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Christian Schad Museum in Aschaffenburg eröffnet – Gespür und Zeitgeist

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Von: Sandra Danicke

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In Aschaffenburg hat endlich das Christian Schad Museum eröffnet - es zeigt einen Künstler, der für seinen späten Erfolg gekämpft und vieles, sehr vieles ausprobiert hat.

Zwei junge Männer, die sich zärtlich küssen. Soweit man sehen kann, sind sie nackt. Als Christian Schad 1929 die Silberstiftzeichnung „Liebende Knaben“ anfertigte, hat das kaum jemand mitbekommen. Ob es daran lag, dass der Künstler damals nicht sonderlich begehrt war oder am Motiv, darüber kann man heute nur spekulieren. Wobei das Motiv im Berlin der Weimarer Republik eher wenig Anstoß erregt haben dürfte. Tatsache ist: Das Bild blieb vierzig Jahre lang im Besitz des Künstlers. Erstmals ausgestellt wurde es 1980.

Das Thema Homosexualität war Ende der zwanziger Jahre in Berlin, wo diese Zeichnung nach einer Fotografie entstand, immerhin umkämpft. Der Paragraf 175, der sexuelle Handlungen unter gleichgeschlechtlichen Menschen zum Verbrechen erklärte, stand vehement in der Kritik. Ohnehin war man damals in Berlin liberaler als anderswo, die Subkultur blühte auf, wie man weiß. Die Besonderheit dieses Blattes liegt also nicht in erster Linie am Thema, seine Schönheit bezieht es vor allem daraus, dass Schad mehr andeutet als er zeigt – die Unterkörper sieht man nicht –, die Darstellung ist anonymisiert, idealisiert, zeitlos.

Das Blatt gehört zu den Höhepunkten des neuen Christian Schad Museums und wäre dort bereits seit drei Jahren zu sehen, wenn die unzureichende Klimatechnik die Eröffnung nicht absurd in die Länge gezogen hätte – eine Verzögerung, wie man sie eher in Berlin erwartet hätte und nicht in Aschaffenburg, jener Stadt, in der der Künstler, der 1894 im oberbayrischen Miesbach geboren wurde, die letzten vierzig Jahre seines Lebens verbracht hat. Ein Leben, das geprägt war vom Ringen um Erfolg. Schad hatte es zuvor bereits in Zürich, in Genf, in Rom und Neapel probiert, war in München und in Berlin gewesen – um schließlich in Unterfranken zu landen.

Hergekommen war er 1942 wegen eines Auftrages: Josef Kurt Freiherr von Gorup von Besanez hatte Schads Porträt der NS-Lieblingsschauspielerin Kristina Söderbaum als Abbildung in der Zeitschrift „Silberspiegel“ gesehen und war begeistert. Schad erklärte sich bereit, zunächst die Frau des Freiherrn, Ruth, und im folgenden Jahr den Baron selbst zu porträtieren und bekam so nicht nur Zugang zur wohlhabenden Gesellschaft, sondern auch zahlreiche Nachfolgeaufträge.

Zufällig erhielt er zur selben Zeit von Wilhelm Wohlgemuth, damals Oberbürgermeister, NSDAP-Kreisleiter und SS-Sturmbannführer, den Auftrag, für die Maria-Schnee-Kapelle der Aschaffenburger Stiftskirche eine originalgetreue Kopie der um 1516 entstandenen „Stuppacher Madonna“ von Matthias Grünewald anzufertigen – ein mit 12 000 Reichsmark äußerst lukrativer Job.

Als zum gleichen Zeitpunkt auch noch Schads Berliner Atelier von Bomben zerstört wurde, blieb er einfach in Aschaffenburg, das aus diesem Grund über ein riesiges Konvolut von Schads Werken und Besitztümern verfügt, darunter Briefe, Mobiliar und eine umfangreiche Bibliothek. Schads Witwe Bettina hatte zwei Jahre vor ihrem Tod 2002 eine von der Stadt verwaltete Stiftung gegründet, aus deren Fundus nun das Museum schöpfen kann. Der Umfang ist mächtig – auch wenn sich Schads Hauptwerke größtenteils anderswo befinden.

