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Wer die Geschichte des Künstlers Franco Bellucci kennt, kann in dieser Arbeit (ohne Titel, ohne Jahr) einen gefesselten Menschen sehen. Foto: Axel Schneider
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Wer die Geschichte des Künstlers Franco Bellucci kennt, kann in dieser Arbeit (ohne Titel, ohne Jahr) einen gefesselten Menschen sehen.

Ausstellung im MMK

„Crip Time“ im MMK Frankfurt: Eine Empörung, die Tag für Tag zunimmt

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Die Ausstellung „Crip-Time“ im Museum für Moderne Kunst demonstriert anschaulich, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind.

Was für ein riskantes Unterfangen! Ein zeitgenössisches Museum präsentiert eine Ausstellung, die sich mit der Wahrnehmung von Menschen befasst, die eine Behinderung haben. Eine Schau, die gut gemeint ist, natürlich, die aber - und das ist selbstverständlich entscheidend - gut gemacht ist. Extrem gut gemacht. Weil sie es schafft, die Schnittmengen zu markieren, an denen sich unsere Bedürfnisse und Erfahrungen treffen und es nicht nur darum geht, das Anderssein zu betonen. Wir alle sind schließlich erschöpft, wenn auch unterschiedlich schnell. Wir sind hin und wieder verzweifelt, die eine häufiger, der andere seltener.

Und wenn wir einen gigantischen Stapel aufgetürmter Arztrechnungen, Anamnesebögen und Pflegepläne sehen, wie ihn die US-Amerikanerin Emily Barker in der Ausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst präsentiert, wenn wir dazu erfahren, dass diese 7865 Blätter lediglich die medizinische Korrespondenz von 2012 bis 2015 umfasst, haben wir zumindest eine leise Ahnung, was das für einen Menschen bedeutet.

Barker stürzte während ihres Malereistudiums am Art Institute of Chicago in einem unzulänglich gesicherten Gebäude aus dem vierten Stockwerk und ist seither querschnittsgelähmt.

„Crip Time“ heißt die Ausstellung, Krüppelzeit also. Dabei handelt es sich um eine aktivistisch umgedeutete Formel, die darauf hinweist, dass Menschen mit Beeinträchtigungen für vieles im Leben mehr Zeit einplanen müssen. Dass sie im kapitalistischen Sinne nicht „funktionieren“, das „Ideal“ der permanenten Mobilität und Verfügbarkeit auf sie nicht anwendbar ist. Je nach Perspektive kann das durchaus positiv erscheinen. Wer will schon immer funktionieren? Entscheidend ist jedoch, dass die Welt, dass die Städte, die Büros, Museen und alles andere darauf ausgerichtet sein muss. Darauf, dass Menschen verschieden sind und unterschiedliche Bedürfnisse haben.

Gleich im Foyer steht eine Bank mit der Aufschrift. „It was hard to get here. Rest here if you agree“. Das ist fürsorglich und zugleich ein Statement „Do you want us here or not“ heißt die Arbeit von Shannon Finnegan, eine Objekt-Serie, die aus mehreren im Haus verteilten Sitz- und Liegegelegenheiten besteht, und damit ist eigentlich alles gesagt.

Man wird in dieser Ausstellung sehr schnell sehr nachdenklich. Weil sie auf schockierende, poetische, humorvolle Weise demonstriert, dass Künstlerinnen und Künstler, die körperlich oder geistig beinträchtigt sind, bisweilen gerade deshalb über eine ausgeprägte Sensibilität verfügen. Dass sie Werke schaffen, die uns im Innersten berühren, ohne dass wir uns automatisch schlecht dabei fühlen müssen. Was nicht heißt, dass man hier einfach so durchflaniert.

Bereits im Erdgeschoss stößt man auf ein zutiefst bewegendes Video von Liza Sylvestre: Wir sehen das Gesicht der Künstlerin, sie berichtet davon, wie sie als Kind ihre Hände auf den voll aufgedrehten Lautsprecher ihres Ghettoblasters legte, da sie schon wusste, dass sie bald ihr Gehör verlieren würde. Dann erzählt sie die Geschichte noch einmal, mit den Lauten, die sie heute noch hören kann. Der Titel „Wha_ i_ I _old you a __ory in a language I _an _ear?“ deutet bereits an, wie das klingt.

