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Dada-Prozession im Winter 2016.
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Dada-Prozession im Winter 2016.

Kunst

Dadamania in der Schweiz

  • VonIngeborg Ruthe
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In Zürich ist gerade alles irgendwie Dada. 100 Jahre ist die Anarcho-Nonsens-Kunstbewegung mittlerweile alt. Derzeit okkupiert sie Zürich.

Zwingli würde sich die Augen reiben. Oder aber der Mentor der Calvinisten wäre sogar dabei, wenn selbst vor und im Züricher Großmünster der dadaistische Bildersturm wider die konservative Kunst und das kapitalistische Establishment sein karnevaleskes Mütchen kühlt und eine komische Prozession anzettelt. Und das gnadenlos schon in der Früh, samstags, gleich nach dem allmorgendlichen „Offizium“ (Stundengebet), 6.30 Uhr in der Spiegelgasse Nr. 1, im legendären Cabaret Voltaire.

Genau hier wurde im Februar 1916 die anarchische Kunstbewegung Dadaismus geboren. Später bespielten die „Irren“, wie Zürichs erst erschrockene, dann höchst erzürnte Patrizier und Salon-Eliten die Künstler nannten, die vornehmere Dada-Galerie in der Bahnhofstraße. Dada wurde hernach im Juni und endgültig am 14. Juli 1916 in alle Welt ausgerufen durch das im Zunfthaus zur Waag vom Dichter und Dada-Priester (mit Ministranten-Erfahrung) Hugo Ball, assistiert von Emmy Hennings, getextete und im kubistisch-magischen Bischofs-Ornat wortgewaltig-ironisch vorgetragene Manifest.

Selbiges bezog sich auf die Welt und die Gesellschaft um 1916: das Leben völlig verstrickt und gekettet. Wirtschaftsfatalismus herrschte bei gleichzeitiger Technik-Euphorie, wies einem jeden eine Funktion zu. Dada wandte sich mit ungewöhnlichen Mitteln, mit absurden Lautgedichten, Trommeln, Pfeifen, wilden Ausdruckstänzen, schrillem Jazz, Tingeltangel, abstrusen Verkleidungen und kühnen Bild-Montagen gegen den inhumanen Zeitgeist mitten im Ersten Weltkrieg – Zerlegen, zerschneiden, neu zusammenfügen. Mit nassforschem, ebenso kreativ-poetischem Nonsens, wo der politische Hintergrund hinter dem Klamauk verschwand, antwortete Dada auf die Sinnlosigkeiten von Gewalt, aggressivem Nationalismus, Krieg und Völkermord.

Im Cabaret Voltaire also gedenkt dessen heutiger Direktor Adrian Notz an jedem Morgen konsequent bis zum 18. Juli vor mehr oder weniger Publikum jeweils eines der 165 auf einer langen Liste aufgeführten Dadaisten weltweit. Dabei schlüpft der junge Mann jeweils in deren Rolle, mal ist er Hugo Ball oder Tristan Tzara, mal Hans Arp oder Max Ernst, mal Raoul Hausmann oder Marcel Duchamp. Und immer hat sein Auftritt auch etwas von Chaplin oder Buster Keaton.

Aber keineswegs sind diese und andere herrlich groteske Zeremonien bloß traditionelle Verehrung. Sie sind zugleich auch Verteidigung: gegen den drohenden Verkauf des berühmten Etablissements mit Voltaire-Büste, Piano, alten Schulmensa-Möbeln, umwerfend nostalgischer Bar und bezaubernden alten Fotos, Dada-Montagen und -Collagen an den Wänden.

Die Besitzer der Kult-Adresse, die Versicherung Swiss Life, taxiert seit langem den Marktwert der legendären Immobilie. Millionen Franken tanzen den Managern vor Augen, sie wollten schon vor Jahren beinahe eine (Kult-)Apotheke daraus machen. In ihrer Not haben die kreativen Dada-Urenkel, die das Haus nur mit Zuschüssen der Stadt und von Sponsoren für Theater, Musik, Lesungen, Ausstellungen, Podien halten können, den Ort des Genius loci jetzt, im Gedenkjahr zum 100-jährigen Bestehen, zur historischen Skulptur erklärt. Ende ungewiss.

