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„Blood and Roses“ (2015): Blutrote Kleiderskulpturen im Museum Angewandte Kunst.

Museum Angewandte Kunst

Comme des Garçons: Mode, die ins Leben eingreift

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Im Museum Angewandte Kunst ist jetzt die Ausstellung „Michelle Elie wears Comme des Garçons“ zu besichtigen.

Ich muss an einen Film denken, den ich nie gesehen habe. In Hideshi Hinos „Flowers of Flesh and Blood“ (1985) trennt ein Samurai einer Frau ihre Körperteile ab und vergleicht die Abscheulichkeit der Wunden mit der Schönheit roter Blüten, „Blumen aus Fleisch und Blut“. Hinos abstoßenden Film mit den Arbeiten Rei Kawakubos zu vergleichen, mag ungeheuerlich sein. Nicht zuletzt, weil der Regisseur die kulturhistorisch festgeschriebenen Rollen des Mannes als Täter und der Frau als Opfer pervertierte. Kawakubo hingegen wollte von Anfang an feministische Mode machen, Frauen die Möglichkeit geben, sich zu kleiden „wie die Jungs“ – „Comme des Garçons“.

Modeausstellungen haben sonst etwas befremdlich Totes 

Einige ihrer Ensembles aber, die jetzt im Frankfurter Museum Angewandte Kunst stehen, führen unweigerlich zum japanischen Splatterfilm. Wie Blut aus klaffenden Wunden quellen aus den Nähten der Kleider rote Rüschen hervor, „Blood and Roses“ (2015) heißt die Kollektion. Ohnehin scheint es beinahe unmöglich, nicht auch an den Tod zu denken, in einer Schau, die vor Leben nur so strotzt. „Life doesn’t frighten me: Michelle Elie wears Comme des Garçons“ ist keine klassische Modeausstellung. Keine Puppenparade, in der sich Kleider auf gesichtslosen Figuren aneinanderreihen. Was hier zu sehen ist, wurde tatsächlich getragen. Kleine Fältchen und Verfärbungen zeugen auf äußerst charmante Weise davon.

Die Modesammlerin Michelle Elie kaufe „immer mit der Prämisse, dass sie die Kleider wirklich anziehen will“, sagt Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka. Sie erarbeitete die Ausstellung gemeinsam mit Elie, die dem Museum ihre Kleider, den extra angefertigten Mannequins ihre Gesichtszüge lieh. „Wir haben die Puppen greifbarer gemacht, weil so eine wirklich persönliche Schau entsteht“, sagt Kupka. „Und weil Modeausstellungen sonst immer etwas befremdlich Totes haben.“ Dabei entstehe Mode doch erst im Spannungsfeld zwischen Körper und Kleid, interessant werde sie dann, „wenn sie ins Leben eingreift.“ Und das tat sie bei Elie wieder und wieder.

Die Mode Rei Kawakubos gilt als intellektuell und herausfordernd

Die Ausstellung

Museum Angewandte Kunst , Frankfurt: bis 30. August. www.museumangewandtekunst.de

Michelle Elie arbeitete jahrelang als Model, wählt heute Kleider für Fotoproduktionen aus, entwirft Schmuck und sammelt. Sie sammelt Kleider, seit mehr als 20 Jahren vor allem jene von Comme des Garçons. In Tonaufnahmen für die Ausstellung erzählt sie davon. Da ist das gemusterte Kleid der Kollektion „Body Meets Dress, Dress Meets Body“ (1997), aus dem wattierte Polsterungen wie krankhafte Buckel wachsen. Elie habe sich darin anfangs gar nicht zurechtgefunden, erklärt sie, in anderen verbrachte sie ganze Abende, ohne die Arme bewegen zu können. „Körpererfahrungen sind ein wichtiges Thema der Ausstellung und der Mode von Comme des Garçons“, sagt Kupka.

Es sind Anekdoten wie diese, zwei dokumentarische Videoarbeiten zudem, die der Ausstellung tatsächlich Leben einhauchen. Die Schau erzählt vom Dialog zweier Frauen, von dem Moment, in dem die Ideen der einen auf die Haut der anderen treffen. Sie wolle „die Kontaktzone zwischen Körperform und Kleidung“ verwischen, sagte Rei Kawakubo einmal, immer wieder hinterfragten die Kleider ihr Verhältnis zu ihrem Körper, sagt Michelle Elie nun. Manche verschieben die Grenzen des Körpers durch voluminöse Drapierungen nach außen, andere überzeichnen die Trägerin zur infantilen Comicfigur. Albern, und das ist die Kunst, wirkt rein gar nichts davon.

Michelle Elie weiß die Palette stets eigenwillig zu erweitern

Die Mode Rei Kawakubos, die Comme des Garçons 1969 in Tokio gründete, gilt als intellektuell und herausfordernd, sie ist poetisch und politisch. Immer wieder findet Kawakubo Zitate auf Kultur und Klasse, spielt mit Brutalität und Zärtlichkeit. Zwei Motive, die die zeitgenössische Kunst Japans ohnehin prägen, man denke nur an Nobuyoshi Arakis Frauenfotografien zwischen Aggression und Erotik. Kawakubo selbst setzte sich viel mit Deformation und Dekonstruktion auseinander, arbeitete zu Beginn vor allem mit Schwarz, um die Vergänglichkeit der Mode zu versinnbildlichen, später kamen mehr und mehr, immer lebendigere Farben hinzu. Und Michelle Elie weiß die Palette stets eigenwillig zu erweitern.

Konsequent also, dass die Ausstellung einzelne Teile anderer Designerinnen und Designer, Schuhe oder Strumpfhosen etwa, mit den Kleidern Kawakubos kombiniert. „Wir wollten zeigen, wie sich Michelle die Kleider aneignet, sie neu interpretiert“, erklärt Kupka. Kleider übrigens, von denen Elie als ihre „Girls“ spricht, was wiederum Fragen nach der Fetischisierung der Mode aufwirft, der Liebe zum unbelebten Objekt. Eine wirklich lebendige Schau, in der man an Hinos „Flowers of Flesh and Blood“ kaum mehr denken mag. Bis man hört, was mit den Michelle-Elie-Kleiderpuppen passieren soll.

Wenn es nach ihr ginge, so erzählte mir die Sammlerin vor ein paar Tagen, würde sie den Figuren nach der Schau gern die Köpfe abtrennen und sie sich in ihr Kölner Atelier schicken lassen. „Ich will sie bei mir haben.“

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