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David Hockney: Seine Freunde, die Bäume

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Von: Ingeborg Ruthe

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David Hockney, „Three Trees near Thixendale, Spring“.
David Hockney, „Three Trees near Thixendale, Spring“. © David Hockney/Richard Schmidt

Ein Geschenk für alle, die nie an den Tod der Malerei glaubten: David Hockneys Ode an die Bäume im Dialog mit den Alten Meistern der Berliner Gemäldegalerie.

Fast glaubt man, tief hineingehen zu können in diese Panoramen: zehn Minuten Frühling, eine Viertelstunde Sommer. Das Gleiche noch mal für den Herbst und den Winter.

Englisch-Karmesinrot gestrichen sind die Wände hinter diesen vier Überwältigungslandschaften. Eine historische, warme, auch feierliche Farbe, wie man sie oft in Gemälden Alter Meister findet. Doch jede der vier monumentalen Leinwände konkurriert noch viel leuchtkräftiger mit dem Hintergrund: Da erstrahlen Königs- und Kobaltblau, Türkis, Terre Verde (Grüne Erde), Old-Holland-Grün bis Nepalgelb, Zitronengelb, Krapplack, Umbra und Ziegelrot, Violett und Rosé.

David Hockneys saisonale Tafeln garantieren Verlässlichkeit. In diesen von Pandemie, Krisen und Krieg gebeutelten Zeiten, in denen sich alle Gewissheiten aufzulösen scheinen, ist wenigstens noch auf die Jahreszeiten Verlass. Man könne alles ersatzlos ausfallen lassen und streichen, meint der englische Maler mit very britischem Humor. Aber: „Spring cannot be cancelled.“ Das sagt Englands beseeltester, von der Queen zum Sir geadelter Landschaftsmaler. Nach Turner, versteht sich.

Sein monumentaler Zyklus „Three Trees near Thixendale“ in der Wandelhalle der Berliner Gemäldegalerie – eine Leihgabe der Sammlung Würth Schwäbisch Hall – verbildlicht geradezu auratisch den ewigen Wechsel der Natur aus immergleicher Richtung. Der Blick richtet sich auf drei kräftige Laubbäume, deren Gattung sich nicht zuordnen lässt. Es heißt, typisch für die Grafschaft Yorkshire seien Weißdornbäume und Bergahorn. Das Trio, links und rechts mit noch winziger Nachkommenschaft, steht allein auf weiter Flur, gesehen von der Straße aus: vorne Acker, hinten Wald, rechts ein sanfter Hügel.

Als Bezugsbild zu Hockneys Jahreszeiten: Rembrandts: „Landschaft mit Bogenbrücke“, Öl auf Holz, um 1638. Unlängst erst schrieb die Rembrandt-Forschung das Werk dem Niederländer zu.

In den Jahren 2007/08 wandte sich der einstige Sonnyboy und schwule Popstar der anglo-amerikanischen Kunstszene der herben Landschaft seiner alten Heimat Yorkshire zu, in die er aus Kalifornien zurückgekehrt war. Nach wie vor einer der einflussreichsten und teuersten Maler der Gegenwart, lebt der 1937 in Bradford geborene Hockney seit den Neunzigern nahe Bridlington. Und seither ließ er die menschliche Figur aus seiner Malerei verschwinden. Die Rolle der Krone der Schöpfung übernahmen die Bäume. Wortlose Stellvertreter für das ewige Werden und Vergehen.

Er malt seither die Bäume an Landstraßen, die eher nur Wege sind. Bis heute geht er dafür mit Skizzenblock und – wie einst die Impressionisten – mit Staffelei ins Freie. So gelingt es ihm, den gewohnten Anblick in etwas ganz Besonderes zu verwandeln, in etwas beinahe Ikonisches. Diese Landschaft, bekundete der Maler anlässlich des Ankaufs von „Three Trees near Thixendale“ durch die Sammlung Würth vor Jahren, sei auf ihre Weise einmalig. „Im frühen neunzehnten Jahrhundert war alles kahl. Nur Schafe gab es, und nicht sehr viele Bäume. Die meisten Bäume sind etwa vor zweihundert Jahren gepflanzt worden, als Windschutz. Ich habe herausgefunden, dass einer der beteiligten Landschaftsplaner in Italien war. Er verstand die Natur des Pittoresken. Das heißt: Die Bäume waren gedacht dafür, dass man an ihnen Gefallen finde, indem man sie betrachtet. Zum Beispiel habe ich eine Straße gefunden, an der die Bäume so gepflanzt sind, dass man jeden für sich betrachten kann. Sie überschneiden sich nicht. Wenn man langsam fährt, ist es, als bewege man sich durch eine Ausstellung von Bäumen.“

Auch die Jahreszeiten-Motive Hockneys sind, wie so viele seiner Gemälde seit den 1960er-Jahren, ebenso experimentell wie verführerisch, lichtdurchdrungen, wie seine dynamisch spritzenden Swimmingpool-Bilder aus der Zeit in Los Angeles. Schon als junger Maler, ausgebildet am Londoner Royal College of Art, bewunderte er die Impressionisten, für deren Umgang mit Licht und der Praxis des Malens in der freien Natur. Er hat sie in sein Vokabular übersetzt, die sich zum Horizont schraubende, delirierende Perspektive Van Goghs, dieses silbrige Flirren in den Bildern seines Landsmannes, des frühen Pleinair-Malers John Constable.

