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Ein Denkmal zur Erinnerung an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama (etwas 1904-1907) im Zentrum der namibischen Hauptstadt Windhoek.

Postkolonialismus

500 Jahre Ausbeutung: „Europa muss Verantwortung übernehmen“

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Christian Kopp über „rassistischen Strukturen“ in deutschen Städten, sprichwörtliche Leichen in den Kellern unserer Museen und was nun auf dem Plan steht.

Herr Kopp, die Berliner Kulturverwaltung plant für den nächsten Doppelhaushalt ein Paket zum Thema Dekolonisierung. Ihr Verein Berlin Postkolonial ist eng daran beteiligt. Um was genau geht es? 
Zusammen mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa ist ein Fünfjahresprojekt geplant, von 2020 bis Ende 2024. Beteiligt sind die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, der Verein Each One Teach One und wir. Außerdem das Stadtmuseum, einige Bezirksmuseen und möglicherweise das Technikmuseum. Es soll drei Säulen geben: Erstens ein jährliches Festival zum Thema Postkolonialismus. Zweitens eine enge Zusammenarbeit von uns mit den Museen. Denn insbesondere das Stadtmuseum unter seinem Leiter Paul Spies will das eigene Haus dekolonisieren und sehen, welche Geschichten rund um das Thema es hier zu erzählen gibt. Und die dritte Säule ist eine Online-Kartierung von Orten in Berlin, in anderen deutschen Städten und in den ehemals deutschen Kolonien, die kolonialgeschichtlich relevant sind.

Ist über den Kolonialismus nicht alles hinlänglich bekannt? Es gab ja die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum vor drei Jahren. 
Ja, die gab es, aber die Stimmen der Kolonisierten und ihrer Nachfahren haben dabei leider wieder nicht im Zentrum gestanden. Sie hat das Thema sicher bekannter gemacht. Doch wenn wir Jugendliche heute bei unseren Führungen nach dem deutschen Kolonialismus fragen, hat die Hälfte von ihnen noch nie etwas davon gehört. Wie auch? In den Schulbüchern steht über den europäischen Kolonialismus nur wenig und über den deutschen Kolonialismus noch weniger. Und das hat sich in den letzten 30 Jahren nicht geändert. Es kann doch nicht sein, dass Berliner Schülerinnen und Schüler lernen, dass Frankreich, Portugal und England Sklavenhandel betrieben haben, aber nicht wissen, dass auch ihre eigene Stadt 30 Jahre lang daran beteiligt war. Der Geschichtsunterricht ist nach wie vor ein nationaler, bestenfalls ein eurozentrischer.

Die Zivilgesellschaft fordert die Aufarbeitung der Kolonialzeit

Also müsste auch die Bildungsverwaltung involviert werden. 
Das Projekt ist jetzt bei der Kulturverwaltung verankert, aber wir hoffen sehr, dass im Rahmen des stadtweiten Aufarbeitungskonzeptes auch die Bildungsverwaltung mit ins Boot kommen wird.

War das Ganze eine Initiative von Rot-Rot-Grün oder sind Sie als Verein auf die Politik zugegangen? 
Die Forderung nach der Aufarbeitung der Kolonialzeit kommt vor allem aus der Zivilgesellschaft. Hamburg war 2014 die erste Stadt, die sich Dekolonisierung als Aufgabe gestellt hat, wobei man dort anfänglich nur eine universitäre Forschungsstelle zu Hamburgs (post)kolonialem Erbe eingerichtet hat. Da hat man das Geld also fast komplett an die Uni geschoben, und für die, die sich für ein stadtweites Erinnerungskonzept eingesetzt haben, war dann nichts mehr übrig.

Straßen, benannt nach Kolonialverbrechern

Was meinen Sie mit „Konzept“? 
Dass man sich Gedanken machen muss, welchen Umgang mit den sichtbaren und unsichtbaren kolonialen, aber auch rassistischen Strukturen der Städte man findet. Das fängt bei der Umbenennung von Straßen an, die nach Kolonialverbrechern benannt sind.

Der Sänger, Schauspieler und US-Bürgerrechtler Robeson (M.) mit Louis Aragon (l.) bei einem Kommunisten-Kongress in Paris, 1949.

Manche sagen, dass es ein didaktischer Fehler wäre, solche Straßen umzubenennen und dadurch die Tatsache, dass einmal Kolonialverbrecher geehrt wurden, zu verschleiern. 
Uns wird oft vorgeworfen, dass wir Geschichte ausradieren wollten. Aber wir wollen vor allem die Perspektive wechseln und Opfer und Gegner des Kolonialismus ins Bewusstsein heben. Denn eine Straßenbenennung ist ja eine Ehrung. Wir wollen die Geschichte bewahren und zum Beispiel auf Infotafeln mehr davon erzählen als bisher. Vor zehn Jahren wusste niemand, dass der Nachtigalplatz in Wedding, der bald Manga-Bell-Platz heißen wird, nicht nach dem Vogel benannt wurde, sondern nach einem ehemaligen „Reichskommissar für Westafrika“. Und natürlich hat ein kamerunischer Widerstandskämpfer wie Rudolf Duala Manga Bell genauso viel mit der Kolonialzeit zu tun wie ein Gustav Nachtigal, womöglich mehr.

