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Auch Geld ist käuflich. „SUPERFLEX, Euro 2012“ von Nils Staerk, auf der 49. Art Cologne präsentiert von der Galerie 1301 PE (Los Angeles).

Kunstmesse

Art Cologne schwelgt in Nostalgie

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Die 49. Art Cologne glänzt und schwelgt in Nostalgie. Es zeigt sich: Die Kölner Kunstmesse hat ihre Midlife Crisis mittlerweile überwunden, aber die euphorischen Zeiten werden wohl nicht zurückkommen. Das dürfte mehr mit der Kunst als mit der Messe zu tun haben.

Der Mann sitzt etwas verloren in seinem Wohnzimmer, an den Rand gedrängt von Müll, für den man mittlerweile Millionen zahlen müsste. Zerbeultes Metall, eine gebeugte Gipsfigur, ein Luftballon, eine pluderige Jacke an der Wand und eine Brillo-Box am Boden: Heute Trophäen des Kunstmarkts, Pop-Art-Meisterwerke von Andy Warhol, Claes Oldenburg und George Segal, um 1968 die zunächst mitleidig beäugte Beute des Sammlers Wolfgang Hahn auf der Art Cologne.

Die älteste Kunstmesse der Welt hat ihre Midlife Crisis glänzend überwunden, aber mit 49 Jahren ist sie vor Nostalgie auch nicht mehr gefeit. Auf dem Weg zur frischen Ware liegt in diesem Jahr deshalb eine Sonderschau über die Pop Art in Deutschland, in der man neben legendären Galeristen wie Hans Mayer und Rudolf Zwirner mit dem rheinischen Sammler ein mindestens genauso legendäres Wesen auf Fotografien besichtigen kann: Eine Figur wie Hahn, der jeden Groschen zwei Mal umdrehte, um sich Kunst leisten zu können, über die reichere Kunden erst die Nase rümpften – und dann später verlegen und zu deutlich gestiegenen Preisen nachzogen.

Für Daniel Hug, Leiter der Art Cologne, ist der rheinische Sammler immer noch ein Verkaufsargument für seine Messe. In Köln lasse sich auch schwierige Kunst vermitteln, das wüssten die Galeristen und kämen deshalb aus aller Welt. Am Stand von David Zwirner, einer der größten und umsatzstärksten Galerien weltweit, ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen: „Schwierige Kunst führen wir nicht“, sagt die Kundenberaterin, „nur gute“. An den Wänden hängen Arbeiten von Thomas Ruff, Neo Rauch und Michael Riedel. Alles gute, wenn nicht großartige Kunst, alles wunderbar. Aber wohl nichts, womit sich Wolfgang Hahn die Stube zugestellt hätte.

Auf Schritt und Tritt gute Kunst

Auch sonst findet sich auf der Art Cologne auf Schritt und Tritt gute Kunst – und das ist ja nichts Schlechtes. Johann König etwa hat eine wunderbar leuchtende Arbeit von Katharina Grosse mitgebracht, Contemporary Fine Arts eine Martin-Kippenberger-Schau mit „Alkoholfolter“ und einem Foltermittel der Marke Schlösser Alt. Fast ein bisschen zu schön sind die frischen Gemälde von Michael Krebber bei Daniel Buchholz: Leichthändige abstrakte Gesten, wie heraus vergrößert aus der Kunstgeschichte, ein unkenntlich gemachtes Zitat, schon tausendmal gesehen, so aber auch wieder nicht.

Gleich gegenüber zeigt Henrik Olesen, wie Krebber ein Träger des nach Wolfgang Hahn benannten Kunstpreises, süße Tiere, die sich über Gattungsgrenzen hinweg herzen: Hund und Delfin, Tiger und Bär, Hund und Rehkitz. Es sind Bilder aus Internetforen, mit Farbspritzern gesprenkelt, die vielleicht, wer weiß, etwas Sexuelles signalisieren, vielleicht aber auch nur die Signatur des Künstlers sind. Jedenfalls ist es eine tröstliche Vision: Niemand bleibt in dieser Welt allein. Außer Eichhörnchen und Seepferdchen – die haben Olesen anscheinend mal was angetan.

Nimmt man den Auftakt zum Maßstab, dann wird auch die 49. Art Cologne ein Erfolg. In den Gängen herrscht das ausreichend durchgelüftete Gedränge, das Sammler und Galeristen lieben, und dank der neuen, auf drei Etagen verteilten Hallenstruktur findet man aus dem Irrgarten der Kojen fast zu leicht wieder hinaus. Im Souterrain sind jetzt die etwas gediegeneren Galerien und Händler unter sich – doch was heißt schon gediegen?

Bei Haas grüßt ein Spiegel mit Einschusslöchern (von Astrid Klein), bei Thomas mit einer „Hope“-Skulptur von Robert Indiana die Pop Art. Werke der Klassischen Moderne muss man auch hier mittlerweile suchen. Sie sind, wie die Fleischtheke im Supermarkt, als Lockmittel im hinteren Hallenbereich platziert. Unterm Dach, bei der jungen Kunst, berichtet Markus Lüttgen derweil, dass sein Umzug von Berlin nach Köln gerade bei den von ihm vertretenen US-Künstlern gut ankommt – die alte Achse zwischen Köln und New York trägt offenbar noch.

Alles gut also, und doch hat man den Eindruck, dass die Euphorie der Anfangsjahre auch für die erholte Art Cologne nicht wiederkommt. Nicht weil die Art Basel den Sammlern bessere Konditionen und die Frieze London ihnen mehr Flair bietet. Sondern weil die Zeit der schwierigen Kunst vorüber ist.

Ironischerweise war es die Art Cologne selbst, die sie zu Grabe trug, weil auf einer Verkaufsmesse ein Motto alles andere überstrahlt: Alles geht. Ist dieser Gedanke erst einmal etabliert, wird alles einfach – und einfacher verkäuflich.

Die Art Cologne geht bis zum 19. April.

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