Der Triumphbogen in Paris, wie Christo ihn verpacken wollte - in 25.000 Quadratmetern recyclebarem Stoff und 7000 Metern Seil. Das Projekt soll 2021 realisiert werden.
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Der Triumphbogen in Paris, wie Christo ihn verpacken wollte - in 25.000 Quadratmetern recyclebarem Stoff und 7000 Metern Seil. Das Projekt soll 2021 realisiert werden.

Nachruf

Christos letzte Mission: Der Pariser Arc de Triomphe

  • vonIngeborg Ruthe
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Der Reichstags-Verzauberer Christo starb am Pfingstsonntag. Sein ultimatives Projekt, die Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe, will sein Team 2021 realisieren.

  • Christo starb mit 84 Jahren.
  • Der Künstler wurde durch die Verhüllung des Reichstags bekannt.
  • Ein Projekt steht noch aus. 

„Ein Jegliches hat seine Zeit“, heißt es bei Salomo. Und die 16. und letzte Zeile seiner von Luther übersetzten Predigt besagt: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“ Komisch, dass mir gerade das einfällt, während ich nach Worten suche, um einen Künstler zu würdigen, der über Jahrzehnte die Welt in Atem hielt mit seinen spektakulären Verhüllungen von auratischen Landschaften und markanten, geschichtsträchtigen Bauten. So den Pariser Pont Neuf – die Brücke der Liebenden. Die Kunsthalle Bern. Den Gasometer Oberhausen. Die Inseln in der Biscayne Bay von Florida. Und, wer könnte das jemals vergessen, den Berliner Reichstag.

Christo - unablässig arbeitender Asket

Am 6. Mai, gerade ließen die zaghaft beginnenden Corona-Lockerungen wieder Ausstellungsbesuche zu, begann im Berliner Palais Populaire eine große Werkschau der Original-Zeichnungen mit Christos seit den 60er Jahren verwirklichten oder auch nur Idee gebliebenen Projekten. Es gab zur Eröffnung eine Videoschaltung nach New York; Christo grüßte sein Berliner Publikum aus seinem Atelierloft in Soho. 

Poesie der Verhüllung: Projekte von Jeanne-Claude und Christo

1985: Verhüllung von Pont Neuf, Paris. Es ist eines der Projekte, die den Künstler Christo weltberühmt machten. 
1985: Verhüllung von Pont Neuf, Paris. Es ist eines der Projekte, die das Künstlerpaar Jeanne-Claude und Christo weltberühmt machten.  © Pierre Guillaud / afp
1995: Verhüllter Reichstag, Berlin. Christo und Jeanne-Claude verdecken das Gebäude mit 100.000 Quadratmetern Spezialstoff. Es gilt als eines ihrer Meisterwerke.
1995: Verhüllter Reichstag, Berlin. Christo und Jeanne-Claude verdecken das Gebäude mit 100.000 Quadratmetern Spezialstoff. Es gilt als eines ihrer Meisterwerke. © dpa
1999: Jeanne-Claude und Christo errichteten in Europas größtem Gasbehälter, im Gasometer in Oberhaus, „The Wall“. Für die Installation wurden 13.000 farbige Ölfässer auf einer Fläche von 26 Meter Höhe und 68 Metern Breite aufeinander gestapelt.
1999: Jeanne-Claude und Christo errichteten in Europas größtem Gasbehälter, im Gasometer in Oberhaus, „The Wall“. Für die Installation wurden 13.000 farbige Ölfässer auf einer Fläche von 26 Meter Höhe und 68 Metern Breite aufeinander gestapelt. © epd
2013: Big Air Package - ein 90 Meter hohes Luftpaket im Gasometer Oberhausen. Christos erstes ohne seine Frau realisiertes Projekt.
2013: Big Air Package - ein 90 Meter hohes Luftpaket im Gasometer Oberhausen. Christos erstes ohne seine Frau realisiertes Projekt. © Roland Weihrauch/dpa
2016: Floating Piers: Auf dem italienischen Iseosee reiht Christo auf einer Länge von drei Kilometer  begehbare Kunststoffwürfel aneinander. Drei Jahre später sind diese Bilder noch einmal im Film „Christo - walking on water" zu sehen. 
2016: Floating Piers: Auf dem italienischen Iseosee reiht Christo auf einer Länge von drei Kilometer  begehbare Kunststoffwürfel aneinander. Drei Jahre später sind diese Bilder noch einmal im Film „Christo - walking on water" zu sehen.  © Wolfgang Volz/Alamode Film/dpa
2018: The London Mastaba - gestapelte Ölfässer in der Form einer ägyptischen Mastaba, die Christo in Abu Dhabi realisieren wollte, sind im Londoner Hyde Park in kleiner Form zu sehen.
2018: The London Mastaba - gestapelte Ölfässer in der Form einer ägyptischen Mastaba, die Christo in Abu Dhabi realisieren wollte, sind im Londoner Hyde Park in kleiner Form zu sehen. © Dominic Lipinski/PA Wire/dpa

