1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Debatte zum Antisemitismus auf der documenta 15: „Wieder versuchen. Wieder scheitern“

Erstellt:

Von: Sandra Danicke

Kommentare

Nikita Dhawan in Kassel.
Nikita Dhawan in Kassel. © dpa

Viele Worte, wenig Dialog und eine krasse Position: Die Podiumsdiskussion zum Antisemitismus auf der Documenta.

Endlich, dachte man. Endlich wird auf der documenta fifteen mal über zentrale Fragen geredet. Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Interessen saßen auf dem Podium einer Diskussionsveranstaltung zum Thema Antisemitismus, die die Documenta gemeinsam mit der Bildungsstätte Anne Frank organisiert hat. Die Voraussetzungen waren gut.

Auch das Kuratorenkollektiv Ruangrupa war da – wenn auch nur im Publikum. „Wir sind hier, um zu lernen, um zuzuhören“, sagte eines der Mitglieder gleich zu Beginn der Veranstaltung und noch einmal: „Wir sind hier.“ Da hätte man natürlich gerne mal gefragt, wie es zu all dem kommen konnte, ob es wirklich bloß Schludrigkeit war, die in Kassel den Worst Case ausgelöst hat, aber niemand fragte. Vielleicht, weil sich ohnehin schon jeder sein eigenes Bild von der Situation gemacht hatte.

Documenta 15: Ein heftiger Vergleich

Doron Kiesel zum Beispiel. Der wissenschaftliche Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland verkündete, dass er einen Dialog in der Sache nicht für notwendig halte. Er zeigte sich überzeugt davon, dass die Tatsache, dass man seine Organisation nicht in die Konzeption der Documenta einbezogen hat, dass israelische Juden und Jüdinnen nicht zur Documenta eingeladen wurden, der Beleg einer Systematik sei. Juden seien bewusst ausgeschlossen und aus der Gesellschaft verdrängt worden. Genauso, so Kiesel, wie Juden in frühen NS-Filmen nicht etwa stigmatisiert worden, sondern einfach nicht vorgekommen seien.

Ein Vergleich, der es in seiner Tragweite dermaßen in sich hat, dass man als Zuschauerin baff war, dass darauf niemand reagierte. Wie überhaupt kaum aufeinander reagiert, aber viel geredet wurde.

Nikita Dhawan, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden, die als Expertin für postkoloniale Studien geladen war, reihte Zitate deutscher Intellektueller wie Max Horkheimer, Kurt Tucholsky, Theodor Adorno, Franz Kafka, Hannah Arendt (um nur einige zu nennen) aneinander, dass einem beim Zuhören ganz schwindelig wurde. Was sie damit sagen wollte, blieb weitgehend offen.

Documenta 15: Etwas ist gründlich schief gelaufen

Der polnische Kunstkritiker, Kurator und Documenta-14-Leiter Adam Szymczyk äußerte sich gewohnt kryptisch, hatte aber immerhin die Information beizusteuern, dass bei seiner Documenta keiner – auch nicht der Zentralrat der Juden – verlangt habe, über die Künstlerauswahl mitentscheiden zu können.

Was – nebenbei bemerkt – ja auch eine unerhörte Forderung ist, die auch durch den Fakt, dass diesmal etwas gründlich schief gelaufen ist, nicht weniger abwegig wird. Wenn wir annehmen, dass wir indonesische Kuratorinnen und Kuratoren politisch beaufsichtigen müssen, sollten wir sie gar nicht erst beauftragen.

Die künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes Hortensia Völckers wies auch das im Vorfeld (unter anderem von Kulturstaatsministerin Claudia Roth) geäußerte Ansinnen, der Bund müsse eine Kontrollfunktion ausüben, weit von sich: „Die Autonomie der Kulturinstitute darf nicht in Gefahr geraten.“

Dialogfähig und versöhnlich zeigte sich vor allem Meron Mendel, der die Veranstaltung als Direktor der Bildungsstätte Anne Frank mitorganisiert hatte. Auf die Frage, ob man die Grenzen der Kunstfreiheit neu verhandeln müsse, antwortete Mendel mit einem deutlichen Nein. Die gesetzlichen Instrumente gäbe es bereits: „Wir haben hier einen Unfall, aus dem kann man lernen.“ Das Fehlen israelischer Positionen auf der Documenta habe zwar auch bei ihm „ein unangenehmes Bauchgefühl“ ausgelöst, andererseits gäbe es auch genug Israelis, die die Besatzungspolitik kritisch sähen.

Doron Kiesel wiederum teilte lieber aus: Postkoloniale Diskurse endeten fast immer mit der Verurteilung des israelischen Staates, da es sich offenbar angenehmer mit dem Gefühl lebe, die Israelis hätten auch „Dreck am Stecken“. Konstruktive Kritik klingt anders.

Die Inder und Israel

Nikita Dhawan fühlte sich von dieser Pauschalverurteilung „nicht angesprochen“. Ihr gutes Recht, wenngleich die Begründung einigermaßen abstrus ausfiel: Sie sei schließlich Inderin und Indien sei der größte Handelspartner Israels, weshalb die Inder mehrheitlich mit den Israelis sympathisierten.

Wieder was gelernt.

Zum Schluss fand Dhawan dann aber doch noch ein sehr passendes Prominentenzitat für den Abend. Es stammt von Samuel Beckett: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Tatsächlich gibt es in Kassel noch einiges zu besprechen. (Sandra Danicke)

Auch interessant

Kommentare