In Zürich ist derzeit alles irgendwie Dada. Jedes Ausstellungshaus und Museum, jede Bühne, jeder Club, jeder Laden, jedes Restaurant (mit Dada-Menü) lockt damit. Es gibt Devotionalien zuhauf: Dada-Schokolade, Dada-Kekse, Dada-Socken, -Taschen, -Mützen, sogar Dada-Seife. Dem Züricher Seifenfabrikanten Bergmann & Co, dessen Signet seinerzeit ein Steckenpferd namens Dada war, bewarb so sein Kopfhaarwasser und die „beste Lilienmilchseife der Welt“. Der herrliche heutige Irrsinn an den Orten des dadaistischen Geschehens, die slapstick-haften Andachten, die fröhlichen Altstadt-Touren links und rechts aller Windungen des malerischen Limmat-Flusses werden fast zur Zeitreise. 100 Jahre zurück.

Da gelangt man etwa auch ins historische Dada-Hotel Limmatblick, wo die Zimmer noch echte Bilder, Fotos, Skulpturen und Namensschilder der Protagonisten von 1916, etwa von dem Maler des berühmten, aber zerstörten Dada-Gemäldes aus dem Cabaret Voltaire, Marcel Janco, aufweisen. Und man gelangt dabei bis in die jüngst zur Kulturmeile umgebaute Industriezone West, wo die arbeitslos gewordenen Schiffswerften, Maschinenbau- und Textilfabriken von damals zu imposanten Theatern, Galerien, Clubs umgewidmet wurden.

Zuvor aber, noch im Altstadt-Zentrum, kommt man auch vorbei an der Spiegelgasse Nr. 14. Dort saß 1916 der Kurzzeit-Migrant Lenin über seinen Oktoberrevolutionsschriften, als Hugo Ball die Weltrevolution des Dada ausrief. Behauptet wird, Lenin sei dabei gewesen. Jedenfalls wird er kurzerhand in die Bewegung kooptiert und in seinem einstigen Domizil gibt es Lenin-Büsten in allen Farben zu kaufen.

Farbig oder schwarzweiß sind auch die originalen künstlerischen Dada-Hinterlassenschaften, in einer so anspruchsvollen wie unterhaltsamen Schau ausgebreitet. Im Kunsthaus Zürich gibt es „Dadaglobe“, die nie erschienene Anthologie von Tristan Tzara, Rumäne und wesentlicher Kopf der Bewegung. Dieses Dada-Amalgam-Buch sollte das Opus Magnum von Dada werden, aber es scheiterte damals: kein Geld. 1921 hatte Tzara von 40 weiteren Dadaisten weltweit 160 Werke erfasst. Nun ist es, mit 100 Jahren Verspätung, erschienen, in einem Ausstellungssaal sozusagen begehbar gemacht und vergnüglich bis lehrreich zu „lesen“. Die künstlerische, auch die gesellschaftspolitische Schlagkraft ist zu erahnen.

Eine exzellente Rekonstruktion, all die Dokumente, Fotos, die gedruckten Lautgedichte, Collagen, Montagen, Skulpturen von Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Hugo Ball, Tristan Tzara, Emmy Hennings, Max Ernst, Constantin Brancusi, Picabia, Johannes Baargeld, Johannes Baader, den Berliner Ober-Dadas Hannah Höch und Raoul Hausmann, Kurt Schwitters, Man Ray und vielen anderen. Wer sich auf die 160 Bilder, Flugblätter, Dokumente einlässt, erlebt hinter dem Nonsens den intellektuellen und ästhetischen Anspruch. Man darf schmunzeln bei der fast biblischen Dadamania-Propaganda der Gründerväter: „Dada ist das Chaos, aus dem sich tausend Ordnungen erheben, die sich wieder zum Chaos Dada verschlingen.“

Sinnlich erfahrbar, damit weniger „musealisiert“, wird Dada im Landesmuseum Zürich nahegebracht, ideal für junge Leute, die hier rasch erfassen, dass der gute alte freche Dada so etwas war wie heute Punk und Lady Gaga, Graffiti, Surf-Poeten und Slam Poetry. Zwischen schwarzen Wänden, bekritzelt mit Nonsens-Sprüchen von damals und heute, stehen Vitrinen voller kurioser Dinge: einem Gerippe von „Dodo“, dem Natur-Nonsens-Vogel, der nicht fliegen konnte aus „Alice im Wunderland“, Duchamps Porzellan-Pissoire („Fontäne“, Hannah Höchs „Dadamühle“, Max Ernsts Traumzeichnungen, Man Rays eingepackte Nähmaschine.

Und um für Momente tief in jener Zeit zu sein, in der dieser freche Esprit aufkam und den Zeitgeist attackierte, erblickt man – samt einem Apollinaire-Text („Lebenszeichen aus dem Schützengraben“) – die tödlichen Splitter einer Streu-Bombe vor Verdun 1916. Dada zum Verlauf des Weltgeschehens!

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