Immerhin: Nicht nur die „Liebenden Knaben“, auch die „Mexikanerin“ von 1930 ist hier zu sehen: eine Frau mit bezwingendem Blick, die in Tracht gekleidet vor der glühenden Kulisse des mexikanischen Hochlands steht. Oder „Bettina“ von 1942, ein sanftes, ja liebevolles Porträt vor düster-romantischer Berglandschaft. Unlängst konnte auch der 1936 entstandene „Hochwald“ angekauft werden, ein mit 230 mal 176 Zentimetern beachtliches Großformat, altmeisterlich, mit Tempera-Untermalung, auf dem das Bergpanorama um die von Schads Vater Carl errichtete Jagdhütte in der oberbayerischen Alpenregion, vor allem aber ein über 500 Jahre alter Nadelbaum zu sehen sind. Man versteht sofort, warum das Gemälde in den dreißiger Jahren in zwei NS-Kunstausstellungen gezeigt werden konnte. Das macht es indes nicht weniger bewegend.

Im neuen Museum erfährt man so einiges über den Maler, der bis in die sechziger Jahre hinein als unbedeutend galt, etwa dass er einen Hang zum Okkultismus hatte. Eine reproduzierte Bücherwand zeigt, dass Schad sich mit Aleister Crowleys kruden Schriften, mit ostasiatischer Philosophie, Hinduismus, Zen-Buddhismus, Yoga und Esoterik auseinandergesetzt hat – darunter Autoren, die von einer rassischen Veredelung des Volkes träumten. Auch mit Geheimwissenschaften wie Grafologie, Hellseherei und Magnetismus hat sich der Künstler offenbar intensiv beschäftigt. Ein von Schad erstelltes Horoskop des „Dritten Reiches“ gibt bis heute Rätsel auf. War der Mann, der ein so sensibles Bild wie die „Liebenden Knaben“ zeichnete, ein Nazi? Ein „entarteter Künstler“, der vom damaligen Regime verfolgt wurde, war er jedenfalls nicht. Womöglich war er einfach nur dem Zeitgeist verpflichtet und suchte seinen Vorteil, wo er sich bot.

Der Vater, der gute Kontakte zum bayrischen Königshaus hatte, protegierte und finanzierte den Sohn fünf Jahrzehnte lang. Er half ihm auch dabei, mit einem simulierten Herzfehler, den ein befreundeter Arzt attestierte, der Einberufung im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Schad ging nach Zürich und bald weiter nach Genf, schloss sich der Dada-Bewegung an, experimentierte mit Holzschnitten, Holzreliefs, Schreibmaschinenbildern, malte mal im Stil des Kubismus, mal expressionistisch und erzeugte fotografische Konturbilder, indem er Gegenstände auf lichtempfindliches Papier legte und es dann auf seiner Fensterbank belichtete. Eine dieser so genannten Schadographien – die „Schadographie Nr. 11“ – von 1919 konnte die Stiftung vor einigen Jahren für das Museum aus US-amerikanischem Privatbesitz erwerben.

1920 reiste Schad nach Rom und Neapel, um die Alten Meister zu studieren, entdeckte den Realismus für sich und heiratete 1923 die Römerin Marcella Arcangeli. Mit Frau und Sohn zog er weiter nach Wien, doch der Erfolg ließ auf sich warten, die Ehe zerbrach. 1927 dann der Umzug nach Berlin, wo sich Schad ins Milieu der Kleinkriminellen, Prostituierten und Homosexuellen begab.

Hier entstanden seine bedeutendsten veristischen Bilder: das unterkühlte „Selbstporträt mit Akt“ (1927) oder die androgyne „Sonja“ (1928), die mit Augenringen und Zigarettenspitze so selbstbewusst im Café sitzt. – Ikonen der Neuen Sachlichkeit (die allerdings nicht in Aschaffenburg sind). Zur Entstehungszeit konnte Schad damit erstaunlicherweise nicht reüssieren. Vielleicht lag es daran, dass sein Stil, der die Themen der Moderne mit dem Formenrepertoire der Alten Meister kurzschloss, von vielen Betrachterinnen und Betrachtern nicht präzise eingeordnet werden konnte. Womöglich erschien er, der Stil, manchen schlichtweg zu kalt, zu blutleer. Seinen Lebensunterhalt verdiente Schad – auf Vermittlung des Vaters – als Leiter einer bayerischen Brauereifiliale.

