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Claude Monet: Waterloo Bridge, Sonne, 1903. 

Impressionismus

Claude Monet im Museum Barberini: Als das Licht auf die Leinwand kam

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Das Museum Barberini in Potsdam zeigt eine der größten Werkschauen Claude Monets, die es je in einem deutschen Museum zu sehen gab.

Der Impressionist sieht, dass der Schatten im Schnee bei Sonnenlicht blau ist, so dass er ohne zu zögern den Schnee blau malt ...“ So schrieb ein Kritiker 1878 in einem Pariser Journal. Der Mann ließ auch nicht aus, dass das Publikum darüber teils hässlich lachte und sogar wütend wurde, wenn die Vertreter des neuen Stils, ausgerüstet mit den neuerdings käuflich zu erwerbenden Tubenfarben, eine Landschaft auch mal violett malten. Wenn sie das Naturphänomen Schatten völlig unakademisch, nämlich statt schwarz und grau in den Farben Rot, Grün und Blau behandelten. Wenn sie den Wandel der Tages- und Jahreszeiten je nach Stimmung und Atmosphäre farblich gar frei wiedergaben, die Dinge in Form kleinster Flecke, Punkte, Striche zur schwebenden Gewebefläche verknüpften.

Claude Monet (1840–1926) war Impressionist der ersten Stunde. Das Potsdamer Museum Barberini, das 2017 mit den Franzosen dieses Stils, der international als Publikumsrenner gilt, eröffnete, widmet dem „Maler der Seerosen“ in Kooperation mit dem Denver Art Museum eine der größten Werkschauen, die es je in einem deutschen Museum gab: Von ersten Landschaften bis zu den heute unschätzbaren Seerosenbildern, von denen er 250 malte und wo über den Blüten der Dunst des Morgens rätselhaft flirrt und schimmert. Da bahnt sich ein freies Spiel von Farbe an, das der abstrakten Malerei schon vor 1900 den Weg anzeigte.

Die Tuilerien, 1876.

Obwohl die Gemälde im Laufe seines Lebens zunehmend abstrakter wurden, beruhten sie auf Beobachtung und blieben an der Wirklichkeit orientiert. Immer wieder sprach Monet von seinem Bedürfnis, zunächst in eine Landschaft einzutauchen, ein Gespür für eine Gegend zu entwickeln, bevor er sie auf die Leinwand bannte. Anders als eine verbreitete Meinung über impressionistische Malerei vermuten lässt, dass nämlich ein spontaner Eindruck festgehalten wird, ging Monet zielgerichtet und methodisch vor. Sein Ringen um authentische Wiedergabe beschrieb er 1912: „Ich weiß nur, dass ich im Hinblick auf die Natur alles tue, was in meiner Macht steht, um wiederzugeben, was ich empfinde, und dass ich meistens, wenn ich versuche, das wiederzugeben, was ich fühle, die grundlegenden Regeln der Malerei, sollten sie überhaupt existieren, vollkommen vergesse.“

Allein 34 erlesene Monets von 110 stammen aus der Sammlung des Barberini-Gründers Hasso Plattner. Soeben überrascht der Mäzen mit dem spektakulären Zukauf eines Monet’schen „Getreideschobers“ von 1890. Einen Heuhaufen im Schnee aus der berühmten Serie besaß er schon. Der Rest sind Leihgaben, zumeist Schlüsselwerke aus privaten oder musealen Monet-Sammlungen etwa in Denver, Paris, Madrid. Zum Entzücken des Publikums und der Fachwelt spürt diese Bildversammlung jenen Orten nach, aus denen Monet seine Inspiration bezog – von Paris-Motiven und den Seine-Dörfern, nicht zuletzt dem paradiesischen Wasser-Garten von Giverny, Refugium des Malers. Und man reist mit Monet nach 1900 bis London, zu den Brücken im Nebel. Zuvor noch nach Venedig, zu den alten Palazzo-Fassaden und romantischen Kanälen. Er nutzte die Eisenbahn mit ihrem nach 1850 rapide ausgebauten Schienennetz, suchte touristische Ziele auf, die auch als Motive auf Postkarten kursierten. Bald war Monet, trotz der Anfeindungen des ewiggestrigen Salon-Publikums der Lieblingskünstler des aufstrebenden Großstadtbürgertums. Der Ort seiner Motive war für ihn von entscheidender Bedeutung. Im Wissen, dass sich Menschen mit Orten, auch denen ihrer Sehnsüchte, identifizieren, war er bestrebt, die Topografie seiner Gemälde schon durch die Titel kenntlich zu machen. Ein anderes modernes Medium tat das Seine dazu: Die populär gewordene Fotografie entsprach dem Zeitgeist, dem Streben nach wissenschaftlicher Erfassung der Welt. Monet begab sich leidenschaftlich ins Spannungsfeld zwischen naturwissenschaftlicher Exaktheit und subjektiver Erfahrung der freien Natur. Nur hier traf das von Wetter, Jahres- und Tageszeiten abhängige Licht auf die Landschaft. Hier ging er dem flüchtigen Spiel atmosphärischer Phänomene nach – dem, was zwischen ihm und dem Motiv lag, etwa Sommerhimmel über blühenden Feldern, spiegelnde Wasseroberflächen, die sich je nach Witterung, Lichtintensität und Lichtfarbe verändern. Doch er malte nicht, wie damals üblich, nur vorbereitende Ölskizzen unter freiem Himmel, sondern auch ausgearbeitete Gemälde. Restauratoren fanden in den Farbschichten Spuren von Baumblüten, Samen, Blättern. Da hatte wohl der Wind mitgemalt.

Getreideschober, 1890.

So gezielt wie obsessiv spürte der Maler der Aura eines bestimmten Ortes nach. Der Romancier Émile Zola, Freund der Impressionisten, notierte 1868: „In der freien Natur wird Monet einen englischen Park einem Waldstück vorziehen. Er hegt besondere Zuneigung für jene Natur, die durch die Hand des Menschen ein modernes Kleid erhielt.“ Dieses „Kleid“ schneiderte Monet seinem Garten von Giverny, einem Ort der Sinneserfahrung. Diesen fast meditativ-schönen, intimen Motiven ist im Barberini gleich ein ganzer Saal gewidmet. Die atmosphärische Auflösung der Vegetation wird zu einer dekorativ vibrierenden Farbfläche. Und mittendrin erleben wir die kultivierte Natur als malerisches Gesamtkunstwerk. Ganz im Gegensatz zur romantischen Vorstellung von der „ungezähmten, wilden“ Natur. Monet, malte – wie auch seine Impressionismus-Gefährten – Bauerngärten und Felder so, als wären es öffentliche Parks.

Dabei machte er es sich nicht einfach: Immer wieder suchte er Ansichten, deren malerische Umsetzung eine Herausforderung war, vom gleißenden Licht der Riviera bis zur Atlantikküste im Norden Frankreichs. Von der Bretagne sagt man, der Wind und die brausenden Meereswogen kämen dahin, um zu sterben.

Museum Barberini, Potsdam: bis zum 1. Juni. 

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