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Vor Corona: Menschen strömen ins Frankfurter Museum Angewandte Kunst.

Museum Angewandte Kunst

Nach der Corona-Krise: „Es wird einen Run auf die Kunst geben“

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Matthias Wagner K, Direktor des Frankfurter Museums Angewandte Kunst, über die Vorteile einer Auszeit, aber auch die Auswirkungen gerade auf die Ärmsten der Armen.

Matthias Wagner K., 1961 in Jena geboren, ist seit 2012 Direktor des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt. 

Herr Wagner K, Sie selbst hatten das Jahr 2020 im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt als das der starken Frauen ausgerufen. Es begann mit den Bildern der belgischen Künstlerin Ingrid Godon. Doch die Eröffnung der Ausstellung „Life doesn’t frighten me“, in der die Mode-Ikone Michelle Elie ihre Sammlung von Outfits der Marke Comme de Garons hätte zeigen sollen, mussten Sie absagen.

Ja, das ist richtig. Das Haus ist seit 14. März aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen, wie die anderen städtischen Museen auch. Wir mussten bereits die 48-stündige Performance am Ende der Godon-Ausstellung streichen, bei der sich das Museum in einen großen Klangraum verwandeln sollte.

Lassen Sie uns zunächst über die materiellen Folgen sprechen.

Nun, vom 14. März bis zum 3. April wäre das Haus wegen des Aufbaus von „Life doesn’t frighten me“ ohnehin geschlossen gewesen. Da diese Mode-Ausstellung aber ein Publikums-Renner gewesen wäre, haben wir seitdem sicherlich um die 65.000 Euro eingebüßt.

Wie reagieren die Freunde und Förderer des Museums, haben sich Sponsoren zurückgezogen?

Nein, im Gegenteil. Die Reaktionen sind hocherfreulich. Wir bekommen große Unterstützung für laufende und künftige Projekte. Wir haben eine zusätzliche Initiative des Freundeskreises gestartet, damit wir unsere freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Museum auch jetzt während der Schließung weiter bezahlen können. Das funktioniert großartig.

Was bedeutet die Pandemie für Künstlerinnen und Künstler?

Musikerinnen und Musiker, die unmittelbar von ihren Auftritten leben, sind besonders stark betroffen. Da ist alles weggebrochen. Keine Auftritte, keine Konzerte, kein Geld. Das städtische Kulturdezernat und das Kulturamt haben sehr schnell reagiert und uns Geld zur Verfügung gestellt, insbesondere für die freien Leute und für Ausfallhonorare. – Michelle Elie sitzt natürlich wie auf glühenden Kohlen. Sie kann es überhaupt nicht erwarten, dass die Ausstellung endlich besucht werden kann. Sie fragt: Können wir nicht wenigstens einen Film drehen? Wir hatten ja eine virtuelle Eröffnung auf Instagram, das haben sich mehr als 9000 Menschen angesehen.

Gibt es eine zeitliche Perspektive für die Wiedereröffnung der städtischen Museen?

Matthias Wagner K.

Genau darüber haben wir, die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig und die Leitungsteams der städtischen Museen, bereits beraten. Wir prüfen, wie die Möglichkeiten sind, nur eine begrenzte Zahl von Menschen in die Häuser zu lassen. Wir wollen alle Museen in einer konzertierten Aktion zeitgleich wieder eröffnen.

Wann könnte das sein?

Für den kommerziellen Bereich gibt es jetzt eine Öffnung mit Regeln. Wir Museen können ebenfalls die Hygieneregeln und Abstandsvorschriften umsetzen. Insofern steht einer Wiedereröffnung im Mai nichts im Wege.

Viele Museen bauen derzeit ihren Internetauftritt noch weiter aus. Kann das Internet die tatsächliche Ausstellung ersetzen?

Nein. Das Internet kann allenfalls wie ein Geschmacksverstärker wirken. Es wird niemals das tatsächliche Erleben einer Ausstellung ersetzen. Eine Ausstellung hat etwas mit Gefühlen zu tun, ist ein sinnlicher Denk- und Erlebnisraum. Im Museum leben wir von der tatsächlichen Begegnung der Menschen mit der Kunst, von der Kommunikation vor Ort. Das fehlt im Internet.

Es fehlt also eine Dimension?

Ja, auf jeden Fall.

Fürchten Sie, dass insbesondere das junge Museumspublikum infolge der Corona-Pandemie zum Teil dauerhaft ins Internet abwandert?

Nein, das denke ich nicht. Bei Ingrid Godon hatten wir ein junges Publikum, das gerade wegen des intensiven Erlebnisses ins Museum gekommen ist. Ich kann das gut nachvollziehen. Mir geht es auch so. Ich möchte endlich wieder anderen Menschen begegnen, im Museum, im Kino, im Restaurant, im Konzert. Ich glaube im Gegenteil: Bei der Wiedereröffnung der Museen wird es einen Run auf die Kunst geben.

Wie erleben Sie und Ihr Team die Zwangspause?

Zur Person

Matthias Wagner K. studierte nach seiner Übersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik ab 1984 Freie Malerei im Fachbereich Kunst und Design an den Kölner Werkschulen der FH Köln. Bekannt ist er ebenfalls als Kurator, Ausstellungsmacher und Autor.

