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Cindy Sherman gastiert im Spreewald: Ich bin’s und bin es doch nicht

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Von: Ingeborg Ruthe

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Cindy Sherman, „Untitled # 151“, 1985. Foto: Private Collection/Sprüth Magers
Cindy Sherman, „Untitled # 151“, 1985. Foto: Private Collection/Sprüth Magers © Abdruck und Verwendung nur nach Absprache und gegen Honorar

Die New Yorker Künstlerin Cindy Sherman gastiert in einem alten Spreewald-Gemäuer mit einer ihrer horriblen Inszenierungen

Sie ist weit geflogen auf ihrem Besen, die alte Hexe mit der riesigen krummen Warzennase und dem exorbitanten Kinn. Gestartet ist sie in New York und gelandet auf Schloss Altdöbern. Da steht sie nun, die witch (englisch) oder chodojta (obersorbisch). Wie ein horribles Schlossherrinnen-Bildnis, mit majestätischem Hexen-Kopftuch, bestickt mit seltsamer Ornamentik, mit Zaubertrank und Hexenkugel auf einer Staffelei im denkmalgeschützten Barockschloss der gleichnamigen Gemeinde im Oberen Spreewald/Lausitz. Das ist tief im Süden Brandenburgs. Sorbenland. Auf Niedersorbisch heißt der Ort Stara Darbnja.

Und mit Hexen ist man dort vertraut. Wegen der Sage, wegen des makaber-lustigen Kults: Jedes Jahr am 30. April, seit undenklichen Zeiten, seit der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert, wie es heißt, als sich Slawen zwischen Ostsee und Erzgebirge niederließen, findet in den Dörfern das „Hexenbrennen“ (chodojtypalenje) statt. Da werden Reisighaufen bei Einbruch der Dunkelheit verbrannt, obenauf gebastelte Hexen. Der Brauch gehört zur Tradition des Winteraustreibens und zur Abwehr von Schäden für Mensch, Tier und Gewächse.

Schloss Altdöbern ist nun also bis Ende Oktober, immer am Wochenende, auch die Kulisse für das, was die jüngere Kunstgeschichte in Bezug auf Cindy Shermans Fotoserien mit „Körper als Ort des Grauens“ bezeichnet. Die Fotografin, noch immer eine schöne Frau, ist nicht in ihrer realen Gestalt nach Altdöbern gereist. Sondern als Hexe im Foto-Großformat und auf einer staksigen Staffelei, die an die Hühnerbeine des Hauses der Baba Jaga aus den slawischen Märchen denken lässt.

Es gebe schon Kinderfotos von ihr, verkleidet als alte Frau, erzählte sie Zeitungsleuten. „Ich wollte immer anders sein als die anderen Mädchen, die Prinzessinnen oder Feen oder die hübschen Hexen sein wollten. Ich war dann immer die hässliche Hexe oder das Monster.“ Für ihre Fotos inszeniert sich die New Yorkerin mit aufwendigen Kostümen, kuriosen Requisiten und schrillem Make-up. „Keine dieser Figuren bin ich“, sagt sie. „Sie sind alles andere als ich.“ Und doch ist sie es selber unter dieser Kostümierung. Das alte hässliche, böse Weib, das im Grimm’schen Märchen die Kinder Hänsel und Gretel in den Backofen zu schieben und später zu verspeisen trachtet, hat aber Arme und Hände einer ganz jungen Frau. Man schaut und ist irritiert.

Sherman insistiert förmlich aufs weibliche Rollenverständnis, provoziert Identitätsfragen, spielt an auf Groteskes, Gewalt, Sexualität. Damit wurde die Tochter einer Lehrerin und eines Ingenieurs seit Ende der 70er Jahre zu einer Meisterin der inszenierten Fotografie. Und zu einer emanzipierten Verwandlungskünstlerin von Weltklasse: Seht her, ich bin’s. Und ich bin es doch nicht! Proteismus nennt man in der Psychiatrie die Zwangsneurose, in immer neue Rollen schlüpfen zu müssen. Bei Sherman wird es Kunst. Sie wäre gut genug, eine echte Schauspielerin zu sein, sagte einst Andy Warhol. Ihm imponierte, wie die junge Fotografin sich als Weiblichkeitsklischee selbst inszenierte – künstlich genug, um echt zu wirken, überzeugend genug, um gesellschaftskritisch zu sein.

Unerschöpflich scheint das Rollenangebot, umgesetzt in Travestie, Tarnung und Identitätsfindung. Was heute längst als ikonisch gilt, wurde ihr vor 30 Jahren noch heftig übelgenommen von Leuten, die sich provoziert fühlten von dieser „Apologetin des Hässlichen“. „Blasphemie!“ riefen sie vor Shermans Selbstbildnis als „Madonna Lactans“ (Stillende Madonna) von 1989. Unverhohlen sie selber, mit Krone, züchtig gesenktem Blick und kugeliger Plastikbrust – thront Sherman im himmelblauen Mantel und stiert auf das Bündel in ihrem Arm. Eine parodistische Antwort auf den Mutterkult.

Solche Identitätsspiele, Selbstversuche, elaboriert, extravagant verkleidet, vor dramatischen Landschaften und Wolkenhimmeln, brachten Cindy Sherman immer mehr Akzeptanz, ja Ruhm. Mittlerweile ist sie noch tiefer eingestiegen in ein großes Thema unserer Zeit: Gender. Wer bin ich? Das scheint die Selbstdarstellerin zu fragen, die auf den raffiniert montierten Paar-Fotos jüngeren Datums den weiblichen wie den männlichen Part gibt. Einige der Rätselbilder, deren Gesichter einen unverwandt anschauen, waren unlängst in der Berliner Galerie Sprüth Magers zu sehen. Auch „Untitled #618“ von 2019 mit Caspar-David-Friedrich-Landschaft. Davor Mann und Frau mit dem Cindy-Sherman-Gesicht, sie mit kurzen, er mit langen Haaren, in Pullovern, wie man sie im hohen Norden trägt.

Sherman griff schon immer provokant in die Kisten der gesellschaftlichen Rollenspiele, der altmeisterlichen und romantischen Malerei, in die des Kinos und der Werbeindustrie. Die Frage nach Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie, im Hinblick auf seine Selbstwahrnehmung, sein Selbstwertgefühl und sein Rollenverhalten gibt dieser Meisterin der Maskerade immer wieder neuen Stoff; sie benutzt kulturelle wie soziale Stereotype: Für Sein und Schein. Engel oder Hexe.

Schloss Altdöbern, Oberer Spreewald /Lausitz: bis 30. Oktober. www.rohkunstbau.net

Von Ingeborg Ruthe

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