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Angela-Hampel-Werke in der Schau „Utopie und Untergang“: „Medea“, „Schlange“, „Ein andalusischer Hund“, „Judith“ (v.l.n.r.).  

DDR-Kunst

DDR-Kunst: Daumen runter, Daumen hoch

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Noch nie gab es in Deutschland so viele Ausstellungen mit Kunst aus der DDR-Zeit wie im zu Ende gehenden Jahrzehnt. Heißt das endlich Normalität und auch Anerkennung?

Von „einer neuen Lust an der Kunst aus der DDR“ redet man in Kulturkreisen von Frankfurt am Main bis Rostock, von Dresden über Leipzig bis Düsseldorf. Tatsächlich wurde in großen Museen, vor allem im Westen, wo seit der Wiedervereinigung 1990 die Kunst aus dem verblichenen Land ab und an auftreten durfte, in den letzten Jahren des zurückliegenden Jahrzehnts so viel Ostkunst ausgestellt wie nie zuvor.

Mehrmals, in den 90er und in den 2000er Jahren, hatte man schon gehofft, wir wären endlich drüber hinweg, über das Messerwetzen, das Schmähen, die Abwertung des Figürlichen und Gegenständlichen, über die Arschloch-Rufe, über das Schimpfwort „Staatskunst“. Über Kunst aus DDR-Zeit ließ sich freilich immer aufs Neue trefflich streiten. Das Potenzial schien unerschöpflich. Hysterien eliminierten Sympathien, Vorurteile die Neugier. 2003 zeigte die Neue Nationalgalerie im Mies-van-der-Rohe-Bau „Kunst in der DDR“, eine Auswahl dessen (mit Leihgaben aus West-Sammlungen), was „trotz alledem“ im vormundschaftlichen Staat entstanden war.

Die konservative Presse giftete, das sei eine „rote Wundertüte“, ergo eine postsozialistische Anmaßung, vor allem aus dem Grund, dass diese „Arbeiter-und-Bauern-Ästhetik“ nicht an den Wänden der deutschen Nationalgalerie hängen dürfe, auch seien manche Künstler mit dem DDR-Regime ideologisch verstrickt gewesen. Dabei ging es den Kuratoren um einen gültigen Rückblick auf 40 Jahre Kunst, in der sich Wahrheiten und Irrtümer am deutlichsten bei den großen Begabungen zeigten.

Dann, 2012, schien sich der Ost-West-Bildstreit zu kultivieren: Mit der Weimarer Großschau „Abschied von Ikarus“ gab es international wie national viel Interesse und fairere Betrachtungen als noch in den 2000er Jahren. Dies freilich mit leicht bitterem Beigeschmack, denn da waren so viele Ostkünstler darunter, die diesen Respekt nicht mehr erleben konnten, ganz nach dem Sprichwort: Anerkennung ist eine Pflanze, die meist auf Gräbern wächst. Der Kritiker-Daumen, der so oft runtergewiesen hatte, wenn es um Ostkunst ging, schnellte immer öfter hoch, als es auf den 30. Jahrestag des Mauerfalles zuging. Vor drei Jahren sahen Abertausende im Berlin Gropius-Bau die Bilder der „Gegenstimmen“ – dissidentische und sogar „ausgebürgerte“ Kunst der DDR. Viele staunten nicht schlecht, was sich Künstler alles getraut haben. Nur ewige Meckerköpfe outeten sich dahingehend, dass (nach Wilhelm Busch) der Neid die aufrichtigste Form der Anerkennung ist. 2019 folgte in Ost und West eine Schau auf die nächste. In der Lust am Malen und Formen hinterm Eisernen Vorhang könnte sich wahrlich ein entspannterer, auch klügerer Umgang mit dem Thema zeigen.

Zum Magneten werden Ausstellungen der Städtischen Galerie Dresden, wo ein Extrakt der letzten, der X. Zentralen DDR-Kunstausstellung zu sehen ist, und im Kunstpalast Düsseldorf, wo sich das West-Publikum – zudem eine ganz neue Generation der Bildbetrachter – in der Schau „Utopie und Untergang“ informierte. Und Fragen stellte. Auch danach, wieso diese Kunst nach 1990 so abwertend separiert oder meist in die Depots verbannt wurde.

Der zeitliche Abstand lässt ohnehin nüchterner aufs Thema gucken, ohne persönlich oder emotional zu werden. Und die direkte Anschauung entwaffnet Klischees und Vorurteile, lässt sogar Entdeckungen zu. In der heutigen spätmodernen Kunst gibt es die einstigen ideologischen Grabenkämpfe – Abstraktion wider Realismus – nicht mehr. Die aktuelle Kunstproduktion, national wie international, macht dieses Kalte-Kriegs-Diktat nahezu lächerlich.

Nicht schlecht wird auch gestaunt, wie vielfältig, stilistisch reich und divers, wie tiefsinnig, zeitkritisch und handwerklich meisterlich die Kunst der DDR-Zeit ist. Und deren Nachfolge. Nicht von ungefähr hat der Leipziger Neo Rauch, der stets mit Arbeitshandschuhen malt, um nicht in die akademische Feinmalerei zurückzuverfallen, seit 25 Jahren solchen Welterfolg. Aus Düsseldorf ist zu hören, es sei Zeit für eine Revision, anders auf Motive und Inhalte zu blicken. Die Kunst des Ostens endlich einzugliedern in die gesamtdeutsche Kunst. Und dafür braucht es nun wirklich keinen „Sondersoli“.

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