Es ist eine Auszeit. Wir können reflektieren, was wir in den zurückliegenden Jahren gemacht haben, wie wir es gemacht haben. Seit ich das Haus vor acht Jahren übernommen habe, waren wir im Hamsterrad. Wir haben die Besucherzahlen verdreifacht und das Publikum verjüngt. Es ist im Durchschnitt 37 Jahre alt, das ist sehr jung für ein Museum. Wir können jetzt aber auch Ausstellungen wissenschaftlich aufarbeiten und Museumsobjekte restaurieren.

Was hat das Hamsterrad bei Ihnen bewirkt und verändert? Sie waren früher lange als freier Kurator tätig.

Ich bin äußerlich älter und grauer geworden. Die Leitung eines Hauses zu übernehmen, hat für mich aber neue Freiheiten eröffnet. Es ist vielfältiger geworden und ich bekomme selbst mehr Anregungen, der Themenkanon ist breiter. Ich kann mich auf das konzentrieren, was mir wichtig ist und anderes delegieren. Aber das Feuer, das in mir brennt, ist noch dasselbe.

Was ist Ihnen wichtig?

Wichtig ist mir, dass die Arbeit in diesem Museum etwas Prozesshaftes behält. Dass sie nicht erstarrt. Wir müssen uns immer wieder fragen: Was geschieht gerade in der Gesellschaft, die uns umgibt? Nach wie vor ringen wir immer wieder neu um die beste Gestaltung, gute Texte und eine jeweils spezifische Vermittlung, auch darum, dass die Schriften und Texte, die unsere Ausstellungen begleiten, gut sind. Es ist uns gelungen, nicht in Routine zu verfallen. Ich kuratiere ja auch selbst immer noch mit großer Leidenschaft Ausstellungen. Wir müssen immer wieder den Blick schärfen für die Themen, die nächsten Jahre, das ist der dauerhafte Prozess.

Was wird die Corona-Pandemie für die Museumsarbeit bedeuten?

Sie wird Themen für die Museen generieren.

Glauben Sie daran, dass die Pandemie dazu führt, dass die Menschen ihren Umgang mit der Umwelt, mit den natürlichen Ressourcen, dass sie ihren Lebensstil verändern?

Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch. Aber so einfach wird es nicht sein, dass diese Pandemie das Verhalten der Menschen verändert. Ich halte es mit dem US-amerikanischen Intellektuellen Noam Chomsky, der gerade gesagt hat: Diese Epidemie ist bedrohlich. Was aber die Menschheit im Gesamten, was uns nachhaltig bedroht, sind die Erderwärmung und die atomare Bedrohung, die beide zunehmen. Ich halte auch die gesellschaftlichen Entwicklungen, die zu mehr Autokratie führen, für mehr als gefährlich. Schauen Sie nach Ungarn oder in die USA, da kann einem angst und bange werden, was die Allmachtsfantasien eines Viktor Orbán oder eines Donald Trump betrifft.

Können diese Fehlentwicklungen, die jetzt in der Krise eine besondere Dynamik bekommen, wieder zurückgedreht werden?

Sie zeigen jedenfalls, wie wichtig Aufklärung und kritischer Diskurs sind. Wir brauchen ein Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Kultur.

Wird es in Zukunft noch andere Pandemien geben?

Ja, wir müssen mit solchen Epidemien leben. Das hat mit unserem Lebenswandel zu tun, mit unserem Umgang mit der Natur und den Ressourcen, mit den Folgen einer intensiven Landwirtschaft und der damit einhergehenden Zerstörung der Umwelt. Diese Epidemien sind vom Menschen gemacht.

Als eine Folge der Pandemie sind die gesellschaftlichen Freiheitsrechte in Deutschland, etwa das Demonstrationsrecht, stark eingeschränkt worden. Wie empfinden Sie das?

Ich bin in der DDR geboren worden und aufgewachsen. Ich konnte sie erst 1984 verlassen. Ich weiß, was eingeschränkte Reisefreiheit bedeutet. Wenn ich erlebe, dass jetzt Menschen denunziert werden, weil sie gegen Auflagen verstoßen, sind das für mich Deja-vu-Erlebnisse. Dennoch sage ich: Das kann man nicht vergleichen, das hat nichts mit den Verhältnissen in der ehemaligen DDR zu tun. Die Entscheidungen jetzt haben zum Ziel, unser Gesundheitssystem nicht kollabieren zu lassen, gesundheitlich gefährdete Menschen zu schützen. Ich sehe die Notwendigkeit bestimmter Einschränkungen. Eine Tracking-App, mit der sich die Bewegungen von Menschen verfolgen lassen, geht mir aber zu weit. Da besteht die begründete Gefahr eines Missbrauchs von Daten.

Wird die Pandemie in der Kultur bleibende Schäden hinterlassen?

Ja, ich fürchte, es wird Bereiche mit bleibenden Schäden geben. Großveranstaltungen werden für lange Zeit wegfallen. Das wird Folgen etwa für sehr viele Kreative und zugehörige Gewerke, für Messebauer etwa mit sich bringen. In der Modeindustrie wird es die Ärmsten der Armen treffen, die Menschen, die für uns in China, Indien, Pakistan Kleidung anfertigen. Einige Firmen werden die Produktion einstellen. Da droht dann den Menschen das schiere Verhungern, das ist die eigentliche Katastrophe.

Und in unserer Gesellschaft?

Wir müssen endlich einsehen, dass wir von allem zu viel haben. Darüber muss nachgedacht werden: Was braucht es nicht, was ist verzichtbar? Wir müssen aus dem Hamsterrad des Immer-mehr aussteigen. Und die Krise zeigt sehr deutlich, dass wir endlich ein einiges Europa benötigen und die Überwindung nationaler Egoismen.

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