Manfred Hamm: Potsdamer Platz, 1976.
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Manfred Hamm: Potsdamer Platz, 1976.

Fotograf Manfred Hamm

Auf Pirsch mit Kamera, Stativ und Rucksack

  • vonIngeborg Ruthe
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Das bedeutende Archiv des Fotografen Manfred Hamm kommt ins Stadtmuseum Berlin.

Einen Herzdrücker inmitten der Freude über dieses Kunstgeschenk samt aller Verwertungsrechte, das der Berliner Senat und die Kulturstiftung der Länder finanzieren und das nicht zuletzt der Berliner Fotograf Manfred Hamm dem Stadtmuseum überlässt, gibt es doch. Der heißt Corona-Sperre. Der Lockdown und damit die Schließung aller Museen verhindert, dass wir diese immense Fotoserie aus 40 Jahren schon jetzt sehen könnten.

Ruinen der Industrieepoche

Der 76-jährige Hamm hat sich seit Ende der 1970er Jahre mit meist preisgekrönten Fotobänden international einen Namen gemacht. Sein großes Thema ist die Vergänglichkeit, festgehalten in über 20 000 Negativen. So berühmt wie unverwechselbar sind seine Schwarz-Weiß- und auch Farb-Serien der Ruinen des europäischen Industriezeitalters, der Orte des Handels und der Kulturbauten. Die Fotografie-Geschichte nennt diese Aufnahmen „die antiken Stätten von Morgen“. Keine bunten Bilder aus der schönen neuen Welt, eher ein etwas kurioser, schräger Abgesang auf die Ära der Großindustrie. „Tote Technik“, Industrieruinen, und auch außerhalb Berlins verlassene Häuser in gottverlassenen Gegenden, Auto- und Flugzeugfriedhöfe, mit denen Hamm zum Pionier einer neuen Ästhetik wurde, die sich heute einer Schaar von jungen Nachahmern erfreut.

Lieblingsrevier für solche Exkursionen war für Hamm insbesondere Berlin. Geboren wurde er 1944 bei Zwickau in Westsachsen. 1955 floh seine Mutter mit ihm in den Westen. Seitdem war Westberlin seine Wahlheimat, das „absurde Mauertheater“, wie er es nannte, 1989 dann die ganze mauerlose Stadt, samt ihrer nun leer gewordenen Gründerzeitfabriken, diesen alten morbiden Industriekathedralen, der Museumsinsel, der Brücken und alten Bahnhöfe.

Hamms Berliner Lebenswerk stellt einen einzigartigen Bildfundus zur Geschichte und Architektur der Stadt dar, fotografiert in den Jahren 1972 bis 2010. Da finden sich Stadtbilder, Luftbildaufnahmen, Ansichten von Parks und Gärten samt deren Besitzern. Ein Motiv zeigt die alte Dadaistin Hannah Höch in ihrem verwunschenen Frohnauer Blumenreich. Daran schließen sich sensible Porträts von Berliner Künstlerinnen und Künstlern an. Hamm hatte diese Persönlichkeiten über Jahre begleitet. Von unschätzbarem Wert für die museale Arbeit sind seine rund 1700 brillant ausgearbeiteten und signierten Handabzüge, die nun für Ausstellungen zur Verfügung stehen, sobald das in Zeiten der Pandemie wieder möglich ist.

Als geradezu ideal bewerten Museologen den Neuzugang dieses Konvoluts eines Perfektionisten seines Fachs im Kontext zu dem bis ins Jahr 1874 reichenden Sammelschwerpunkt des Stadtmuseums Berlin als zentrale Institution für hochwertige künstlerisch-dokumentarische Berliner Stadtbildfotografie von der Gründerzeit bis heute. Mit seinen auf Basis großformatiger Negative entstandenen Bildern der sich wandelnden Metropole schließt Hamm eine Lücke im Bestand des Museums.

Manfred Hamm: Hannah Höch, 1975.

Subjektives Sehen

Hamm gehört zu den Autorenfotografen, seine Arbeit steht für Fotokunst und Dokumentation eines subjektiven Sehens, nicht einer nach Auftragswünschen gemachten Fotografie. Dieses riesige Werk entstand im eigenem Auftrag und gab der Gattung Stadtfotografie neue Impulse. Mit den schnellen leichten Digitalkameras, gar per Handy, kann er sich nicht anfreunden, zu leicht, zu schnell, zu oberflächlich. Hamms Fotos haben Gewicht, soziale, historische Bedeutung und Tiefe. Sie machen nachdenklich.

Dieser Mann, der sein Tun unbeirrt von der Dudenschreibweise mit „Ph“ schreibt, also für die gute alte „Photographie“ die Fahne hochhält, durchstreifte Berlin immer bepackt mit Stativ und seiner schweren, klobigen Kamera Plaubel PS 7/433. Seine Filme schleppte er in 50 Doppelkassetten herum, deren Inhalt ergab 100 Aufnahmen. Dafür brauchte er den unverzichtbaren Rucksack. So arbeiteten Fotografen schon seit Mitte des 19. Jahrhundert und vor 100 Jahren: Louis Daguerre, Eugène Atget, August Sanders, Ansel Adams, Erich Salomon.

Und so gesehen, steht Manfred Hamm in der Tradition von namhaften Fotografen wie Leopold Ahrendts, F. Albert Schwartz, Hermann Rückwardt und Max Missmann, deren Arbeiten den Grundstock der Fotografischen Sammlung des Stadtmuseums bildeten. 2014 stellte Hamm die Kamera beiseite. Zeit zum Resümee. Sechs Jahre später ist sein Werk museumsreif. Was für ein Gewinn für die Stadt und die deutsche Fotografie-Geschichte

Manfred Hamms Werk wird in den nächsten Jahren digitalisiert. Zeitnah wird es in der Online-Sammlung des Stadtmuseums zu finden sein. Erste Motive zeigt die Bildergalerie auf der Netzseite des Museum: sammlung-online.stadtmuseum.de/

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