Christoph Vitali zusammen mit der norwegischen Königin 2007 in einer Munch-Ausstellung in Basel. 07.

Nachruf

Christoph Vitali, der große Vermittler

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Zum Tod des Gründungsdirektors und bedeutenden Kurators der Frankfurter Schirn-Kunsthalle.

Er verkörperte einen Typus, der kaum noch existiert. Er war ein Grandseigneur der Kunst, ein begnadeter Vermittler, dennoch blieb er bescheiden. Christoph Vitali, der Gründungsdirektor der Kunsthalle Schirn in Frankfurt, ist gestorben. Der gebürtige Schweizer wurde 79 Jahre alt. Die Kulturstadt Frankfurt verdankt ihm viel.

Der Sohn des Bildhauers Antonio Vitali kam in Zürich zur Welt und studierte in Princeton in den USA die schönen Künste, bevor er sich an der Universität Zürich der Jurisprudenz zuwandte. Zwischendurch belegte der Weltbürger aber auch im spanischen Granada Vorlesungen zu Literatur und Kunstgeschichte. Von 1971 bis 1978 leitete er das Kulturreferat der Stadt Zürich, war dort für ein breites Kulturangebot verantwortlich, das auch ein Kommunales Kino umfasste. Der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) wurde auf den jungen Schweizer aufmerksam. 1979 holte er ihn als Verwaltungsdirektor an die Städtischen Bühnen.

Er weitete seine Rolle aus

Anfang der 80er Jahre schloss der Sozialdemokrat Hoffmann mit dem konservativen CDU-Oberbürgermeister Frankfurts, Walter Wallmann, einen wichtigen Kompromiss. Hoffmann stimmte der Rekonstruktion von Fachwerkhäusern an der Ostseite des Römerbergs zu, der sogenannten „Römerberg-Ostzeile“. Im Gegenzug aber sollte zwischen diesem neuen Fachwerk und dem Dom ein großes Gebäude für die moderne Kunst entstehen, eine Ausstellungshalle. In dieser Schirn Kunsthalle wollte Hoffmann moderne Kunstwerke aus anderen Frankfurter Häusern zeigen, namentlich aus dem Städel. Er berief Christoph Vitali 1985 zum Gründungsdirektor dieser Kunsthalle. Am 28. Februar 1986 wurde die Schirn ihrer Bestimmung übergeben. Es war dem Architekturbüro BJSS (Dietrich Bangert, Bernd Jansen, Stefan Jan Scholz und Axel Schultes) gelungen, auf dem schmalen, langgestreckten Grundstück 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zu schaffen. Das Gebäude ist 140, Meter lang, aber nur knapp zehn Meter breit.

Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Schirn-Direktor Vitali gab sich nicht mit der ihm zugedachten Rolle zufrieden. Er wollte nicht nur Kunstwerke aus anderen Frankfurter Häusern zeigen, er wollte eine Institution mit eigenem Profil. Zur Verblüffung des Kulturdezernenten legte Vitali mit großem Enthusiasmus und viel Professionalität los. Nach anfänglichem Widerstand ließ ihm Hoffmann freie Hand, er vertraute dem Schweizer. Ihm gelang, was viele Fachleute für unmöglich hielten, er bespielte das schwierige Format der Schirn mit eigenen Konzepten. Gleich die erste von ihm kuratierte Schau wurde ein Erfolg. „Die Maler und das Theater im 20. Jahrhundert“ vereinte Werke unter anderem von Pablo Picasso, Edvard Munch, Fernand Léger und Robert Wilson.

In den nächsten Jahren etablierte Vitali die Kunsthalle Schirn als international beachteten Ausstellungsort. Die von dem Schweizer und seinem Team kuratierten Ausstellungen waren eigene Welten mit aufwendiger Architektur. Sie legten die Basis für den Rang der Schirn. 1988 zeigte er eine umfassende Retrospektive der Werke des US-Pop-art-Künstlers Roy Lichtenstein. 1989/90 folgte der russische Expressionist Wassily Kandinsky, diese Schau sahen fast 200 000 Menschen, sie ist bis heute eine der erfolgreichsten Ausstellungen der Schirn. 1992 präsentierte Vitali in „Marc Chagall – Die russischen Jahre 1906-1922“ sieben Wandgemälde Chagalls, die dieser für das Jüdische Theater in Moskau gefertigt hatte. Sie waren in Vergessenheit geraten, wurden für die Präsentation in der Schirn aufwendig restauriert.

Vitali liebte es zu kuratieren. Von ihm ist die Aussage überliefert: „Ausstellungen einzurichten ist die schönste Aufgabe: Enthusiastisch kann man sich immer wieder neuen Themen hingeben wie einer Frau, aber nicht einer, man kann polygam sein.“

1994 hat der Schweizer Frankfurt verlassen, um in München die Direktion des Hauses der Kunst zu übernehmen. 2004 rückte er an die Spitze der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, 2008 wurde er Interimsdirektor der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Die Spuren aber, die Christoph Vitali in Frankfurt hinterließ, wirken heute noch nach. Er ist immer wieder gerne hierher zurückgekehrt, auch um die Goetheplakette der Stadt entgegenzunehmen. Am 18. Dezember ist er in seiner Geburtsstadt Zürich gestorben, bekannt wurde das erst nach Weihnachten.

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