Wolfgang Mattheuer

Ein dekonstruierender Romantiker

  • vonIngeborg Ruthe
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Die Kunsthalle Rostock zeigt das Lebenswerk des Leipziger Malers Wolfgang Mattheuer.

Auf diesem Bild, klassisch symmetrisch komponiert, mit Ölfarbe auf Hartfaser gemalt, lagern Debattenberge. „Die Ausgezeichnete“ von 1973/74 ist das meistdiskutierte Gemälde aus DDR-Zeit.

Der Maler gab ihr die Gesichtszüge seiner Mutter, einer Arbeiterfrau aus dem Vogtland. Aber Wolfgang Mattheuer verallgemeinerte die Gestalt und die Atmosphäre: Vor kahler, anonymer Wand, am die ganze Bildbreite einnehmenden Tisch, festlich bedeckt mit weißem Tuch, aber ohne Gläser, Tassen, Teller, sitzt die ergraute Frau, herb, still, mit niedergeschlagenen Augen, die Hände unterm Tisch. Sie hat eine altmodische Medaillon-Kette um den Hals, ein Erbstück vielleicht. Den Schmuck trägt die einfache Frau wohl nur zu besonderen Anlässen. Es muss Frühling sein, denn vor ihr liegt ein schlichter Strauß Tulpen. Die hat ihr jemand überreicht, wohl auch dazu eine Ansprache, eine Laudatio gehalten, über ihre ausgezeichnete Arbeit. Vielleicht ist es ja auch der letzte Tag im Betrieb – vor der Rente.

Aber da ist kein Pathos, auch keine Freude. Nur Stille, auch Einsamkeit. Und Würde, erhaben über die karge, ja, dürftige Situation. Es ist, als sei diese Frau ganz fern von dem, was gerade ablief. Als ginge sie das alles nichts an und würde sie gleich aufstehen, die fünf Blumenstängel nehmen und nach Hause gehen.

Dem Idealbild der erwünschten sozialistischen Arbeiterdarstellungen entsprach dieses Porträt nicht. Die Pro- und Kontra- Gespräche über das kaum optimistische Werk in den Ausstellungen damals belegen es. Und die Identifikationsquote, vornehmlich bei weiblichen Werktätigen, war enorm, anders als bei den Funktionären. Die Nationalgalerie Berlin erkannte das Bild als Meisterwerk, holte es in ihre Sammlung. Ab und an war es nach der deutschen Wiedervereinigung zu sehen. Die meiste Zeit aber stand es im Depot.

Jetzt, in der Rostocker Kunsthalle, stehen die Besucher still davor, ältere, sogar die jungen: Identifikation über Zeiten, über eine politische Ära hinweg. Der viel zu früh gestorbene, aus einer späten intensiven Schaffensphase gerissene Wolfgang Mattheuer hinterließ in seinen Arbeiten Botschaften und keine ideologischen Abziehbilder, wie das bis heute, 28 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer Künstlern aus der DDR unterstellt wird. Und gern, wenn sie aus der berühmten Alten Leipziger Schule kommen. Neunzig wäre der aus dem Vogtland stammende Bildermacher unlängst geworden; er hat es nur bis zum 77. geschafft.

90 Bilder und Plastiken breitet jetzt das Hanseatische Ausstellungshaus aus, ein markanter Querschnitt seines Oeuvres, von den ganz frühen Arbeiten, den Landschaften und Porträts bis zu den „Klassikern“, die man unter „Aktualität der Mythen“ – mit Rückgriff auf die biblische wie die griechische Mythologie – zusammenfassen könnte.

Ikarus stürzt vom Himmel auf die Erde. Er ist mit seinen gewachsten Flügeln der Sonne zu nahe gekommen. Das Wachs schmilzt. Eine Utopie scheitert. Sisyphos flieht von Berg und Stein, entnervt, erschöpft, enttäuscht. „Der Koloss“ fließt als roter Riese über die Stadt, als Umweltgefahr, als ideologischer Vereinnahmer. „Kain“, der gerade seinen Bruder Abel erdolcht hat, ist auch eine Metapher der deutschen Geschichte. Bruderkampf, Brudermord. Und „Hinter den sieben Bergen“ erscheint die Freiheitsgöttin, eine Anspielung auf den Prager Frühling. Und dessen brutales Scheitern.

Wolfgang Mattheuer war ein ernüchterter, ein dekonstruierender Romantiker. Seine ambivalenten Gleichnisse konnte man schon immer verstehen oder missverstehen. Letzteres als zeitlose Betrachtung ohne Kontext zu den gesellschaftlichen, politischen Verhältnissen. Oder aber, sie gerade nur darauf zu reduzieren. Dieser Maler machte seine Auseinandersetzung mit Fragen der Existenz, die Konflikte, Widersprüche, Enttäuschungen, die Risse, die Hybris zu Bildern. Klischees und Vorurteile zerrinnen. Was bitte, fragt sich in Rostock der Ausstellungsbesucher, egal wie alt und aus welcher Himmelsrichtung, hat in diesen Bildern mit Sozialistischem Realismus zu tun? Eher wurde selbiger hier doch gründlich umgekrempelt.

Subsumiert hat Mattheuer das alles im „Jahrhundertschritt“, gemalt und als Plastik, als zwiegespaltene Gestalt aus Stiefelbein, geballter Faust und zum Hitlergruß gerecktem Arm. Und Rostock zeigt auch das Spätwerk, sarkastisch, zornig erst, so um 1989, 1990. Mattheuer malte Gestalten, die wie eine Hammelherde losrennen, um ja als erste ein Zielband zu reißen. Hinter dem winkte damals die 100-DM-Begrüßung der Ossis im Westen. Ganz zuletzt entstanden auf der Staffelei metaphorische, jedoch versöhnliche Gartenbilder und Stillleben.

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