Christoph Stölzl

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Kulturstaatsministerin Monika Grütters kann den Historiker Christoph Stölzl als Vertrauensperson für das Jüdische Museum Berlin gewinnen.

Nach dem Rücktritt Peter Schäfers von der Leitung des Berliner Jüdischen Museums reißen die Auseinandersetzungen um die bedeutende Einrichtung in der Kreuzberger Lindenstraße nicht ab. Zuletzt verging kein Tag, an dem nicht weitere Solidaritätsadressen namhafter Experten an den angesehenen Judaisten Schäfer adressiert wurden, der seinen Posten nach heftigen Kontroversen um die Rolle des Museums Mitte Juni schließlich zur Disposition gestellt hat.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat als Vorsitzende des Stiftungsrats des Jüdischen Museums nun einen Vorschlag gemacht, mit dem sie hofft, die Wogen ein wenig glätten zu können. Bis zum Antritt einer neuen Führungsspitze, nach der eine eigens berufene Findungskommission bis zum kommenden Frühjahr in der ganzen Welt Ausschau hält, soll der erfahrene Museums-Mann, Kulturjournalist, Historiker und frühere CDU-Politiker Christoph Stölzl als Vertrauensperson für den gerade neu zusammengesetzten Stiftungsrat des Jüdischen Museums agieren. Der 75-Jährige werde ehrenamtlich und ohne Arbeitsvertrag wirken, sagte Grütters am Dienstag in den neuen Räumen der Pressestelle der Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM) am Potsdamer Platz. Im selben Atemzug formulierte sie jedoch ein überaus anspruchsvolles Anforderungsprofil für die bevorstehende Vermittlungsmission: „Er wird der Stiftung in allen Fragen zur Seite stehen und seine persönliche Integrität nutzen, um die inhaltliche Unabhängigkeit und die Weiterentwicklung des Jüdischen Museum Berlin zu sichern.“ Christoph Stölzl gilt als Tausendsassa der Berliner Kulturpolitik. Bereits 1987 berief ihn die Bundesregierung unter Helmut Kohl zum Generaldirektor des neu gegründeten Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin, ein Amt, das Stölzl zwölf Jahre lang ausübte. Der Autor zahlreicher Bücher war später Feuilletonchef der Tageszeitung „Die Welt“ und übernahm von 2002 an für zwei Jahre den Landesvorsitz der Berliner CDU, obwohl er zuvor der FDP angehört hatte. Seit 2010 ist Stölzl Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar.

Grütters glaubt, in ihm einen versierten Kommunikator mit Führungsqualitäten gefunden zu haben, der das Jüdische Museum in einer schwierigen Übergangsphase stabilisieren kann. Seit Schäfers Rücktritt wird das Haus interimistisch von Martin Michaelis geleitet, dem geschäftsführenden Direktor seit 2014, und erst im Januar hatte Léontine Meijer-van Mensch die Programmleitung des Jüdischen Museums abgegeben; auch auf weiteren Positionen stehen Personalwechsel an.

Darüber hinaus aber ist in den letzten Monaten mehr als deutlich geworden, dass das Jüdische Museum keine kulturpolitische Einrichtung unter vielen ist, sondern eine, die vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Mit der Suche nach einer neuen Direktion stellt sich ganz entschieden die Frage nach gestalterischer Autonomie.

Bereits vor Monaten hatte die israelische Regierung massive Vorwürfe gegen die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ erhoben. Es werde in ihr eine einseitige muslimisch-palästinensische Sicht auf die Stadt vertreten, hatte sich Staatschef Benjamin Netanjahu höchstpersönlich beklagt, und Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, hatte nach der Affäre um eine Twitter-Botschaft der inzwischen gekündigten Pressesprecherin des Museums, in der diese sich nicht genügend von der anti-jüdischen Boykottbewegung BDS distanziert hatte, kurz und knapp konstatiert: „Das Maß ist voll.“

„Die Autonomie und Unabhängigkeit des Jüdischen Museums sind für mich nicht verhandelbar“, betonte Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Dienstag. Zugleich verwies sie auf die besondere Rolle des Hauses. Von einem Jüdischen Museum werde natürlich immer erwartet, dass gerade auch Juden sich in dessen Ausstellungen und Veranstaltungen wiedererkennen. „Gleichzeitig ist wichtig, dass durch das Jüdische Museum Berlin auch die nicht-jüdische Welt mehr über das Judentum erfährt. Es soll ein Ort des Dialogs sein, der Meinungsvielfalt, aber auch der Überraschung und des Widerspruchs.“

An Widersprüchen hat es zuletzt nicht gemangelt, und Christoph Stölzl ist nun aufgerufen, sie zu moderieren. Er ist mit allen kulturpolitischen Wassern der alten Bundesrepublik gewaschen, und er wird beweisen müssen, ob dies als Rüstzeug genügt, um in den neuen weltpolitischen Konfliktzonen zu bestehen.

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