Hockney hat sich ebenso inspirieren lassen vom einstigen „Wilden“ Matisse und dessen kühner, flächenhafter Farbgebung und den spannungsvollen Linien. Aus all diesen Impulsen erschafft er beharrlich ambivalente szenische Oden an die Sinnlichkeit, und damit illusionistische wie reale Räume und Mischformen aus beiden vermeintlichen Gegensätzen. Ähnlich wie bei Matisse passieren die Transformationen des Geschauten und Erlebten ohne Kalkül. Eher fast zufällig entsteht gelassene Schönheit – als Folge von angenehmer Zerstreuung und Kontemplation. Welch Kostbarkeit in unserer rastlosen Zeit.

David Hockney, „Three Trees near Thixendale, Winter.
David Hockney, „Three Trees near Thixendale, Winter. © David Hockney/Foto: Richard Schmidt

Hockney erfasst, wie seine großen alten Vorbilder der Kunstgeschichte, die Motive „vor der Natur“. Er hält atmosphärisch und stimmungsgeladen die im Frühling erst schüchterne, dann wie im Blührausch explodierende Farbigkeit fest. Dann das Sonnensatte, Ekstatische des Sommers, die schwermütige Reife, das Abschiednehmen des Herbstes und schließlich die stählernen Wintertöne, die entlaubten Äste. Den Wartezustand der Natur vor dem verlässlichen Wiederaufleben.

Dieser Maler „porträtiert“ die Bäume und Landschaften als Freunde, als Lebens-Gefährten – kraftvolle, vitale Organismen in wechselnden „Farbkostümen“ der Jahreszeiten. Der Anblick hat etwas vom Hohelied der Liebe. Er möge am meisten, bekennt er, „die stillen Bilder, weil sie im Gedächtnis bleiben“. Dabei weist der notorische Raucher für gewöhnlich auf sein Hörgerät. Seit er wegen seiner Ertaubung den Lärm der Stadt, Donnergrollen, Sturm kaum noch vernimmt, sich ihm auch die hohen und tiefen Töne in Gesprächen und in der Musik verwehren, beschreibt er seinen Alltag immer mehr als „eine Reise in die Stille“.

Manch musikalisches Naturell, das die Ausstellung am Kulturforum betritt und in diese Ostergabe an die Liebhaber der Malerei eintaucht, mag vor den Landschaften des ertaubenden Hockney vielleicht Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ im Ohr haben. Der Barockkomponist vereinte in seinem programmatischen Concerti ja virtuose Gestik mit rhythmischer Prägnanz, lyrischer Intensität, rustikaler Vitalität und dramatischer Attacke. Alles mit variantenreicher Orchestrierung. Und nicht zu vergessen die instrumentale Raffinesse bei der Imitation der Naturlaute. Haydn, der Wiener Klassiker, hingegen bevorzugte in seinem Jahreszeiten-Oratorium die melodische Darstellung des einfachen Landlebens, was Hockneys Farben und Formvokabular viel näher kommt. Und ein anderer erinnert sich womöglich an Melodien aus Mahlers „Lied der Erde“.

Bei Hockney ist der Baum Schlüsselmotiv für die Naturandacht. Deutlich wird auch sein obsessiver Kampf gegen das Diktat der Zentralperspektive. Zugleich dient die Natur als andauerndes Experiment der Umsetzung von Zeit in der Kunst. Gerade das stellt sich in der spannungsvoll aufgebauten Ausstellung heraus im Dialog mit Baum-Landschaften großer Meister aus Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin.

Noch ehe wir uns in Hockneys Jahreszeiten hineinziehen lassen, begegnen wir Gemälden von Rembrandt, im Blickpunkt dessen erst unlängst zugeschriebenen „Landschaft mit Bogenbrücke“ von 1638. Oder der Rohrfeder-Zeichnung „Ernte in der Provence“ van Goghs von 1888, ebenso Naturszenen mit Bäumen, Büschen, Flüssen von Ruysdael, Hobbema oder Gainsborough. Kontrastierend zum intensiven Rot hinter den riesigen Tafeln des Malers aus Yorkshire sind die viel kleineren Motive der Altvorderen auf feierlich ultramarienblaue Wände gehängt.

In Hockneys Oden an die immergleichen Bäume erleben seine Vorgänger eine Renaissance. Souverän und selbstverständlich bringt der Engländer mit seiner Beharrlichkeit, die Malerei als Augenweide und mit dem Ziel von Harmonie statt Ver- und Zerstörung zu betreiben, zum Ausdruck, dass Kunst aus Kunst kommt. Ohne epigonal zu sein. Er beweist sich und der Welt auch, dass die Königsdisziplin Malerei niemals tot sein wird, wie es seit den ideologischen Kämpfen der Ismen des 20. Jahrhundert immer wieder verkündet wird. „Das Auge ist die Pforte zum Bewusstsein“, meint Hockney. Er sieht die Welt – den Vorgang des Sehens – im Wesentlichen schön. Trotz all des Hässlichen.

Gemäldegalerie Berlin: bis 10. Juli. www.smb.museum

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