Der unablässig arbeitende Asket, von dem ihm Nahestehende verrieten, er nehme Morgens lediglich eine Zehe Knoblauch, einen Apfel und ein Glas Milch zu sich und esse was Richtiges immer erst nach Sonnenuntergang, sah noch abgezehrter aus als sonst. Das Atmen machte ihm sichtlich Mühe, die Schläuche in seiner Nase gaben Anlass zur Sorge. Und doch zeigte er die gleiche Leidenschaft wie immer, wie er da von seiner Kunst redete, gestenreich sagte, er werde nach Berlin kommen, zu seinen Bildern, sobald wieder Flugzeuge fliegen dürfen. Und dann malte er, 6385 Kilometer von uns entfernt und in den Farben der Trikolore, seine nächste große und ultimative Aktion aus, die wegen der Pandemie leider auf 2021 verschoben wurde: die Verhüllung des Pariser Wahrzeichens Arc de Triomphe. Seine Dankesgeste an die Stadt, die ihn, Christo Javacheff, den Flüchtling aus Bulgarien, im Winter 1957 aufgenommen hatte und zum Weltkünstler werden ließ. Nun wird diese Vision zu seinem Vermächtnis.

Christo ist tot.

Am Pfingstsonntagabend kam die Nachricht von Christos Tod. Am 13. Juni hätte er seinen 85. Geburtstag gefeiert. An die traurige Mitteilung schloss sich das Bekenntnis seines treuen Teams an, das seit Jahren von Christos energischem Neffen Vladimir Javacheff geleitet wird und dem seit den siebziger Jahren der Düsseldorfer Fotograf Wolfgang Volz angehört, man werde die Mission des Künstlers nach dessen akribischen Vorgaben erfüllen und den Arc de Triomphe nächstes Jahr verhüllen. Die Entwürfe dafür hatte der Perfektionist längst fertig, der Auftrag für die Produktion der 6000 Quadratmeter blauweißroten Stoffes, dessen Wirkung er bis zum Faltenwurf vorgegeben hat, zu Jahresbeginn einer Lübecker Firma erteilt.

Christo und sein Beitrag zur Spätmoderne

Auch wenn es manchmal so schien, dass in den letzten 20 Jahren andere, jüngere Kunst-Trends Christos so spektakulären wie singulären Beitrag zur Kunstgeschichte der Spätmoderne, vor allem der Land Art, verdrängten, so sorgten er und seine Ehefrau, die Französin Jeanne-Claude – sie starb 2009 plötzlich an einer Hirnläsion – doch alle paar Jahre für eine weitere aufregende gigantomanische, magnetische, kostspielige, aber stets mit eigenen Mitteln finanzierte Verhüllungsaktion.

Christo hatte in seiner rothaarigen Jeanne-Claude eine symbiotische Kunstpartnerin gefunden. Die beiden waren sich am 13. Juni 1958 auf einer Party in Paris begegnet, sie und er feierten jeweils ihren 23. Geburtstag. Da beide schicksalsgläubige Menschen waren, nahmen die Dinge ihren Lauf. Er erarbeitete sich hart, aber stetig seinen Platz in der Kunstszene. Sie agierte im Hintergrund, organisierte, knüpfte Kontakte, beschaffte Geld und brachte den Sohn Kyrill zur Welt. Christo verpackte und verschnürte die ersten Alltagsdinge. Als er 1962 die Pariser Rue Visconti mit Ölfässern versperrte, war klar, dass sein Kunststil kaum traditionell zu nennen war. Rasch wurde er berühmt, eine spektakuläre Aktion folgte der anderen. Sie zog die Fäden, er, der immer ein bisschen aussah und auch so linkisch wirkte wie Woody Allen, war der Messias – und die Marke.

„Wrapped Reichstag“ von Christo

Zusammen kämpften sie in den meisten Fällen jahrzehntelang um behördliche Genehmigungen. Unvergesslich der „Running Fence“ 1976 in Nordkalifornien, ein weiß leuchtender Zaun über die Hügel bis in den Pazifik hinein. Oder die riesigen pinkfarbenen Nylon-„Manschetten“ um die Inseln vor Miami 1983. Ein Meisterwerk der Logistik und der Poesie war 1991 jene Umbrella-Aktion, als sich an einem Sonntag zeitgleich an kalifornischen und japanischen Berghängen goldgelbe und marineblaue Sonnenschirme öffneten.

2006: Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude präsentieren in der Rostocker Kunsthalle erstmals aktuelle Entwürfe zu ihrem neuesten Projekt „Over the River“, einer Verhüllung des Flusses Arkansas im US-Bundesstaat Colorado. 

