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Rom 1969/70: Via di Monserrato.

Cy Twombly

Der böse Blick und Kirschen aus Nachbars Garten

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Ateliers und Häuser des amerikanischen Künstlers Cy Twombly.

Der aus Lexington in Virginia stammende Cy Twombly (1928-2011) gehört zu meinen Lieblingsmalern. Also verschlinge ich nahezu alles, was ich über ihn lesen kann. Natürlich auch den bei Schirmer/Mosel erschienenen Band „Cy Twombly: Homes & Studios“. Der Verleger und Kunstsammler Lothar Schirmer, den ich im Verdacht habe, restlos alles, was Twombly jemals gemacht hat, zu kennen und das meiste davon in den mehr als 20 Büchern, die er über Twombly herausbrachte, veröffentlicht zu haben, schreibt in seinem Vorwort, er habe den Künstler im Oktober 1964 das erste Mal in seinem römischen Atelier besucht. Twombly war 36, Schirmer 22 Jahre alt. Schirmer wurde, so sagt er, damals mit einem Schlag von der Vorstellung befreit, junge Künstler hätten in Armut zu leben: „Wunderbar, dass das Gegenteil auch wahr sein konnte.“

Schirmer verrät uns nicht, dass Cy Twombly im April 1959 Tatiana Franchetti geheiratet hatte und die beiden seit Dezember 1959 den gemeinsamen Sohn Cyrus Alessandro hatten. Florian Illies schreibt in seinem Beitrag über die Fotografien, die Horst P. Horst 1965 von Cy Twombly gemacht hatte: „Auch ohne es zu wissen, spürt man den Geist der Franchettis, einer der großen stillen aristokratischen Familien Italiens ... .“ Illies hebt deren verwandtschaftliche Beziehungen nach Deutschland hervor, über die Dumonts seien sie mit dem Münchner Malerfürsten Franz von Lenbach verwandt. Ein paar Sätze weiter ist einigermaßen missverständlich „von den Büsten der römischen Kaiser aus der Familie seiner Frau“ die Rede. Wer es ein klein wenig genauer wissen will, der findet im Internet den Stammbaum der Familie Franchetti und erfährt: Sie waren im 15. Jahrhundert aus Südfrankreich nach Mantua eingewanderte Juden, seit 1648 hatte die Familie mal diese mal jene Bank, mal dieses mal jenes Unternehmen.

Manche Mitglieder konvertierten zum Katholizismus. Abramo Franchetti, der 1858 den erblichen Adelstitel Baron erhielt, hatte das nicht getan. Ebenso wenig seine Kinder. Die Familie gehörte damals zu den reichsten des ja gerade erst entstehenden Italiens.

Twombly hatte die Angewohnheit, Häuser und Wohnungen zu kaufen. Manche richtete er nur ein, ohne sie jemals zu bewohnen. Andere sah er wohl niemals wieder. Manche bewohnte er, bis sie mit Bildern vollgestellt waren und er, der seine Werke nicht gerne verkaufte, eine neue Herberge, ein neues Atelier, bezog. Die Übergänge zwischen beiden waren fließend, wohl weil er, so liest man, nicht gerade begeistert war von der Vorstellung „auf Arbeit“ zu gehen. Dafür tat er zu gerne auch mal nichts.

Das Ergebnis sehen wir auf den Fotos. So erlesen die Lokalitäten sind, so selbstverständlich werden sie als Arbeitsräume genutzt. Die antiken Büsten, so dekorativ sie sich auf den Fotos von Horst, Deborah Turbeville und Bruce Weber machen mögen, sie sind immer auch Material. Nicht in dem Sinne, dass er sie ständig abgezeichnet, nachgeformt hätte – das alles kam vielleicht auch vor –, aber sie stehen hier und erinnern an eine Kunst, von der der Künstler Twombly sich abstieß.

Das Buch:

Cy Twombly: Homes & Studios. Texte von Lothar Schirmer/Nicola Del Roscio/Florian Illies. Schirmer / Mosel 2020. 264 S., 44 Euro.

„Neidköpfe“ werden im Schwäbischen die Häupter genannt, die außen an Häusern angebracht wurden, um es vor Unheil und dem Bösen zu schützen. Möglicherweise fungierten die Kaiserköpfe bei Twombly als Abwehrzauber gegen den bösen Blick. So waren antike Kunst und antiker Aberglaube, die ihn so sehr interessierten, immer da.