Immerhin konnte er in den dreißiger Jahren diverse Reproduktionen seiner Frauenporträts an Zeitschriften wie „Jugend“ oder „Die Dame“ für deren Cover verkaufen, weil sie dem Typus der modernen, selbstbewussten und zugleich bildschönen Frau so perfekt entsprachen. Darunter Bilder von seiner damaligen Freundin Maria Lahmann, genannt Maika, und von diversen Schauspielerinnen wie Luise Ullrich oder der von Spöttern gern als Reichswasserleiche bezeichneten Kristina Söderbaum. Schad porträtierte auch Marlene Dietrich, zerstörte das Bild jedoch, als die Schauspielerin beim NS-Regime in Ungnade fiel.

Die Nationalsozialisten taten sich trotzdem schwer mit Schad, der wie erwähnt noch 1937 mit mehreren Werken in der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ – der Prestigeschau für nationalsozialistisch gewollte Kunst – in München vertreten war, dessen Bilder 1938 jedoch schon nicht mehr angenommen wurden.

1942 lernte Schad Bettina Mittelstädt kennen. Als 1943 in Berlin das Atelier des Künstlers zerstört wurde, war sie es, die die Bilder des Geliebten aus dem Gebäude rettete und in eine Spedition brachte. Dass die Spedition an diesem Tag keine Lagerkapazität hatte und Schads Werke in einen LKW verfrachtet wurden, der zwei Straßen weiter parkte, grenzt an ein Wunder: Die Spedition wurde just zu diesem Zeitpunkt von Bomben zerstört.

Nach dem Zweiten Weltkrieg heiratete das Paar in Aschaffenburg. Dass Schad, der 1933 in die NSDAP eingetreten war – auf Drängen seines Vaters, wie er später betonte –, nicht zu den als „entartet“ verfemten Künstlern zählte, dass er die letzten Kriegsjahre als altmeisterlicher Maler in Aschaffenburg überdauert hatte, wirkte sich auf seine Karriere nicht gerade günstig aus.

Der Künstler hielt sich mit Restaurierungsarbeiten und VHS-Kursen finanziell über Wasser, gab Yoga-Seminare, lehrte Autogenes Training. Der Stress war groß, die Wohnung winzig; 1950 erlitt Schad einen Nervenzusammenbruch. In dieser Zeit begann der Okkultismus das Denken des Malers zunehmend zu bestimmen. Schad beschäftigte sich mit okkulten Riten und versuchte, Kontakt mit der jenseitigen Welt aufzunehmen.

Erst in den sechziger Jahren begann man, den Anteil den Schad, der inzwischen von Aschaffenburg wenige Kilometer weiter ins ländliche Keilberg gezogen war, mit seinen Werken an der Kunst der Moderne hatte, zu realisieren. Die Neue Sachlichkeit war jetzt wieder gefragt, so dass Schad erneut an seinen realistischen Malstil anknüpfte und so den Magischen Realismus seines Spätwerks entwickelte.

Doch erst eine große Retrospektive, die 1980 (zwei Jahre vor seinem Tod) in der damaligen Berliner Kunsthalle gezeigt wurde, katapultierte Schad endlich in die erste Riege der deutschen Künstler der Weimarer Republik. Die Verflechtungen und Irritationen in seiner Biografie wurden damals ausgeblendet oder waren schlicht unbekannt.

museen-aschaffenburg.de

Christian Schad: „Hochwald“, 1936. Bild: Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg, Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg/Stefan Stark
Christian Schad: „Hochwald“, 1936. Bild: Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg, Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg/Stefan Stark © Museen der Stadt Aschaffenburg/Stefan Stark

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