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Crépuscule “, 1996. Jeden Tag erlöschen einige Birnen, bis der Raum im Dunkeln liegt. Philippe Migeat/Centre Pompidou/ADAGP, Paris, 2019
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Crépuscule “, 1996. Jeden Tag erlöschen einige Birnen, bis der Raum im Dunkeln liegt.

Berlin

Christian Boltanski in Berlin: Sein Herzschlag

  • vonIngeborg Ruthe
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„Danach“ – Zentrale Werkgruppen Christian Boltanskis in Berlin

Zum 17. Gallery Weekend in Berlin gehörte auch die Eröffnung dieser Schau: Mit einem Gesamtkunstwerk besetzt der Franzose Christian Boltanski, Jahrgang 44, geboren in Paris, das gesamte Haus der Galerie Kewenig mit Details seiner berühmten Werkgruppen. In ihnen offenbart er die Kernthemen seiner Kunst. Und rasch erfasst man, dass bei ihm jedes einzelne Werk mit den anderen zusammenhängt.

Das ist die wesentliche Aussage der Ausstellung. Boltanski arbeitet mit den Grauzonen und den Gratwanderungen menschlicher Existenz. Die Frage nach dem Sinn des Daseins bestimme seine Arbeit, sagt er: Tod und Erinnerung, Zufall und Bestimmung, Geschichte und das Verfließen der Zeit, damit die Endlichkeit des Lebens. „Da unser Geist von unseren Vorfahren kommt, bin ich mir sicher“, so der – nicht religiöse! – Boltanski, „dass es in uns noch all die Toten gibt, die vor uns ... existierten“.

Die einsame Glühbirne, die im Dunklen glimmt, derweil die anderen im Pulk nacheinander verlöscht sind, besagt es: Der Künstler mit väterlicherseits jüdisch-ukrainischen und mütterlicherseits korsischen Wurzeln, Bruder des Soziologen Luc Boltanski, lässt alles im Rätselhaften. Man ahnt indes, dass es in seinen so enigmatischen wie emotionalen Installationen um Vergänglichkeit geht. Und um Erinnern und die Gefahr der Verfälschung der Erinnerungen. Es sind immer Elementarzustände, aus denen dieser Nachfahre von Holocaust-Davongekommenen seine Bildsprache für die Installationen und seine eigenartigen Schattenbilder bezieht.

Fragilität des Lebens

Boltanskis ikonische Installation „Coeur“ ist der Mittelpunkt: Pochende Basstöne dringen über Lautsprecher in alle Räume. Es handelt sich um eine Aufnahme von Boltanskis Herzschlag, der vom synchronen Flackern zweier Glühbirnen – eine im Erdgeschoss, eine im ersten Stockwerk – begleitet wird. Das im Rhythmus des Herzschlags flackernde Licht wird zum Symbol für die Fragilität des Lebens und das gnadenlose Vergehen der Zeit. Vor Jahren schon hat er von 60 000 Menschen weltweit und vor allem auf der japanischen Insel Teshima Herztöne auf Band gespeichert, davon ein Archiv angelegt, sozusagen der Menschheit den Blutdruck gemessen. Und er hat diese Lebensgeräusche auf laut gestellt, all die Foto-Porträts auf transparente Tücher gedruckt. Ein Zug des Lebens und des Erinnerns.

Es heißt, für Boltanskis Kunst sei immer der Holocaust Referenzpunkt. Das hat den Anschein, stimmt aber so nicht: Boltanski verharrt nicht beim Requiem. Er schaut und horcht auch tief hinein ins pralle Leben.

Als sanfte, fröhliche, lebensbejahende „Geister“ hat er die Fotoinstallation als Tableau von Kindergesichtern arrangiert. Das Lachen, die neugierigen Augen sind aufs Leben gerichtet, nicht auf das Ende. Das ist so erbauend und hoffnungsvoll nach diesem endlosen Pandemie-Jahr. Und er stellt sich dem Vergänglichen selbst: In Zeitlupe verschwindet sein eigenes Kindergesicht, mit dem Muttermal auf der Wange, in dem älter werdenden Männergesicht, die schwarzen kurzen Haare weichen einem kahlen Kopf, die schmalen Wangen werden feister, die glatten Züge bekommen Falten. Biografie zwischen Stirn und Kinn, erbarmungslos ist das Altern, aber ehrlich schön das Bekenntnis zu dem, was eben ist: Leben.

Der Übergang vom Leben zum Tod erschien schon in seinen Altkleiderhaufen, den Foto-Text-Archiven, Namenstafeln, Stimmarchiven, Koffertürmen. Im Weltkulturerbe Völklinger Hütte hat er einen Erinnerungsort für die NS-Zwangsarbeiter an diesem Ort geschaffen. Und im Keller des Deutschen Reichstags, wo er ein Archiv mit Kartons installierte, auf denen Namen der Abgeordneten seit 1918 stehen, darunter der Hitlers und seiner parlamentarischen Spießgesellen. Die Kartons sind leer, auch das ist Erinnerung.

Galerie Kewenig, Berlin, Brüderstr. 10: bis 26. Juni. Besuch mit Anmeldung und Negativtest. kewenig.com

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