Sprichwörtliche Leichen in den Kellern deutscher Museen

Was meinen Sie mit „rassistischen Strukturen in Städten“? 
Da geht es natürlich um Teilhabe. Wie viele afrikanische oder schwarze Lehrkräfte gibt es etwa, wenn man nur einmal von den Universitäten spricht? Und wie sieht es in den Verwaltungen und Kultureinrichtungen aus? Oder schauen Sie in die Museen in Deutschland, die haben fast alle ihre anthropologischen Sammlungen und mit den Schädelsammlungen dann auch die sprichwörtlichen Leichen im Keller. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will diesbezüglich nur noch Provenienzforschung betreiben, kommt damit aber viel zu langsam voran. Und die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, die Virchow-Sammlung, lädt derweil noch immer Wissenschaftler aus aller Welt ein, mit den Schädeln zu arbeiten. Die kann man sich bis heute auf den Tisch legen lassen und vermessen. Aber auch die Rückgabe der Gebeine wäre natürlich – wenn auch wichtige – Symbolpolitik. Was im wesentlichen not tut, ist eine breite Debatte darüber, wie sich Deutschland, wie sich Europa gegenüber Afrika und dem globalen Süden positioniert. Sieht man sich als ein Europa, das schon immer geholfen hat? Oder als Europa, das sich schon immer bedient hat?

Was ist das größte Hindernis im Denken beim Thema Kolonialismus? 
Es fällt niemandem leicht, die Geschichte seiner Vorfahren, die ja auch seine eigene Geschichte ist, in Frage zu stellen. So wie man nicht gerne darüber spricht, dass man manchmal rassistische Sachen sagt, weil wir das verinnerlicht haben. Was nicht heißt, dass wir alle Rassisten sind, aber natürlich haben wir bestimmte Vorurteile im Kopf, die wir nur mit großer Mühe loswerden. Und so fällt es eben auch schwer anzuerkennen, dass wir fünfhundert Jahre Ausbeutung durch weiße Europäer hinter uns haben und Europa dafür Verantwortung übernehmen muss, und sei es zunächst auf symbolische Art, indem es seine Kolonialherrschaft zumindest als Unrechtsherrschaft anerkennt.

In Deutschland herrscht Müdigkeit in Sachen Verwantwortungsübernahme

Erinnerungskultur ist Deutschen ja nicht fremd. 
Ja, durch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gibt es in Deutschland so etwas wie eine offizielle, selbstkritische Erinnerungskultur. Andererseits herrscht in Deutschland natürlich auch eine Müdigkeit in Sachen historischer Verantwortungsübernahme: „Jetzt nicht auch noch die Kolonialzeit! Haben wir nicht schon genug, wofür wir immer wieder Entschuldigung sagen? Jetzt ist aber auch mal gut!“

Sehen Sie Unterschiede zwischen Ost und West in der geschichtlichen Vermittlung der Kolonialzeit?  
Kaum. Ich selbst komme aus Brandenburg und habe als studierter Historiker mit 35 Jahren erstmals und rein zufällig etwas über den deutschen Kolonialismus erfahren, weil ich damals nach Tansania gefahren bin. Ich dachte, das kann doch nicht sein, warum weiß ich davon nichts? Große Kriege mit 300 000 Toten, ein Unrechtsregime, in dem täglich ausgepeitscht wurde und Vergewaltigungen an der Tagesordnung waren … Der Osten hatte sich den Antikolonialismus zwar auf die Fahne geschrieben, und es gab ein paar Straßenbenennungen, etwa nach Paul Robeson, oder ein fragwürdiges Denkmal für Anton Wilhelm Amo, aber das war auch schon alles. Beide Systeme haben das zu wenig thematisiert.

Beispiel Namibia: Das fruchtbare Land gehört den Weißen

Welche kolonialen Strukturen erkennen Sie heute in der Politik? 
Außenpolitisch ist der Umgang mit afrikanischen Ländern in keiner Weise auf Augenhöhe. Wir verstehen uns immer als Gebende, die die Regeln diktieren dürfen. Und in Namibia ist der weitaus größte Teil des fruchtbaren Landes der Ovaherero und Nama bis heute in weißer Hand, zum Teil der von Namibia-Deutschen, obwohl diese nur etwa einen Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Christian Kopp, geb. 1968, ist Historiker, Ausstellungsmacher, Aktivist und gehört zum Vereinsvorstand von Berlin Postkolonial. 

Wird Enteignung diskutiert? 
Die namibische Regierung spricht vom Prinzip „Willing seller, willing buyer“, das heißt, wenn jemand verkaufen würde, übernähme sie es gern – aber Enteignung ist für sie bislang tabu. Allerdings scheint kaum jemand verkaufen zu wollen, sodass die von ihr versprochene Landreform kaum vorankommt. Hinzu kommt, dass der regierungsseitige Verkauf von Land ausschließlich den Wohlhabenden nutzt, während das Land der Herero und Nama, das sich die Weißen angeeignet haben, einst den ganzen Gemeinschaften zur Verfügung stand. Die Zäune kamen erst mit den Europäern. Es ist schon sehr bedrückend, wenn man 50 Kilometer an einem Zaun entlangfährt, der zu einem Eingang führt, an dem „Mecklenburg“ steht. Und dann fährt man durch überfüllte Hüttensiedlungen der Herero, denen nur wenige Weideflächen geblieben sind.

Zurück zur Aufklärung. Wer kommt zu Ihren Veranstaltungen? 
Postkolonialismus ist ein Thema der Jungen. Die Generation, die sich am meisten für unsere Veranstaltungen interessiert, sind die 18- bis 35-Jährigen. Bei den Jüngeren muss es über die Schulen gehen. Und bei den älteren, insbesondere weißen Männern über 50, ich muss das leider so sagen, ist es besonders schwierig. Die wissen immer schon alles und wenn sie dann womöglich schon einmal in Afrika waren, würden sie den Vortrag sowieso am liebsten selbst halten. 

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