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Gerhard Richter: Atlas, Tafel 468, Übermalungen, 1998.
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Gerhard Richter: Atlas, Tafel 468, Übermalungen, 1998.

Gerhard Richter „Atlas“

Der Atlas seiner Welt

  • VonIngeborg Ruthe
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Im Berliner Max-Liebermann-Haus am Pariser Platz ist Gerhard Richters schier unerschöpfliches Ideen-Archiv ausgebreitet.

In der griechischen Mythologie ist Atlas ein Titan, der das Himmelsgewölbe am westlichsten Punkt der damals bekannten Welt stützte. Seit Entdeckung der Welt vermessen Kartographen die Erde in Atlanten. Auch Gerhard Richter, 89, Deutschlands berühmtester und erfolgreichster lebender Maler, der teuerste seiner Zunft in der Welt, nennt den Fundus seiner Bilder „Atlas“. Er bedient sich somit der Metapher, die sozusagen das Gewölbe seines Lebenswerkes stützt. Diese gigantische, in Tableaus geordnete Materialsammlung aus winzigen Fotos, Collagen und Skizzen ist sozusagen die Grundlage seiner Arbeit Mitte der 60er Jahre nach der Flucht aus Dresden in den Westen. Jetzt ist diese Übersicht, die ein gleichsam monumentales eigenständiges Kunstwerk darstellt, im Berliner Max-Liebermann-Haus, Stiftung Brandenburger Tor, zu sehen. Eine Europapremiere, die der Corona-Lockdown immer wieder verschoben hatte.

Richter ist sogar anwesend, gleich eingangs, als Fototapete. Der Filmemacher Henning Lohner hat den Maler verewigt, wie er an der Wand seines Kölner Ateliers schwungvoll zeichnet. Das war 1990. Und ein extra Raum mit Filmen von Lohner und Van Carlson gibt intime Einblicke in die Arbeit Richters. In einem langen Interview spricht er über seine Bildwelten – und natürlich über den „Atlas.“

Richter hatte all diese Vorlagen seiner seit Jahrzehnten immer begehrteren Gemälde zunächst in Schubladen, Mappen und Kartons aufgehoben. 1969 begann er, diesen Zettelberg zu kategorisieren und auf Karton aufzukleben. 1972 stellt er den Fonds seiner Arbeit erstmals in hölzernen Rahmen aus, allesamt einem rechtwinkligen Prinzip folgend. Der Atlas wuchs und wuchs seitdem, und 1996 kaufte die Städtische Galerie im Lenbachhaus München dieses inzwischen Millionen Euro werte Work-in- Progress-Inventar an.

Es ist reizvoll, diese Inspirationsquelle des Malers, die zugleich sein Leit- und Ordnungssystem darstellt, abzugleichen mit den bekannten Gemälden. Einige der Collagen lassen sogar an jene vier Birkenau-Tafeln denken, die Richter kürzlich im Rahmen seiner Stiftung der Nationalgalerie für das künftige Museum der Moderne am Berliner Kulturforum überließ, zusammen mit 96 weiteren Arbeiten. Winzige, vergilbte alte Fotos, abfotografiert aus Zeitungen und Magazinen, erinnern an Gemälde „zu deutschen Themen“, wie er es nennt, zu Holocaust und NS-Vergangenheit. Und an die Geschehnisse um die RAF-Terrorgruppe um Baader-Meinhof und damit an ein Schlüsselwerk des Malers.

Wir stehen vor Landschafts-Miniaturen, fotografiert und mit Gouache oder Aquarell gemalt, eine Art Skizzen, die von den Jahreszeiten erzählen, von Gebirgen und Meeren, von Gärten mit blühenden und verwelkenden Blumen, Stillleben, lesbar wie Versuchsanordnungen des ewigen Werdens und Vergehens. Da sind die winzigen Entwürfe von Richters Reichstags-Installation zu sehen. Und dort die verunklarten Porträts seiner Töchter Betty und Ella, als sie noch kleine Kinder waren. Unter das Leitsystem seines Lebenswerkes mischt Richter auch ganz privat Fotos seiner Familie: Ehefrau Nr. drei, Sabine Moritz, eine Malerin aus Jena, die beiden Kinder; der kleine Sohn wird gerade gestillt.

Andere Fotos entstammen den Printmedien seit 50 Jahren, fremde Familienfotos, als namenlose deutsche Geschichte. Dann dramatische Wolkenmotive, wie ausgeborgt bei den Romantikern William Turner und Caspar David Friedrich. Ein paar Schritte weiter weg sieht man die Richter’schen Kirchenfenster des Kölner Doms. Oder Kampfflugzeuge der Bundeswehr, schmelzende Eismeergletscher, Bundesbürger im Italien- und Mallorca-Urlaub.

Richter sammelte für sein Bildgedächtnis der zweiten Hälfe des 20. Jahrhunderts sogar Fotos aus Porno-Zeitschriften. Ebenso aus Garten- und Reise-Magazinen, offensichtlich auch aus naturwissenschaftlichen Zeitschriften wie „GEO“. Über solche Übermalungen sagt er: „Ich traute mich damals nicht, sie wie richtige Werke auszustellen.“

Sammeln, ablegen, ordnen, später vielleicht malen? – Das ist das Arbeitsprinzip Richters. Er habe so viel mehr fotografiert in all den Jahren, „so dass ich gar nicht mehr daran denken konnte, es zu malen“, sagt er im Interview. „Da war der ‚Atlas‘ auch eine Möglichkeit, die Fotos wie in einem Tagebuch zu sammeln, abzulegen, zu erledigen“.

Etliche der Motive hat er selbst in diesen winzigen Formaten übermalt, die Gestalt, den Gegenstand, die Form wie hinter Dunstschleiern versteckt oder die Farbe teils wieder herausgekratzt und -geschabt. Wie auf den großen und längst unbezahlbaren Tafeln, bei deren Anblick man in den Tiefen der malträtierten Farbschichten nicht preisgegebene Geheimnisse vermutet.

Max Liebermann-Haus, Stiftung Brandenburger Tor, Berlin: bis 8. August. Besuch derzeit mit Zeitfensterticket/ Negativtest, www.eventbrite.de

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