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Daniel Spoerri, hinten sein „Tableau piege“.

Objektkunst

Daniel Spoerri wird 90: Nur Telefonparty

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Der Objektkünstler Daniel Spoerri, der den Kunstmarkt seit Jahrzehnten fröhlich verstört und überrascht, feiert seinen 90. Geburtstag.

Auch das zählt zu den Zumutungen dieser Tage: Da wird ein weltberühmter Künstler 90, aber er kann nicht mit Familie, Freunden und Gefährten feiern. Auch in seiner Wahlheimat Österreich, er lebt nahe Krems, gilt strenge Kontaktsperre; ein 90-Jähriger braucht gar besonderen Schutz vor Ansteckung. Und so wird dieser Geburtstag am heutigen Freitag wohl eine Telefon-Party.

Daniel Spoerri ist einer der international bedeutendsten Vertreter der Objektkunst. Als er die Eat Art erfand, war das zunächst befremdlich. Kunst, die Essen zelebriert, das war ungewohnt im zunächst bedürftigen Nachkriegs-Europa und hatte auch später, in den Zeiten des Wirtschaftsbooms im Westen mit der konsumkritischen Pop Art, die damals aus Übersee ins Kunstgeschehen kam, kaum etwas zu tun.

Spoerri machte Speisen, Obst, Gemüse, Kuchenteig und Marzipan zu einer Art Reliquien. Das soll besagen, wie kostbar, ja heilig unser täglich Brot und all die köstlichen Zutaten sind. Keine Selbstverständlichkeiten vor allem, denn alles muss erst wachsen und reifen.

1968 eröffnete Spoerri in Düsseldorf ein eigenes Eat-Art-Restaurant, in dem Kunstwerke bewusst für den Verzehr geschaffen wurden. Geschmackssinn und das Hinterfragen von Herkunft des Essens sowie Essgewohnheiten, auch Traditionen, bestimmten die Speisekarte.

Zum Essen hat Spoerri eben ein ganz besonderes Verhältnis. Er hat Nahrung als Kind in Notzeiten zu schätzen gelernt: Eigentlich heißt er Daniel Isaac Feinstein, geboren in Galati, Rumänien. Sein Vater ein ökumenischer Missionar mit jüdischen Wurzeln, wurde von den Nazis in einem Vernichtungslager umgebracht, die Mutter floh 1942 mit den Kindern in die Schweiz. In Zürich adoptierte ihn sein Onkel, dessen Namen Spoerri er bekam.

Zunächst war er Tänzer, studierte in Paris, traf dort Avantgardisten wie Marcel Duchamp und Man Ray. Später, in seiner Zeit am Berner Stadttheater, befreundet er sich mit Künstlern wie Dieter Roth und Meret Oppenheim. Wie viele Künstler seiner Generation plädiert Spoerri für eine Übereinstimmung von Kunst und Leben und war der Fluxus-Bewegung nahe. Er arbeitet als Dichter, Bühnenbildner, Regisseur, Verleger, Objektkünstler, Filmemacher und er lehrte, so an der Kölner Fachhochschule für Kunst und Design und in den Achtzigern war er ein bei den Studenten beliebter Professor an der Kunstakademie in München.

Spoerri befasst sich geradezu passioniert mit Dingen des Alltags, seien es Suppenteller, Salzstreuer oder eine banale Knoblauchpresse. Und er macht das derart originell, dass ihn das New Yorker MoMA sozusagen in den Olymp der Künste hob. Für ihn sind seine Objekte „Topographien des Zufalls“. Er wolle, sagt er, „Momentaufnahmen des Alltags einfrieren.“

Freunde, die ihn in Österreich besuchten, erzählen, sein Atelier gleiche einem Trödelladen. Er kann alles gebrauchen, was anderen Leuten unnütz erscheint. Dinge, die in zufälligen Situationen gefunden werden, fixiert er in genau der Situation, in der er sie findet. Dazu sagt er: „Fallenbilder“ und vor knapp vier Jahren begann er eine ganze Serie der Flohmarkttische.

Schon 1960 überraschte – und verstörte – er fröhlich den Kunstmarkt, so mit „Petit déjeuner de Kichka“. Er verewigte auf einem Schneidbrett auf dem Stuhlsitz die Reste eines Frühstücks mit seiner Freundin. Wenige Jahre später redete ganz Köln von „Hahns Abendmahl“. Das kreierte er 1964 im Wallraf-Richartz-Museums. Alle Gäste mussten ihr eigenes Geschirr mitbringen , für die Speisen sorgte er. Nach dem Essen klebte Spoerri das Geschirr samt Essensresten, Aschenbechern und Weinflaschen auf der Tischplatte fest, wie zu einem Abendmahl-Gemälde. Heute gehört das witzige chaotische Tableau dem Museum der Stiftung Ludwig in Wien.

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