Twombly wechselte auch das Haus, wenn er genug hatte von den Bildern, die er dort gemalt hatte. Der Band beginnt mit Aufnahmen, die er 1954 in New York machte. Er teilte sich das Fulton Street Studio mit seinem Freund Robert Rauschenberg. Der Band endet mit Fotos, die seine Nachbarin Sally Mann ab 1999 in seinem Atelier in Lexington machte – da hatte er sich gerade wieder eines an seinem Geburtsort zugelegt.

Sein fast lebenslanger Gefährte Nicola del Roscio erzählt sehr schön von Twomblys engem Verhältnis zu seinem afroamerikanischen Kindermädchen. Seinen Witz habe er von ihr, die Spielfreude wohl auch. Man liest das und freut sich sehr, denn man weiß vom amerikanischen Süden auch, dass in ihm der Rassismus blühte in Männern, die niemals wieder so geliebt worden waren wie von ihren Kindermädchen. Die hatten oft ihre eigenen Kinder bei Verwandten in Pflege geben müssen, um sich ganz denen der Herrschaft widmen zu können.

Del Roscio schreibt auch von der Scheu Twomblys. Ein Scheich aus Katar hatte sich angekündigt. Im ganzen Haus standen die Dinge herum, die nicht für die Augen von Gästen gedacht waren. An dieser Stelle fielen mir schwule Freunde ein, die – es ist lange her –, wenn ihre Eltern kamen, alles verschwinden ließen, womit sie ihre Wohnung schön gemacht hatten. Die ganze Stadt war aufgeregt. Vor dem Scheich kamen seine Sicherheitsleute in gepanzerten Jeeps. Wo würde der Hubschrauber landen können? Cy Twombly ließ den Mann nicht in sein Haus. De Roscio schreibt: Twombly „empfing ihn auf einem Vorplatz, wo er einen großen Tisch vorbereitet hatte, mit weißer Leinentischdecke und allerlei Klimbim wie mehreren hundert Stück unechten ramponierten Tafelsilbers, das er aus der Küche eines in Konkurs gegangenen Hotels erstanden hatte. Das alles war rings um eine riesige, mit einem Berg Kirschen gefüllte Silberschale (aus demselben Hotel) arrangiert. Als der Scheich eintraf, nahm er Besitz von der himmlischen Inszenierung unter dem ausladenden Maulbeerbaum, als sei es der Tearoom des Hotel Ritz in Paris.“

Dass del Roscio diese Geschichte erzählt, muss man wohl auch lesen als eine Warnung. Twombly wird seine Räume den Fotografen so gezeigt haben, wie er wollte, dass sie sie sahen. Auch sie sind „perfekt durchkomponierte Inszenierungen“. Dem Journalisten Niklas Maak wurde Eintritt gewährt. Er schrieb über seinen Besuch bei Twombly einen sehr lesenswerten Artikel: „Sein Haus ist wie ein Kunstwerk von ihm“. Das ist exakt der Eindruck, um den es Twombly ging.

Es sind Zweifel angebracht, dass ausgerechnet die Kunst Twomblys aus Kunst hervorgegangen ist. Siebzig Millionen Dollar hat 2015 jemand bezahlt für ein Bild von 1968, bei dem Twombly sich sehr angestrengt hatte, es aussehen zu lassen wie eine von Kinderhand mit Kreidekringeln vollgemalte Tafel. Twombly machte aus am Strand aufgelesenen Hölzern und ein wenig weißer Farbe hinreißende Skulpturen. Wozu brauchte er die antiken Büsten? Sie signalisierten eine schwule Ästhetik, und sie waren Witzfiguren. Ikonen einer abgelegten Religion. Mit jedem seiner Bilder feierte er den Sieg über sie. Je antiker das Thema war, umso deutlicher wurde, dass er die Alten besser verstand, als sie sich selbst verstanden hatten.

Niklas Maak erzählt, bei einer Ausstellungseröffnung in München sei Twombly nicht erschienen. Später wurde kolportiert, er habe sich unerkannt unter die Besucher gemischt. Vielleicht ist das aber nur eine von Schirmer erfundene Anekdote.

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