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„Der geschenkte Tag“ von Michael Müller im Städel: Die Nacht brennt rot

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Von: Lisa Berins

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Michael Müller, „Der geschenkte Tag“ (Detail), 2021–2022. Foto: Studio Michael Müller
Michael Müller, „Der geschenkte Tag“ (Detail), 2021–2022. Foto: Studio Michael Müller © Studio Michael Müller

Michael Müllers Installation „Der geschenkte Tag“ im Frankfurter Städel hat mythologische und aktuelle Bezüge.

Ein ganzer Tag, eine ganze Nacht. 24 Stunden. Malerisch festgehalten in Übergröße. Das Werk „Der geschenkte Tag“ des deutsch-britischen Künstlers Michael Anthony Müller ist nach zwei Jahren Arbeit im Städel Museum installiert. Es ist ein wuchtiges, ein expressives, abstraktes Werk in 24 Paneelen, die an den Wänden des Foyers zu einem raumumgreifenden, raumumarmenden Gesamtbild installiert und als chronologischer Ablauf zu lesen sind.

Der frühe Morgen beginnt hell und rosa, gegen Mittag verdichten sich die Formen auf den Leinwänden, die Farben werden kräftiger, Blau, Grün, Orange mischen sich in den Nachmittag. Dann schleicht sich ein Grau in den Hintergrund, die Stimmung wird dunkler. Ein roter Sonnenuntergang, dann ist Nacht.

Thematische Referenz der Arbeit ist der griechische Mythos der Dioskuren, der Zwillinge Kastor und Polydeukes: Das Brüderpaar wurde durch den Tod des sterblichen Kastor getrennt. Auf Bitten des Halbgottes Polydeukes schenkte dessen Vater Zeus den Brüdern ein gemeinsames Leben, das sich abwechselnd je einen Tag im Hades, dem Reich der Toten, und im Olymp abspielen sollte. Eine Bronzeplastik und Zeichnungen des Künstlers sowie eine Papierarbeit von Jacopo Pontormo aus der Sammlung des Städel Museums gehen in einem Prolog auf den Mythos ein, drei weitere Arbeiten Müllers zum Thema werden in den Gartenhallen des Museums präsentiert. Das Panorama im Foyer - es ist ein von Zeus geschenkter Tag.

„Nur dadurch, dass wir die Unsterblichkeit verlieren, haben wir die Zeit gewonnen“, sagt Michael Anthony Müller. Um ihr künstlerisch nachzuspüren, die genaue Tageszeit direkt und unmittelbar auf die Leinwand zu bringen, habe der Künstler immer zu den korrespondierenden Tageszeiten gearbeitet, was seine alltägliche Abläufe durcheinandergeworfen habe.

Überhaupt habe ihn die Arbeit an dem sechs Meter hohen und 65 Meter langen Riesengemälde stark gefordert: Es ist das erste Mal, dass der Künstler, der sich schwerpunktmäßig mit Zeichnungen, Installationen, Performance und kuratorischen Projekten beschäftigt hatte, an solch ein gemaltes Großprojekt wagte. „Dass das Werk keinen Anfang und kein Ende hat, machte die Sache nicht einfacher“, sagt Müller. Der Auftrag kam vom Städel Museum, ausgeführt hat er ihn in Berlin. Zum Schluss wurden die Paneele in Millimeterarbeit in Frankfurt zusammengefügt.

„Mein großes Problem war beim Malen, dass ich nie sehen konnte, was in meinem Rücken war, einen Teil des Werks musste ich mir also immer vorstellen.“ Bezüge zu Panoramen, etwa Werner Tübkes „Bauernkriegspanorama“ in Bad Frankenhausen, gibt es nicht, wie der Künstler sagt.

Im Zeitkonzept festgehalten

Müller arbeitet in „Der geschenkte Tag“ mit Kopien und Wiederholungen, auch mit gedruckten Elementen. Mal lässt er die Zeit fließen - über den Rand der Leinwand zur nächsten, häufig aber wird sie visuell in dem vom Menschen in Stunden getakteten Konzept festgehalten. Dennoch geschieht Überraschendes: Mitten in der Nacht eine Explosion, ein in kräftigem Rot ausbrechendes Chaos. Dort sei etwas für ihn Unübliches geschehen, erklärt Müller. Er habe direkt auf aktuelle Geschehnisse Bezug genommen. Im Februar ging der Krieg in der Ukraine los, in den einsamen Nächten hätten ihn die Gedanken daran nicht losgelassen. Diese Bruchstelle irritiert. Und sie fesselt. Und berührt.

Und dann ist wieder Morgen.

Städel Museum Frankfurt:

bis 19. 2.2023, staedelmuseum.de

Michael Müller. Foto: Photo art/beats
Michael Müller. Foto: Photo art/beats © Photo art/beats

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