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Der Designer Konrad Grcic: Zwischen den Stühlen

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Von: Ingeborg Ruthe

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Konstantin Grcic, „New Normals“, 2021. Florian Böhm
Konstantin Grcic, „New Normals“, 2021. © Florian Böhm

Im Haus am Waldsee zeigt der Industrie-Formgestalter Konrad Grcic einen so exzellenten wie hintersinnigen Spagat zwischen Form, Sinn und Zweck.

Noch nie haben mich Sitzmöbel so amüsiert. Und noch kein einziges Mal verließ ich eine Design-Ausstellung derart nachdenklich. Das Zehlendorfer Haus am Waldsee in Berlin hat den Industrie-Formgestalter Konstantin Grcic eingeladen. Der Mann gilt heute als einer der namhaftesten Industriedesigner Made in Germany. Seine Prototypen befinden sich in Sammlungen des New Yorker MoMA, des Pariser Centre Pompidou und des Vitra Design-Museums in Weil am Rhein. Grcics 2003 kreierter „Chair One“ ist inzwischen beinahe eine Ikone, fast so wie der Freischwinger des Dänen Verner Panton von 1960. Der „Stuhl Nr. 1“ von Grcic ist allerdings nicht aus farbiger Plaste, sondern aus feuerfestem und wetterhartem Aludruckguss, mit Titan behandelt, polyesterlackiert und klau-sicher dank eines Betonfußes. Vereint sind zwei Essenzen der Moderne: leicht und schwer.

Inzwischen gibt es den robusten Klassiker auch auf vier Beinen für die Wohnung. Im Haus am Waldsee steht er betonfüßig und festgeschraubt auf einer Bank. Die Nummer Eins wirkt elementar und manieristisch zugleich, mit einem Hauch subtilen Größenwahns. Der Sitz nämlich ist nur ein schablonenartiges Skelett dessen, was man seinem Allerwertesten zumuten kann. Nur zierliche Leute sitzen darauf artistisch und anmutig.

Konstantin Grcic nennt all seine Einfälle, die er im Haus auf zwei Ebenen verteilt hat wie zu einem Karneval der Möbel, „New Normals“. Ihn interessiere, sagt er, wie Design mit dem Leben verbunden ist. Er entwirft also für unsere jeweils neuen Realitäten. Die werden schließlich immer wieder von technischen Neuerungen und den daran geknüpften Verhaltensweisen verändert.

Der 56-Jährige hat einen exzellenten Spagat hingelegt zwischen Form, Sinn und Zweck. Seine Stühle, Liegesessel, Leuchten, Kleiderständer, Tische sind aufgeladen mit Humor, manchmal an der Grenze zur Ironie. Wie zur Bestätigung markierte Grcic alle Ausstellungsräume mit den Readymades der mobilen Leuchte „Mayday“ von 1999. Die gleicht einem Megaphon-Trichter, die Lampe klemmt kopfunter an einer knallroten Halterung. Man soll wohl an einen Feuermelder denken. Es wird kolportiert, dies sei die Lieblingsbettleuchte der Berliner Boheme.

Nicht zu übersehen ist die senfgelbe Leder-Chaiselongue namens „Traffic“. Seitlich hat ihr Grcic fünf ringsum wie Tentakel in die Zimmerluft ragende schwarze Metallstangen mit Smartphone- und Tablet-Halterungen anmontiert. Ist dies etwa das zeitgemäße Angebot fürs Multitasking, das man im bequemen Liegen erledigt? Also die Neue Normalität? Wie auch jener schwarze Plastikschalensitz, der mit einem orange-leuchtenden Fahrradschloss an einem dieses neuen, Anlehnbügel genannten Stadtmobiliars, festgemacht ist. Doppeldeutig als Diebstahlschutz in Berlin, Rekordhalter-Metropole beim Fahrrad-Klau. Zugleich verweist dieses seltsame Stillleben freilich auch auf die Situation der Außengastronomie bei gutem Wetter – wegen der leidigen Corona-Lage. Oder wegen des oft miesen Wetters.

So schön wie kurios präsentiert der Gestalter seine Schöpfungen. Da baumeln zwei farbige Plastikstühle verkehrt herum an ziehharmonikaartigen Scherengitter-Halterungen von der Decke. Draufsetzen geht also nicht. Jedenfalls nicht hier im Ausstellungsraum. Was ist in unserer Vorstellung ein Stuhl? Jetzt wird klar, was Grcic mit dem Satz meint, unfertige Dinge seien doch schön und allzu Perfektes eher traurig. Er sei ein nachdenklicher Optimist, sagen Freunde. Der Designer hat vor dem Studium am Royal College of Art London erst mal richtig solide das Möbelschreiner-Handwerk an der John Makepeace School im englischen Dorset erlernt. 1991 gründete er in München sein Studio für Industrie- und Möbeldesign. Dort rühmte man ihn schon als „Münchner Designwunder“. Das habe ihn befremdet, sagt Grcic. Also zog er nach Berlin: Hier hat er im Studio in Tiergarten ein kleines, junges Team.

Es sind seine so radikalen wie logischen Lösungen, die ihn so gefragt werden ließen. Grcic will, dass seine Arbeiten von den Veränderungen unserer Zeit erzählen, dass diese „New Normals“ auf eine Zukunft verweisen, in der andere Konstellationen des Zusammenlebens und -arbeitens ausprobiert werden.

Und so wirken seine für die Schau im Haus am Waldsee von ihm selbst in den Räumen arrangierten Modelle mal utopisch und dann auch mitunter fast absurd. Da stehen zwei Sessel hinter einer von der Decke hängenden Auto-Windschutzscheibe. Im nächsten Raum ergeben zwei zusammengerückte Sofas laut Bezeichnung ein Trampolin, über dem ein schwarzes, für die Sicherung freilich funktionsloses Fangnetz baumelt. Dada und Surrealismus lugen aus dem Industrie-Design.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30 in Berlin: bis 8. Mai. hausamwaldsee.de

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