Und dann glaubten wir Berliner, „Wrapped Reichstag“ im Jahr 1995 sei nie mehr zu toppen. Erinnerungen verblassen, doch diese glänzt nach. Die von Krieg und Mauerzeit gezeichnete Wallot-Architektur war durch die Bahnen zur silbrig schimmernden Skulptur geworden, von fünf Millionen Menschen aus aller Welt gefeiert. Die Gegner der Kunstaktion waren verstummt angesichts dieser Wirkungsmacht. Zerstoben waren Befürchtungen und Argumente, die Hülle könnte der Würde des Denkmals schaden, vergessen die seit 1977 anhaltende Verhinderungstaktik der Bundestagspräsidenten Stücklen und Jenninger sowie die ablehnende Haltung des damaligen Kanzlers Kohl.

Der Bundestag hatte dem Projekt 1994 endlich zugestimmt – mit 292 gegen 223 Stimmen. Als Bergsteiger am 24. Juni 1995 die letzten Fassadenbahnen abrollten, zeigte sich, dass die Symbolik stark war. Elf Millionen hatte die Reichstagsverhüllung gekostet, die Bank streckte dem Künstlerpaar die Summe vor; die Vermarktung der Zeichnungen und Drucke florierte, die Schulden wurden restlos getilgt. Sponsoren lehnte Christo ebenso ab wie Zuschüsse aus staatlichen Kassen. Es gehe „um Freiheit“; sie sei „der beste Feind von Besitz und Dauerhaftigkeit“, sagte er, wie so oft.

Christo im New Yorker Central Park

Dann legte das Paar 2005, als wäre es ein Spiel, die gigantische Aktion der goldgelb leuchtenden „Gates“ im New Yorker Central Park nach. Und im Sommer 2016 erschuf der verwitwete Christo ein zweiwöchiges Spektakel in Norditalien: „The Floating Piers“: Zehntausende spazierten über schwimmende, mit Nylongewebe bezogene Stege auf dem Wasser des Iseosees in der Lombardei zu einer im See liegenden Insel. Er und sein Team schafften es, trotz tagelanger Unwetter, dass die Besucher glauben konnten, wie Jesus über das Wasser gehen zu können. Die Stege ahmten die Bewegung der Wellen nach. Die Leute konnten das Wasser unter ihren Füßen spüren und sehen, wie sich die Wellen unter der Oberfläche des Stoffes bewegten. Christo war, wieder einmal, zum zaubernden Land-Art-Poeten geworden, zu einem Romantiker, der der Kunst neben dem Erhabenen auch vor allem das beglückend Unterhaltsame zu geben verstand.

Kaum hatte sich die Begeisterung ein wenig gelegt, da setzte Christo 2018 den enthusiasmierten Londonern seine ursprünglich für Abu Dhabi geplante „Mastaba“ vor: 7506 leere Ölfässer bildeten einen trapezförmigen Grabbau, eine Pyramide nach mesopotamischem Vorbild. Das Monument schwamm auf dem Serpentine Lake, hinter dem Kensington Palace. 20 Meter hoch und 500 Tonnen schwer, in den Farben des Union Jack.

Christo sagte Projekt wegen Donald Trump ab

Von seiner Kunst sagte Christo bei einem der vielen Interviews, die er 1995 während der Reichstagsverhüllung gab, sie sei eigentlich „total irrational und sinnlos“. Doch die flüchtige Schönheit seiner aufwendigen und immer kräftezehrenden Verhüllungen faszinierte immer wieder zahllose Menschen. So mitreißend die Projekte, so erstaunlich war immer seine Langmut, dieses jahrzehntlange Warten auf die Genehmigungen, der Umgang mit Hindernissen. „Wenn ich Spaß habe an den Problemen“, sagte er 1994, „dann freue ich mich auch am Risiko, an der Herausforderung, dem Aufprall.“

Einmal sah Christo aus politisch-emotionalen Gründen von einem seiner langjährigen Lieblingsprojekte gänzlich ab – seinem gigantischen Traumziel „Over the River“ in Colorado. Kurz nach dem Amtsantritt Donald Trumps als US-Präsident sagte Christo das ehrgeizige Vorhaben ab – obwohl er schon 15 000 Dollar investiert hatte. Teile des Colorado-Flusses gehören dem Staat. Christo wollte auf keinen Fall, dass Grundherr Trump die Kunstaktion für sich als Werbung vereinnahmen könnte. Derart konsequent und bar aller Larmoyanz konnte der leidenschaftliche, ehrgeizige Christo auch sein.

Sein Ruhm, behaupten die Biografen, sei der Lohn für das unerschütterliche Festhalten an der Vision. Man darf es auch Besessenheit nennen. Der Verhüllungsmissionar, der Millionen begeisterte, lebt nicht mehr. Jetzt wird alles, was zuletzt durch eine offensichtlich allzu strapazierte Produktion von Erinnerungsbildern und Devotionalien an Wert verlor, auf einmal sehr viel teurer und begehrter. Christo hat davon, so wie es immer sein Prinzip war, keinen Gewinn.

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