Es gibt eine ganze Reihe persönlicher Schicksale, die in dieser Ausstellung thematisiert werden, von Gerhard Richters „Tante Marianne“, die von den Nazis als „Geisteskranke“ ermordet wurde, über Nan Goldins Schwester Barbara, die mit 14 Jahren wegen aufmüpfigen Verhaltens in eine Besserungsanstalt eingewiesen wurde und mit 19 Selbstmord beging, bis hin zur gehörlosen Christine Sun Kim, die in einer Reihe von Diagrammen den „Degree of Deaf Rage“ thematisiert, die in Alltagssituationen aufsteigende Wut angesichts politischer Entscheidungen, darüber, dass man von Hörenden oft ignoriert wird oder über Kuratoren, die denken, dass es fair sei, wenn die Künstlerin ihr Honorar mit der Gebärdensprachdolmetscherin teilt.. Es ist eine Empörung, die Tag für Tag mehr wird.

Auch die Objekte von Franco Belluci, der 2020 gestorben ist, erzählen eine Geschichte, die lange nachhallt. Es handelt sich um eng verknotete, verdrehte Assemblagen aus Alltagsgegenständen, Schrott und Spielzeug, das auf geradezu brutal anmutende Weise zusammengezwungen erscheint. Der italienische Künstler hatte als Kind eine Hirnverletzung und wurde als 17-Jähriger in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert. Zehn Jahre lang hat man ihn dort die meiste Zeit ans Bett gefesselt und sich selbst überlassen. Danach wurden geschlossene Psychiatrien in Italien abgeschafft.

Natürlich erkennt man das Schreckliche, das diese Werke ausstrahlen erst, wenn man die Biografie des Künstlers kennt, und so ist es mit einer ganzen Reihe von Arbeiten in dieser Ausstellung. Was man nicht oder zumindest nicht auf Anhieb erkennt, ist dass die Künstlerinnen und Künstler zu einem erheblichen Anteil an chronischen Krankheiten leiden. Was ihre Kunst interessant macht, ist eine zeitgenössische Bildsprache, ein relevanter Inhalt, der jene, die sie betrachten, etwas angeht und Erkenntnisse vermittelt, die mal deutlich lesbar sind, mal unterschwellig wirken.

Zum Beispiel ein Film mit dem Titel „Does this feel normal?“ von Jillian Crochet. Er zeigt einen Reflexhammer, der wieder und wieder auf einen Stein niedersaust, der wiederum jedes Mal ein winziges Stück zur Seite springt. Die Künstlerin, die selbst jahrelang an medizinischen Tests teilgenommen hat, spielt damit auf einen bekannten Reiz-Reaktions-Test an und auf die Unmöglichkeit, das eigene Körperempfinden in Worte zu fassen. „Fühlt sich das normal an?“ Was genau soll das sein: normal?

Auch der zwitschernde grüne Plastikvogel, den Jesse Darling unter dem Titel „Canary“ präsentiert, erscheint zunächst vor allem kurios. Statt einer simplen Batterie wird er von einer höchst komplexen Konstruktion aus Dynamos, Solar- und Windenergie „am Leben“ gehalten. Lustig ist das allenfalls im ersten Moment.

Lachen darf man trotzdem in dieser Ausstellung, vor allem über die Arbeiten von Judith Hopf, die als Professorin für Freie Kunst an der Frankfurter Städelschule lehrt. In ihrem Film „Hospital Bone Dance“ wird getanzt, bis die Krücken fliegen. Und dann ist da noch eine Herde aus rechteckigen Betonschafen, bei denen es sich um Abgüsse aus Umzugskartons handelt. Die Tiere erscheinen so unperfekt, dass man sie nur gern haben kann.

Kämpferisch sind die Arbeiten von Ezra und Noah Benus, die sich als Künstlerduo Brothers Sick nennen und damit den Fokus ihrer Arbeiten bereits im Namen tragen. Sie zeigen unter anderem Fotografien, die an agitatorische Plakatkunst erinnert. Darauf fordern sie das „Recht auf Ruhe im Rhythmus der Kranken“ und - mit Hinblick auf die niedrige Impfrate in ärmeren Ländern - ein „Ende der medizinischen Apartheid“, Slogans wie „work will not set us free“ erinnern nicht zufällig an Deutschlands grausame Geschichte („Arbeit macht frei“) – beide Brüder sind jüdisch. Im Außenraum, auf Litfaßsäulen, fordern die Sick Brothers schließlich etwas, das schlicht klingt und selbstverständlich sein sollte:„Zugang für alle“. Ein Wunsch, der jeden ein- und niemanden ausschließt, ob krank oder nicht, arm oder nicht.

Individuelle Autonomie, das ist eine der wichtigen Lehren aus dieser Schau, ist ein Mythos. Wir alle brauchen einander. Jede und jeder von uns.

Museum für Moderne Kunst , Frankfurt: bis 30. Januar. mmk.art

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