der Enge im vormundschaftlichen Staat schreit dieses Bild heraus. Es gab sie insbesondere in Berlin, Leipzig, Dresden: die „Jungen Wilden“. So wurden sie genannt, die Ost-Brüder der „Neuen Wilden“ im Westen. Individualität, Freiheit, Großstadt, Musik, diese so andere Sinneswelt als der graue Alltag war auch für Killisch Antrieb, inspiriert vom Brücke-Expressionismus.

Jeden Tag auf dem Weg ins Atelier kam er an der Mauer vorbei. Diese Gemengelage der Gefühle führte dazu, dass er mit dem Messer die Farbschichten vorhergehender Maltage wieder von der Leinwand kratzte. In den Westen „abhauen“, wie so viele andere, wollte er nicht, ebenso wenig wie seine Frau, die Malerin Sabine Herrmann. Beide glaubten daran, den Osten verändern zu können, engagierten sich in oppositionellen Kreisen, in der Kirche. Angstlos; damals waren ihre beiden Söhne noch nicht geboren.

Eine ganze Reihe von Mauermotiven entstand. Killisch malte 1988 auch „Mann vor Mauer“, auf dem Anzug des Hutträgers sieht man Flammen. Das Bild gehört dem Stadtmuseum Berlin. Mit solchen Bildern wurden Killisch und seine Freunde 1990 auf die Biennale Venedig eingeladen. Später hatte er Ausstellungen in New York, Washington, Tokio. Den „großen Schritt“, diese Gestalt aus auf Leinwand förmlich geschleuderten Acrylfarben, bewahrt der aus Frankreich stammende Lage-Egal-Galerist Pierre Granoux im Nebenzimmer auf, derweil vorne, im Galerie-Hauptraum zur Straße hin, die Arbeiten anderer Künstlerinnen und Künstler aus der Jetztzeit die Wände füllen.

Mittendrin Killischs neue Bilder. Diese leidenschaftliche Bildsprache hat es Granoux angetan. Sie ist eine besondere „Stimme“ in der derzeitigen Schau „Wall of Sound“, die spannenderweise mit der Museumsschau „Broken Music“ in den Rieckhallen am Hamburger Bahnhof korrespondiert.

Seit 2012 betreibt Granoux, selbst Konzeptkünstler, den freien Kunstort außerhalb des kommerziellen Betriebs an wechselnden Plätzen, flexibel und spielerisch derzeit schon im vierten Jahr an der Greifswalder Straße/Ecke Hufelandstraße. Allerdings immer in der Ungewissheit, ob der Hausbesitzer die Räume nicht doch anderweitig, also teurer, vermieten wird. Granoux’ Idealisten-Motto lautet so (und stammt natürlich aus einem Song): „Es ist egal, was du erschaffst, wenn du keinen Spaß hast.“ Und ihm ist es eben nicht egal, was gemacht wird: Das Galerieprojekt Lage Egal soll vielen die Möglichkeit geben, ihre Werke außerhalb des kommerziellen Kunstbetriebs auszustellen.

Killisch reiht sich in der Schau „Wall of Sound“ in die Vielsprachigkeit der Stilistik und Motive von 80 Berliner Kunstschaffenden. Seine neuen Bilder passen sich ein in diesen freien „Sound“.

Hätte die Galerie noch eine leere Wand, könnten wir darauf auch sein Motiv zu einem ganz anderen Thema sehen, dem der Passion: seine Altarverhüllung 2020 in der Paul-Gerhardt-Kirche, Prenzlauer Berg: Er jagte einen neonblauen LED-Blitz durchs Fastentuch-Bild. Jesus besteht aus Rasterpunkten über einer Hochhausarchitektur. Ringsum bunter Nebel: Blau, Gelb, Rot, die Farben der Avantgarde. Unten Texte: Fragmente der Bergpredigt und der Philosophien von Horkheimer und Adorno zur Dialektik. Man entziffert Worte aus dem Kommunistischen Manifest, auch aus der Dada-Bibel. Und einen Fetzen Liedtext aus dem Beatles-Song „Revolution“.

Lage Egal, Berlin, Greifswalder Str. 34: bis 28. Januar. lage-egal.net

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