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Hanne Dauman (l.) und ihre Schwester Sonia Kam überlebten in verschiedenen Verstecken in Brüssel. Foto: Steve McCurry
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Hanne Dauman (l.) und ihre Schwester Sonia Kam überlebten in verschiedenen Verstecken in Brüssel.

Holocaust-Überlebende

Das Lonka-Projekt: Noch können wir sie fragen

  • vonIngeborg Ruthe
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Für das Lonka-Projekt porträtierten 300 Fotografen weltweit Überlebende des Holocaust: Eine das Leben feiernde Hommage im Berliner Willy-Brandt-Haus.

Noch sind die letzten Überlebenden des Holocaust unter uns. Sie waren unter der Nazidiktatur Kinder und Jugendliche – und 1945 Davongekommene, aus den Vernichtungslagern, in Verstecken, im Exil. Noch können sie uns Nachgeborenen über das Unfassbare, das Verdrängte, aber auch ihre wiedergefundene Lebensfreude erzählen. Und noch können wir sie fragen.

Wenn sie nicht mehr da sind, das wurde am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens, wieder deutlich, wird ihre Stimme fehlen, ihre Authentizität. Und ihre mahnende Autorität. Der Zivilisationsbruch der Nazis, die nie zu tilgenden Verbrechen, rücken in die Ferne – als Shoah-Geschichten in Dokumentationen, Fotos, Filmen, Literatur. Wer sind diese Menschen, wie gehen sie mit ihrer Vergangenheit um? Wie konnten sie nach dem, was man ihnen angetan hat, ihr Leben weiterführen?

Eine wegen Corona vorerst nur online sichtbare Wanderausstellung des Freundeskreises Willy-Brandt-Haus Berlin gibt Aufschluss. Das Lonka-Projekt porträtiert die letzten Überlebenden des Holocaust. 300 namhafte Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt, wie Gilles Peress, Douglas Kirkland, Steve McCurry, José Giribás, Kristian Schuller, Marissa Roth oder Maurice Weiss (von Ostkreuz Berlin) sind beteiligt.

Initiiert wurde das Projekt in Jerusalem von der 1956 geborenen Fotografin Rina Castelnuovo und deren Mann Jim Hollander als Hommage an Rinas Mutter Lonka – Eleonora Nass (1926-2018). Sie hatte als junges Mädchen fünf Konzentrationslager der Nazis überstanden. Ihren Überlebenswillen und die Botschaft, dass das Leben ein Geschenk ist, trägt das Fotoprojekt nun weiter, „als Vermächtnis von Zeitzeugen, von denen es immer weniger gibt, und das Erinnern so immer schwieriger wird“, wie ihre Tochter sagt.

Die Porträts erzählen Geschichten. Wie die vom zweifachen olympischen Rennläufer, später Professor Shaul Ladany, 1936 in Belgrad, Jugoslawien, geboren. Als Achtjähriger überlebte Shaul das Konzentrationslager Bergen-Belsen und dann 1972 als israelischer Olympiateilnehmer den Anschlag von München.

Wir blicken in das Gesicht von Peggy Parnass, 1927 in Hamburg geboren. 1939 kam sie mit einem Kindertransport nach Schweden, ihre Eltern wurden in Treblinka ermordet. Parnass, heute 93, mit brandrot gefärbtem Haar, ist eine preisgekrönte Hamburger Autorin und Filmemacherin. Sie schrieb Hunderte Artikel über die Massenmorde der Nazis, die RAF-Prozesse, sie gilt heute außerdem als Ikone der Schwulenbewegung.

Mordechai Perlov wurde 2019 von Roger Ballen porträtiert, da war er 92 und lebte in Johannesburg, Südafrika. Sein Schicksal wurde von Hitlers Krieg ebenso wie vom Stalinismus bestimmt. Die Rote Armee deportierte litauische Juden 1941 aus dem Shtetl von Rasein in einen Gulag zur Zwangsarbeit. „Wir Litauer galten im Krieg als Feinde der Sowjetunion und wurden als Gefangene zum Baumfällen in Arbeitslager verschleppt, 5000 Juden aus Rasein“, erzählte der alte Mann dem Fotografen.

Er hat seine Eltern verhungern sehen müssen, doch dann entkam er „der Hölle“, wie er sagte, „auf wundersame Weise“. Er war damals 15 Jahre alt. Kürzlich ist Perlov ohne Bitterkeit gestorben.

Steve McCurry porträtierte die Schwestern Sonia Kam und Hanne Dauman, in Deutschland geboren. Sie lebten mit den Eltern in Brüssel. Eines Tages hing ein Schild an der Tür: „Zutritt verboten, Eigentum der Gestapo.“ Sonia und ihre Schwester mussten nun den gelben Stern tragen. Einige Monate lang lebten sie mit den Eltern in einem Versteck. Eines Tages kam der Vater nicht zurück von der Arbeit. Später erfuhren sie, dass er in Auschwitz ermordet wurde. Die Familie wurde getrennt, Sonia in ein Kloster und ihre Schwester in ein anderes Versteck gebracht. Nachdem die US-Armee Brüssel befreit hatte, trafen die Mädchen ihre Mutter wieder. 1949 emigrierten sie in die USA.

Die Porträtreihe erzählt auch die Lebensgeschichte von Yisrael Meir Lau. 1945 wurde der Achtjährige bei der Befreiung des KZ Buchenwald durch die US-Army fotografiert. Später wählte man ihn zum Oberrabbiner von Israel sowie Chief Rabbi von Tel Aviv. Außerdem war der tolerante Rabbiner viele Jahre Vorsitzender der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sein Wahlspruch ist, dass es für den, der in der Hölle war, zum Guten keine Alternative gibt, man aber aus dem Schlimmen lernt. 76 Jahre nach dem Ende seiner „Hölle“ auf dem Ettersberg bei Weimar feiert Rabbi Lau in Israel den Passah-Seder trotz Corona, aber mit Abstand und ohne seine vielen Familienmitglieder. So etwas hat der 83-Jährige noch nie erlebt. Doch das muss zum Schutz von Gesundheit und Leben im Jahr 2021 eben sein.

Willy-Brandt-Haus, Berlin: Virtuelle Ausstellung und Online-Führungen auf www.fkwbh.de.

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